Darlehen von der Milchbank

Insbesondere für Frühgeborene kann fremde Muttermilch mit ihren Abwehrstoffen hilfreich sein

  • Von Mona Wenisch und Sophie Brössler
  • Lesedauer: 4 Min.
Muttermilchreserve in einem Kühlschrank im Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover
Muttermilchreserve in einem Kühlschrank im Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover

Mehrere Wochen hat die kleine Freyja umgeben von Schläuchen und Kabeln im Inkubator in der Kinderstation der Uniklinik Essen gelegen. Im Januar kam Freyja auf die Welt – vier Monate früher als geplant. Ihr Gewicht: 690 Gramm. »Meine kleine Kämpferin«, stellt ihre Mutter Giedre Jukneviciute sie vor. Nach einer schwierigen Schwangerschaft und der plötzlichen Frühgeburt blieb bei ihr die Muttermilch in den ersten Tagen aus. »Aber sie hat von Anfang an Muttermilch bekommen, nur eben von einer anderen Mama«, erzählt Jukneviciute. Möglich wurde das durch die Frauenmilchbank an der Uniklinik.

Deutschlandweit sind nach Angaben der Geschäftsführerin der Frauenmilchbank-Initiative, Anne Sunder-Plassmann, 34 solcher Banken bekannt. Denen stehen 200 Kliniken gegenüber, an denen Frühgeborene behandelt werden. Der Bedarf an gespendeter Muttermilch sei deutlich höher als das, was die bestehenden Frauenmilchbanken anbieten könnten. Ziel der Initiative sei es, dass alle Frühgeborenen und kranken Neugeborenen mit Muttermilch versorgt werden können. »Davon sind wir noch weit entfernt. Auch wenn der Trend in den vergangenen Jahren in die richtige Richtung geht«, sagt Sunder-Plassmann.

Für mehr Milchbanken setzt sich auch das Projekt »Neo-Milk« der Universität Köln ein. »Bisher gibt es in Deutschland keinen einheitlichen Standard in Bezug auf die Gabe von Spenderinnenmilch«, sagt Nadine Scholten, Leiterin des Projekts. »Das macht es für die Kliniken schwerer, sich selbst Vorgaben zu erarbeiten.« Das öffentlich geförderte Forschungsprojekt unterstützt Krankenhäuser beim Aufbau von Milchbanken. Bundesweit sollen ab diesem Jahr 15 weitere Kliniken Frauenmilchbanken bekommen.

Die Uniklinik Essen, in der auch Freyja liegt, hat in einem Raum mehrere Kühlschränke und Gefriertruhen, in denen sich beschriftete Fläschchen mit der hellen Flüssigkeit stapeln. Milch dürften nur gesunde Mütter spenden, die ebenfalls in der Klinik liegen und einen Milchüberschuss haben, erklärt Silke Kruse-Hähnel, Fachkinderkrankenschwester an der Uniklinik. Die Spenderin pumpt die Milch ab, dann wird die Flüssigkeit erhitzt und auf schädliche Keime und Viren überprüft. »Man kann das mit Blutspenden vergleichen, aber mit strengeren Kriterien«, erklärt Kruse-Hähnel. Die Milch halte sich in der Tiefkühltruhe bis zu sechs Monate.

Babys bekommen die fremde Milch über Magensonden. Am häufigsten erhalten Frühgeborene die gespendete Muttermilch. Aber auch Kinder mit kranken Müttern, die etwa an dem HI-Virus oder an Krebserkrankungen leiden, können davon profitieren. Viel wird dafür nicht benötigt: Ein Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 1000 Gramm braucht am ersten Tag gerade mal einen Esslöffel Muttermilch. Nach einer Woche sind es etwa 105 Milliliter – so viel wie in einen kleinen Joghurtbecher passt. Die Muttermilch enthalte unter anderem Immunglobuline und Abwehrstoffe, erklärt Kruse-Hähnel. »So ist gewährleistet, dass die Kinder sehr gut vor Infektionen geschützt sind. Und die Muttermilch ist leichter verdaulich.«

Neu ist das Konzept nicht. Die ersten sogenannten Frauenmilchsammelstellen gab es in den 1920er Jahren, um die damals hohe Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen. Während Muttermilchspenden später in der DDR gefördert wurden, schlossen die letzten Sammelstellen in der Bundesrepublik in den 70er Jahren. Industrielle Nahrung wurde als besserer Ersatz angesehen. »Lange galt der Glaube, dass wir gespendete Muttermilch gar nicht brauchen«, sagt Sunder-Plassmann. »Aber seit einigen Jahren gibt es ein klares Comeback von Milchbanken.«

So wie Jukneviciute können sich dadurch zukünftig mehr Familien auf gespendete Muttermilch verlassen. Ihre »kleine Kämpferin« wiegt mittlerweile über 3000 Gramm. Noch bekommt das Kind aber Hilfe beim Atmen. Der errechnete Entbindungstermin steht Ende Mai an. »Wir haben noch ein bisschen Zeit«, sagt Jukneviciute. »Ich hoffe, dass Freyja diesen letzten Sprung schafft und dass wir ohne die Atemhilfe nach Hause gehen können.« Die Muttermilch-Spenderin kennt nur das Klinikpersonal. »Ich weiß zwar nicht, wer gespendet hat. Aber ich würde trotzdem gerne einen kleinen Zettel schreiben und der Spender-Mama Danke sagen.« dpa/nd

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal