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Darlehen von der Milchbank

Insbesondere für Frühgeborene kann fremde Muttermilch mit ihren Abwehrstoffen hilfreich sein

  • Von Mona Wenisch und Sophie Brössler
  • Lesedauer: 5 Min.
Muttermilchreserve in einem Kühlschrank im Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover
Muttermilchreserve in einem Kühlschrank im Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover

Meh­re­re Wochen hat die klei­ne Frey­ja umge­ben von Schläu­chen und Kabeln im Inku­ba­tor in der Kin­der­sta­ti­on der Uni­kli­nik Essen gele­gen. Im Janu­ar kam Frey­ja auf die Welt – vier Mona­te frü­her als geplant. Ihr Gewicht: 690 Gramm. »Mei­ne klei­ne Kämp­fe­rin«, stellt ihre Mut­ter Gied­re Jukne­viciu­te sie vor. Nach einer schwie­ri­gen Schwan­ger­schaft und der plötz­li­chen Früh­ge­burt blieb bei ihr die Mut­ter­milch in den ers­ten Tagen aus. »Aber sie hat von Anfang an Mut­ter­milch bekom­men, nur eben von einer ande­ren Mama«, erzählt Jukne­viciu­te. Mög­lich wur­de das durch die Frau­en­milch­bank an der Uniklinik.

Deutsch­land­weit sind nach Anga­ben der Geschäfts­füh­re­rin der Frau­en­milch­bank-Initia­ti­ve, Anne Sun­der-Plass­mann, 34 sol­cher Ban­ken bekannt. Denen ste­hen 200 Kli­ni­ken gegen­über, an denen Früh­ge­bo­re­ne behan­delt wer­den. Der Bedarf an gespen­de­ter Mut­ter­milch sei deut­lich höher als das, was die bestehen­den Frau­en­milch­ban­ken anbie­ten könn­ten. Ziel der Initia­ti­ve sei es, dass alle Früh­ge­bo­re­nen und kran­ken Neu­ge­bo­re­nen mit Mut­ter­milch ver­sorgt wer­den kön­nen. »Davon sind wir noch weit ent­fernt. Auch wenn der Trend in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in die rich­ti­ge Rich­tung geht«, sagt Sunder-Plassmann.

Für mehr Milch­ban­ken setzt sich auch das Pro­jekt »Neo-Milk« der Uni­ver­si­tät Köln ein. »Bis­her gibt es in Deutsch­land kei­nen ein­heit­li­chen Stan­dard in Bezug auf die Gabe von Spen­der­in­nen­milch«, sagt Nadi­ne Schol­ten, Lei­te­rin des Pro­jekts. »Das macht es für die Kli­ni­ken schwe­rer, sich selbst Vor­ga­ben zu erar­bei­ten.« Das öffent­lich geför­der­te For­schungs­pro­jekt unter­stützt Kran­ken­häu­ser beim Auf­bau von Milch­ban­ken. Bun­des­weit sol­len ab die­sem Jahr 15 wei­te­re Kli­ni­ken Frau­en­milch­ban­ken bekommen.

Die Uni­kli­nik Essen, in der auch Frey­ja liegt, hat in einem Raum meh­re­re Kühl­schrän­ke und Gefrier­tru­hen, in denen sich beschrif­te­te Fläsch­chen mit der hel­len Flüs­sig­keit sta­peln. Milch dürf­ten nur gesun­de Müt­ter spen­den, die eben­falls in der Kli­nik lie­gen und einen Milch­über­schuss haben, erklärt Sil­ke Kru­se-Häh­nel, Fach­kin­der­kran­ken­schwes­ter an der Uni­kli­nik. Die Spen­de­rin pumpt die Milch ab, dann wird die Flüs­sig­keit erhitzt und auf schäd­li­che Kei­me und Viren über­prüft. »Man kann das mit Blut­spen­den ver­glei­chen, aber mit stren­ge­ren Kri­te­ri­en«, erklärt Kru­se-Häh­nel. Die Milch hal­te sich in der Tief­kühl­tru­he bis zu sechs Monate.

Babys bekom­men die frem­de Milch über Magen­son­den. Am häu­figs­ten erhal­ten Früh­ge­bo­re­ne die gespen­de­te Mut­ter­milch. Aber auch Kin­der mit kran­ken Müt­tern, die etwa an dem HI-Virus oder an Krebs­er­kran­kun­gen lei­den, kön­nen davon pro­fi­tie­ren. Viel wird dafür nicht benö­tigt: Ein Früh­chen mit einem Geburts­ge­wicht von 1000 Gramm braucht am ers­ten Tag gera­de mal einen Ess­löf­fel Mut­ter­milch. Nach einer Woche sind es etwa 105 Mil­li­li­ter – so viel wie in einen klei­nen Joghurt­be­cher passt. Die Mut­ter­milch ent­hal­te unter ande­rem Immun­glo­bu­li­ne und Abwehr­stof­fe, erklärt Kru­se-Häh­nel. »So ist gewähr­leis­tet, dass die Kin­der sehr gut vor Infek­tio­nen geschützt sind. Und die Mut­ter­milch ist leich­ter verdaulich.«

Neu ist das Kon­zept nicht. Die ers­ten soge­nann­ten Frau­en­milch­sam­mel­stel­len gab es in den 1920er Jah­ren, um die damals hohe Säug­lings­sterb­lich­keit zu bekämp­fen. Wäh­rend Mut­ter­milch­spen­den spä­ter in der DDR geför­dert wur­den, schlos­sen die letz­ten Sam­mel­stel­len in der Bun­des­re­pu­blik in den 70er Jah­ren. Indus­tri­el­le Nah­rung wur­de als bes­se­rer Ersatz ange­se­hen. »Lan­ge galt der Glau­be, dass wir gespen­de­te Mut­ter­milch gar nicht brau­chen«, sagt Sun­der-Plass­mann. »Aber seit eini­gen Jah­ren gibt es ein kla­res Come­back von Milchbanken.«

So wie Jukne­viciu­te kön­nen sich dadurch zukünf­tig mehr Fami­li­en auf gespen­de­te Mut­ter­milch ver­las­sen. Ihre »klei­ne Kämp­fe­rin« wiegt mitt­ler­wei­le über 3000 Gramm. Noch bekommt das Kind aber Hil­fe beim Atmen. Der errech­ne­te Ent­bin­dungs­ter­min steht Ende Mai an. »Wir haben noch ein biss­chen Zeit«, sagt Jukne­viciu­te. »Ich hof­fe, dass Frey­ja die­sen letz­ten Sprung schafft und dass wir ohne die Atem­hil­fe nach Hau­se gehen kön­nen.« Die Mut­ter­milch-Spen­de­rin kennt nur das Kli­nik­per­so­nal. »Ich weiß zwar nicht, wer gespen­det hat. Aber ich wür­de trotz­dem ger­ne einen klei­nen Zet­tel schrei­ben und der Spen­der-Mama Dan­ke sagen.« dpa/nd

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