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Kein Platz mehr für Jupp

Der diskrete Charme der Trainingsanzugträger: »Lieber Herr Bundestrainer!« dokumentiert die Korrespondenz der Fußballprofis

  • Frank Jöricke
  • Lesedauer: 6 Min.

Dies ist ein Nachruf. Auf eine Welt, die es nicht mehr gibt. Und die es in dieser Form auch nie gab. Denn man soll über Tote nichts Schlechtes sagen.

Der Tote, den es zu betrauern gilt, ist der Profifußball. Er starb an Gier und Größenwahn. Einige behaupten, er lebe noch. Aber das Wesen des Lebens ist der Wandel. Dinge verändern sich. Niemand bleibt immerfort ganz oben. Sieger stürzen ab, Verlierer steigen auf. Und jetzt frage ich Sie: Wie viele Mannschaften haben in den letzten zehn Saisons die Deutsche Meisterschaft gewonnen? Eben.

Schauen wir uns also nicht den Zombie von heute an, den Untoten, der glaubt, es wäre alles in Ordnung mit ihm, sondern den Fußball, wie wir ihn kannten und liebten. Und zwei, die ihn besonders liebten, sind Philipp Köster und Tim Jürgens, die beiden Chefredakteure von »11Freunde«, dem Fußballmagazin für Nostalgiker. Mit »Lieber Herr Bundestrainer!« ist ihnen ein Buch gelungen, das ausschließlich aus Originaldokumenten besteht. Was Jürgens und Köster an Zeitzeugnissen zusammengestellt haben, ist eine Wundertüte.

Da gibt es offizielle und weniger offizielle Briefe (z.B. einen Liebesbrief von Italia Walter an ihren Mann Fritz unmittelbar vor der WM 1954), Telegramme, handschriftliche Notizen, Tagebucheinträge, Schreiben von Rechtsanwälten, Spielerverträge und sogar einen Vernehmungsbericht der Staatssicherheit – diese verdächtigte Ralf Minge, Stürmer von Dynamo Dresden, die Flucht in die BRD zu planen.

Die Dokumentensammlung umspannt einen Zeitraum von über 100 Jahren, von den Anfangstagen des Fußballs, als man versuchte, eine Mannschaft für die Olympischen Spiele 1896 in Athen zusammenzustellen, bis in unser Jahrhundert, als »Spielerberater« zum akzeptierten Beruf wurde. Die Herausgeber verzichten dabei weitgehend auf eine chronologische Reihenfolge. Da folgt auf mehrere persönliche Briefe von Bundestrainer Sepp Herberger (1936 bis 1964) ein öffentliches Schreiben von Gerhard Schröder an Lothar Matthäus nach der verkorksten EM 2000, in dem der Bundeskanzler den damals 39-jährigen Nationalspieler vor Kritikern in Schutz nimmt.

Es ist eine kunterbunte Mischung, die Köster und Jürgens auf 288 Seiten zusammengetragen haben. Da findet sich Intimes neben Juristischem und Trauriges neben Kuriosem. Als etwa die bundesdeutschen Frauen 1989 überraschend die Fußball-Europameisterschaft gewannen, zeigte sich der DFB in Geberlaune. Es »soll der Versuch gemacht werden, auch durch ein praktisches Geschenk Freude auszulösen.« Diese jedoch hielt sich, wie die Europameisterin Petra Landers 33 Jahre später in dem ergänzenden Interview berichtet, in Grenzen. Das »praktische Geschenk« entpuppte sich als 41-teiliges Tafel- und Kaffeeservice, das sie »in Ihre Wohnung gebracht erhalten.« Zum Vergleich: Die Siegprämie der Fußball-Männer, die ein Jahr später Weltmeister wurden, betrug über 125 000 DM pro Person.

Überhaupt: das Geld. 1974 gelang es dem 1. FC Kaiserslautern in einer Hauruckaktion einen der besten Torhüter der Welt zu verpflichten: den Schweden Ronnie Hellström. Der Vertrag wurde auf die Schnelle handschriftlich verfasst (um genau zu sein: auf das Briefpapier des Vereins gekritzelt). Sein vereinbartes Jahresgehalt betrug 50 400 DM. Das entspricht inflationsbereinigt 78 000 Euro – Cristiano Ronaldo verdient diese Summe in knapp vier Stunden. Und Hellströms Salär war noch üppig verglichen mit den Gehältern, die 1950 gezahlt wurden. Der Trainer von Hertha BSC Berlin und spätere BRD-Bundestrainer Helmut Schön schrieb damals einen Bittbrief an Adidas-Chef Adi Dassler, ob er sich nicht als Adidas-Vertreter in Westberlin verdingen könnte, da »ich fast den ganzen Tag über bis in die Nachmittagsstunden hinein viel freie Zeit habe.«

Was nicht nur an Schöns Schreiben auffällt, ist der ehrerbietige, ja, devote Ton, den viele der Absender anschlagen. Selbst ein Ausnahmespieler wie Bernd Schuster gibt sich kleinlaut, wenn er nach seinem unentschuldigtem Fernbleiben von einem Länderspiel 1980 den Präsidenten des Deutschen Fußballbunds, Hermann Neuberger, um Milde ersucht: »Es ist zwar ein unverzeihlicher Fehler meinerseits gewesen (…), aber ich bitte Sie, diesbezüglich Nachsicht zu üben. Mir war zu meinem größten Bedauern die Tragweite nicht bewusst.« Es fällt schwer, sich einen Neymar, Mbappé oder Ibrahimovic in der Rolle des katzbuckelnden Büßers vorzustellen.

Umgekehrt scheuten die Fußballfunktionäre nicht davor zurück, ihre kickenden Angestellten an ihre Pflichten zu erinnern. Gerhard Mayer-Vorfelder, Präsident des VfB Stuttgart (und später auch des DFB), gemahnte den Nationalspieler Karl Allgöwer schriftlich, doch bitte den mitgesandten VfB-Aufkleber an dessen Pkw zu befestigen: »Ich würde mich freuen, wenn Sie hierdurch Ihre Identifikation mit dem VfB Stuttgart zum Ausdruck bringen würden.« Allgöwer, der aufgrund seines politischen Engagements für die Friedensbewegung und gegen Atomkraft wiederholt mit dem CDU-Hardliner Mayer-Vorfelder aneinandergeriet, ignorierte die Aufforderung. Mayer-Vorfelder verlor nie wieder ein Wort über den Vereinsaufkleber. Ein erfolgreicher Akt der Rebellion. Und ein harmloser zugleich. Ein derartiges Aufbegehren erinnert an typische Vater-Sohn-Konflikte, und derer gibt es im Buch einige. Papa Sepp (Herberger) verzweifelte an seinem trinkfesten Sprössling Helmut (Rahn). Und Papa Jupp (Derwall) musste seinen aufmüpfigen Sohn Paul (Breitner) 1980 in aller Öffentlichkeit rügen, weil dieser taktische Fouls für notwendig erklärt hatte – »Die von Dir aufgestellte These ist (…) gefährlich, (…) besonders für unsere jugendlichen Fußballer. Selbst wenn man kein Vorbild sein will, (…) sollte man vielleicht doch verantwortungsbewußt für viele andere daran denken, wieviel Unheil solche Worte anrichten.«

Derwalls Ausdrucksweise war typisch für die vor-postmoderne Zeit. Es ist ein altbackener Sportkameraden-Tonfall, den damals jeder Trainingsanzugträger lebte und zelebrierte und der in dieser geballten Form Seltsames in einem auslöst. Erstaunt ertappt man sich dabei, dass man Gefallen findet an der biederen Redlichkeit, die sich in solchen Worten ausdrückt – auch wenn sie schon damals (spätestens mit dem Bundesliga-Bestechungsskandal 1971) aus der Zeit gefallen war. Es ist ein warmer Mief, der einem da entgegenströmt. Ein Flair, das einem seinerzeit sauer aufstieß und das heute wehmütige Gefühle auslöst.

Wie rührig war doch das Bemühen, in einer Erfolg-um-jeden-Preis-Welt einen Rest von Vereinsheimatmosphäre zu bewahren! Man mag dies als sentimental empfinden, aber wie viel sympathischer war eine solche Haltung als jenes kalte Champions-League-Technokratentum, das im Fußball nur noch ein Eventprodukt sieht, das es profitmaximiert zu vermarkten gilt. So erinnert einen die liebevoll gestaltete Briefsammlung »Lieber Herr Präsident!« daran, wofür Fußball mal stand. Damals, als er noch lebte.

Tim Jürgens & Philipp Köster (Hg.): »Lieber Herr Bundestrainer!« Briefe, die die Fußballwelt bewegten. Heyne Verlag, 288 S., geb., 26  Euro.

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