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Die USA sind zurück

Washington nimmt den Ukraine-Krieg zum Anlass, sich in Zentralasien neu aufzustellen

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 9 Min.
Begehrter Rohstoff: Ölförderung auf der Halbinsel Buzachi in Kasachstan
Begehrter Rohstoff: Ölförderung auf der Halbinsel Buzachi in Kasachstan

Ich bin hier, um ‚Dan­ke‘ zu sagen«. Mit die­sen Wor­ten bedach­te die­se Woche US-Prä­si­dent Joe Biden die 300 Beschäf­tig­ten des US-Rüs­tungs­kon­zerns Lock­heed-Mar­tin, die in der Fabrik in Troy, Ala­ba­ma, die Anti-Pan­zer-Rake­te Jave­lin her­stel­len. »Sie kom­men schnell und ver­feh­len nicht ihr Ziel«, lob­te Biden die Jave­lins. Der US-Prä­si­dent schickt sie in den Krieg in der Ukrai­ne, den er den Lock­heed-Beschäf­tig­ten als »einen fort­wäh­ren­den Kampf in der Welt zwi­schen Demo­kra­tie und Auto­kra­tie« erklär­te. Tage zuvor war die Füh­re­rin des Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, Nan­cy Pelo­si, in Kiew mit dem ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Wlo­dym­yr Selens­kij zusam­men­ge­trof­fen. Die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne ist zum Pres­ti­ge­pro­jekt der US-Demo­kra­ten gewor­den und ver­spricht ihnen eine füh­ren­de Rol­le in der Welt just im Vor­feld der US-Zwi­schen­wah­len im Novem­ber. Wah­len, die sonst wegen der sto­cken­den innen­po­li­ti­schen Agen­da Bidens als hoch pro­ble­ma­tisch für sei­ne Par­tei gel­ten. Die Zustim­mungs­wer­te der Demo­kra­ten lagen Mit­te April auf einem Rekord­tief, Infla­ti­on und Wirt­schaft ver­stim­men die US-Amerikaner.

Vor den Zwischenwahlen

Der US-Prä­si­dent hat­te ver­gan­ge­ne Woche zusätz­li­che Mili­tär­hil­fen über 33 Mil­li­ar­den Dol­lar für die Ukrai­ne bean­tragt – just an dem Tag, an dem sei­ne Regie­rung die uner­war­te­te Schrump­fung der US-Wirt­schaft im ers­ten Quar­tal bekannt­ge­ben muss­te. Soll­te Biden sei­ne Ukrai­ne-Hil­fe durch­set­zen, über­trä­fe die Sum­me bereits jetzt den Durch­schnitt der jähr­li­chen Kos­ten des Afgha­ni­stan-Krie­ges. 33 Mil­li­ar­den Dol­lar, das sind die Hälf­te des rus­si­schen Ver­tei­di­gungs­bud­gets und auch die Hälf­te des Bud­gets des US-Außen­mi­nis­te­ri­ums. Ein Feu­er­werk, das bis zu den Novem­ber­wah­len wir­ken könn­te. Schließ­lich geht es für die Regie­rung Biden dar­um, den Erz­ri­va­len Russ­land auf lan­ge Sicht zu schwächen.

Die Demo­kra­ten wer­ben für sich mit einem har­ten Kurs gegen Russ­land. Folg­lich sind es füh­ren­de Repu­bli­ka­ner, die immer öfter als Skep­ti­ker von Bidens Ukrai­ne-Poli­tik auf­tre­ten. So behaup­te­te Sena­tor Mitch McCon­nell, der Umfang an Hil­fe für die Ukrai­ne gefähr­de die Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft der USA. Der repu­bli­ka­ni­sche Sena­tor Roy Blount aus Mis­sou­ri frag­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Lloyd Aus­tin, wie die Anti-Pan­zer-Rake­ten aus Troy zu erset­zen wären – die US-Bestän­de sei­en seit Anfang des Krie­ges um ein Drit­tel redu­ziert worden.

Biden woll­te stets das Tra­dier­te und Gute in den USA zurück­brin­gen. Der Wunsch präg­te sei­ne Rhe­to­rik: »Ame­ri­ca is back«, »Build Back Bet­ter«. Jetzt ist der Wes­ten selbst zurück­ge­kehrt, mit den USA an der Spit­ze. Das Land der uner­bitt­li­chen Zukunft ist auch ein Land der uner­bitt­li­chen Nost­al­gie, was sich in der Kul­tur wider­spie­gelt: »Well now, ever­ything dies baby, that’s a fact«, singt Bruce Springsteen in sei­nem Lied »Atlan­tic City«, wo in den Spiel­ca­si­nos dem ver­lo­re­nen Glück nach­ge­jagt wird. »But may­be ever­ything that dies, some­day comes back.«

Zurück­ge­kehrt ist nicht nur die US-Füh­rungs­rol­le, son­dern auch das Enga­ge­ment der USA in Eura­si­en bezie­hungs­wei­se Zen­tral­asi­en, einer Regi­on in direk­ter Nach­bar­schaft nicht nur Russ­lands, son­dern auch Chi­nas. Es ist nicht mal ein Jahr her, seit Biden den Rück­zug aus Afgha­ni­stan ankün­dig­te, schein­bar die Regi­on den Rus­sen und den Chi­ne­sen über­las­send. Aber nun wirkt Russ­lands Her­aus­for­de­rung in der Ukrai­ne als neue Chan­ce für die Ame­ri­ka­ner. Vor allem ist es eine Chan­ce, um Chi­na zu zei­gen, was man bes­ser sein lässt. Bereits zwei Mal hat Biden erklärt, die USA fühl­ten sich Tai­wan durch den Tai­wan Rela­ti­ons Act verpflichtet.

Die USA haben hier eini­ges auf­zu­ho­len. Vor rund 20 Jah­ren hat­te ihr Ein­fluss in der zen­tral­asia­ti­schen Regi­on sei­nen Höhe­punkt erreicht. 2003 ver­kün­de­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Donald Rums­feld »Afgha­ni­stan ist nun frei­heit­lich und sicher.« Es gab US-Mili­tär­ba­sen in Zen­tral­asi­en und weder die Rus­sen noch die Chi­ne­sen sahen dar­in Pro­ble­me. Heu­te jedoch stel­len füh­ren­de US-Ana­lys­ten wie Car­ter Mal­ka­si­an fest, die Füh­rung in Washing­ton habe die Tali­ban unter­schätzt, sie sei stets von gewünsch­ten Ent­wick­lun­gen aus­ge­gan­gen und habe Uner­wünsch­tes oft ausgeblendet.

Der­zeit ist es auf­fäl­lig, wie vie­le poli­ti­sche Fach­ar­ti­kel Kasach­stan gewid­met sind, Mos­kaus Part­ner in der Eura­si­schen Wirt­schafts­uni­on und im Ver­tei­di­gungs­bünd­nis ODKB. Zei­tungs­le­ser erfah­ren, dass die Ukrai­ne zwar so groß ist wie Texas, Kasach­stan aber so groß wie Texas und Alas­ka zusam­men, bei weni­ger als der Hälf­te der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung; und dass Kasach­stan mit 6760 Kilo­me­tern die längs­te Land­gren­ze der Welt hat, und zwar mit Russland.

Kaum hat­te sich Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Lloyd Aus­tin über den ame­ri­ka­ni­schen Wil­len zur dau­er­haf­ten Schwä­chung Russ­lands geäu­ßert, ant­wor­te­te der Doy­en der US-Außen­po­li­tik, Wal­ter Rus­sell Mead, mit einem Kasach­stan-Arti­kel in sei­ner ein­fluss­rei­chen Kolum­ne im Wall Street Jour­nal: Wenn Ame­ri­ka Russ­land schwä­chen wol­le, dann sei­en die Bedin­gun­gen in Kasach­stan dafür optimal.

Dort sind die USA, neben den Nie­der­lan­den und der Schweiz, füh­ren­der Inves­tor. Es kom­me hin­zu, dass man in ganz Zen­tral­asi­en wegen der rus­si­schen Inva­si­on höchst ner­vös sei. Kasach­stan pro­du­ziert die Hälf­te der Wirt­schafts­leis­tung der Regi­on und lei­det enorm unter den US-Sank­tio­nen gegen Russ­land. Letz­te Woche reis­te eine hohe Dele­ga­ti­on Kasach­stans nach Washing­ton, gelei­tet von Timur Sulei­me­now, dem Stell­ver­tre­ter des Prä­si­den­ten. In der Zeit­schrift »For­eign Poli­cy« wird rege debat­tiert, ob die jüngs­ten Unru­hen im Janu­ar in Kasach­stan tat­säch­lich schon so etwas wie die soge­nann­ten Far­ben-Revo­lu­tio­nen in der Ukrai­ne, Geor­gi­en oder Kir­gi­stan dar­stell­ten, oder nur die Anfän­ge einer star­ken Zivil­ge­sell­schaft, die das Poten­zi­al zu einer sol­chen Revo­lu­ti­on in sich tragen.

Zwischen Russland und China

Tat­säch­lich wach­sen die Span­nun­gen zwi­schen Mos­kau und der Regie­rung in Alma­ty, wo die Fei­er­lich­kei­ten zum 9. Mai wegen des Ukrai­ne-Krie­ges stor­niert wur­den – nur Mona­te, nach­dem Putin die Regent­schaft von Prä­si­dent Kas­sym-Jom­art Toka­jew durch eine Mili­tär­in­ter­ven­ti­on gesi­chert hat­te. Es scheint, dass die Auto­kra­ten die­ser Regi­on ver­su­chen, Russ­land, Chi­na und die USA gegen­ein­an­der aus­spie­len. Hat­te nicht Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping sein Sei­den­stra­ßen-Pro­jekt 2013 an der Nas­ar­ba­jew-Uni­ver­si­tät im kasa­chi­schen Nur-Sul­tan verkündet?

Nicht mal ein Jahr nach dem Abzug aus Afgha­ni­stan sind Ame­ri­kas Außen­po­li­ti­ker wie­der dabei, neue Sze­na­ri­en für Zen­tral­asi­en zu ent­wi­ckeln. Zwar bleibt die Regi­on für die US-Stra­te­gen ein frem­des Ter­rain, auf dem sie kaum kul­tu­rel­le, poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Ver­bin­dun­gen haben. Doch set­zen sie dar­auf, dass Kasach­stan nicht gemein­sam mit Russ­land iso­liert wer­den will. »Wenn es wie­der einen Eiser­nen Vor­hang gibt, dann wol­len wir nicht dahin­ter sein«, hat­te Vize-Außen­mi­nis­ter Roman Vas­si­len­ko erklärt. Die ost­ukrai­ni­schen Repu­bli­ken Donezk und Luhansk hat die Regie­rung nicht aner­kannt. Zudem wirbt sie mit ihren Erd­gas und Öl-Vor­kom­men um Inves­to­ren – aller­dings in alle Rich­tun­gen. Für den Herbst hat sie Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping nach Alma­ty eingeladen.

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