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Die Rache der Vagina

Die Münchner Inszenierung von Sivan Ben Yishais Stück »Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)« ist beim Theatertreffen zu sehen

"Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)" von Sivan Ben Yishai – in der Inszenierung von Pınar Karabulut eingeladen zum Berliner Theatertreffen

In seinem postum veröffentlichten Essay »Das Medusenhaupt« argumentiert Sigmund Freud, der von Schlangen gesäumte Kopf sei ein Zeichen für das weibliche kastrierte Genital. Das phallische Haar trägt doppelten Verweischarakter, denn es symbolisiert einerseits die Kastration, und andererseits dienen die sich windenden Schlangen »doch eigentlich der Milderung des Grauens, denn sie ersetzen den Penis, dessen Fehlen die Ursache des Grauens ist«.

Unerwähnt bleibt in dem kurzen Text, wie Medusa zum Monster wurde. Ovid schildert in den »Metamorphosen« als Erster, dass die sterbliche Tochter von Gött*innen verwandelt wurde. Perseus, der sie enthauptete, berichtet, sie sei eine Schönheit gewesen. Im Tempel der Athene vergewaltigte Poseidon die Gorgone, woraufhin die Göttin der Weisheit sie in ein abstoßendes Wesen verwandelte. Das antike Victim Blaming verlieh Medusa die Kraft, alle, die ihr Blick traf, in Stein zu verwandeln. Freud setzt jenes Erstarren mit der Erektion gleich, die als Trost dem Betrachteten versichert, der Penis sei noch da. Der Versteinerte wird selbst zum erigierten Glied.

Athenes Gabe war die Umkehrung des Male Gaze – des männlichen, penetrierenden Blickes, der Frauen in seinem Wirken zum sexualisierten Objekt des Begehrens macht. Die glühenden Augen der Medusa sind keine Denkfigur der versöhnlichen neuen Blickweisen, kein Queering the Gaze; es ist eine der Rache, die spiegelbildliche Vergeltung sucht. Ihr Mythos wird zur feministischen Blaupause des Rape-and-Revenge-Genres, in dem sich Opfer sexueller Gewalt gegen die Täter wenden. Medusa ist die Kastrationsdrohung, die Vagina dentata, die genüsslich zubeißt. In ihr konzentrieren sich Jahrtausende patriarchaler Gewalt: abschätzige Blicke und Worte, sexueller Übergriff und Femizide.

Sivan Ben Yishai lässt in ihrem die Zeiten durchdringenden Stücktext »Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)« alle zerstückelten, geliebten und missbrauchten Medusen zurückschlagen. Das Objekt des Patriarchats wird »Die Pussy-Killerin, die Rache der Vagina! / Die wütende Schamlippe, den kafiye Glitter!«. Dann schlägt die Drohung in Tat um, die Faust der Unterdrückten fasst den abgeschnittenen Schwanz. Nach seitenweise freien Versen, die jede Gewalttat wiederholen, jede Schändung in versandeten Tempeln, jeden Kindesmissbrauch aus der latenten Verschüttung heraufholen, stülpt sich das Vergangene um. »[R]ückwärts über die befestigten Straßen der Geschichte« trägt die Medusa den noch blutigen Penis. Ihre Rache ist kompromisslos, schlägt nach außen und stranguliert die Fürsorge im Innern, den »Engel im Haus«. »Sie war schwer totzukriegen«, heißt es im vorangestellten Zitat von Virginia Woolf, aber ihr Tod war notwendig. Ihre Reinheit und Aufopferung schoben sich zwischen die Autorin und ihre Seiten.

Sie ist das Kernstück eines künftigen Familienlebens, das die fünf Freundinnen, die Ben Yishai in Einschüben beim Älterwerden beobachtet, imaginieren. Aus Magazinen basteln sie Männer zusammen. Größer und stärker als die jungen Frauen müssen sie sein, denn sie sind das Bollwerk zwischen ihnen und all den Vergewaltigern, vor denen sie gewarnt wurden. Die auf ihrem Schulweg lauern, in öffentlichen Toiletten und an allen einsamen Orten. Früh lernen die Freundinnen, dass die Welt für Frauen gefährlich und die Ehe das kleinere Übel ist. Aber auch und besonders die Männer mit breiter Brust und schützenden Armen müssen kastriert werden.

Die Geste steht am Ende und am Anfang der Gewalt. In Wellen durchdringt der wütende Schrei, der uns aus Ben Yishais Text entgegenschlägt, die Sedimente der Gewalt und lässt sie im assoziativen Zusammenhang übereinanderstürzen. Die Sprache der in Jerusalem geborenen Dramatikerin zielt nicht auf einfache Schockmomente. Oftmals zeichnet sie sich durch ihre sensuelle Beschreibungskraft und Genauigkeit aus, die nur durch die Ballung der patriarchalen Wirklichkeit, von der alle Facetten im kaum abreißenden Fluss gegen das Licht gewendet werden, den realen Horror reproduziert.

Zärtlichkeit, so etwas wie Liebe offenbart sich in dem auf Englisch verfassten Text, der von Maren Kames ins Deutsche übertragen wurde und nun auch in einer Taschenbuchausgabe des Suhrkamp-Verlags vorliegt, oft unvermittelt als Zwang und Gewalt. Versatzstücke von Lust und Schrecken vermischen sich unangenehm darin. Die Uraufführung durch Pınar Karabulut an den Münchner Kammerspielen wurde durch eine Einladung zum Theatertreffen 2022 ausgezeichnet. Sowohl Regisseurin als auch Autorin sind zum ersten Mal Teil der Zehner-Auswahl des Festivals.

Sivan Ben Yishai: Like Lovers Do (Memoiren der Medusa). A. d. Engl. v. Maren Kames. Suhrkamp, 92 S., br., 16 €.
Vorstellungen im Rahmen des Theatertreffens: 17. und 18. Mai.

www.berlinerfestspiele.de

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