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Die Schönheit reiner Schönheit

Vor 25 Jahren gelang Prefab Sprout mit «Andromeda Heights» das perfekte Popalbum

Für dieses Album hätte Paul McCartney seine Seele verkauft und die von John Lennon gleich mit
Für dieses Album hätte Paul McCartney seine Seele verkauft und die von John Lennon gleich mit

Ende der 80er war ich frisch an der Uni eingeschrieben, Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften. Der falsche Ort für einen jungen Menschen, der Lebendigkeit und Offenheit suchte. Und das Gegenprogramm war nicht besser: Nebenjob in der «Systemgastronomie», also Bulettenwenden bei McDonald’s. Damals kam mir erstmals der Gedanke, dass Karl Marx möglicherweise doch nicht ganz Unrecht gehabt hatte.

Zum Glück gab es noch eine andere Welt. Ich gebe zu, sie war nicht besonders groß. Um genau zu sein: 31,5 x 31, 5 cm. Exakt eine LP-Hülle. Sie hing im Schaufenster eines Plattenladens, an dem ich nach jeder Bulettenschicht vorbeiging. Das Bild darauf war knatschbunt und zeigte vier Menschen, die, wiewohl sie nicht lächelten, Optimismus ausstrahlten. Ich las: Prefab Sprout, «From Langley Park to Memphis». Alles sehr rätselhaft. Ich hatte keine Ahnung, wo Langley Park lag, und dass eine Band sich «Vorgefertigter Spross» nannte, verwunderte mich noch mehr. Zugleich spürte ich, dass die Musik, die sich dahinter verbarg, eine Kriegserklärung an Ödnis und Stumpfsinn waren.

Ich kaufte mir das Album, ohne auch nur ein Lied gehört zu haben. Und nachdem ich alle Lieder gehört hatte, kaufte ich mir alle Alben dieser Band. Das waren nicht viele. Denn die Plattenfirma hielt – aus Gründen, die man nicht verstehen muss – Werke zurück. «Protest Songs» erschien statt 1985 erst 1989. Und für «Let’s Change The World With Music» mussten die Fans gar 16 Jahre ausharren; das für 1993 geplante Album wurde erst 2009 veröffentlicht. Man munkelt, es gäbe noch ein Dutzend weiterer Werke, die nur auf ihre Pressung warteten.

Das überrascht. Denn die Themen, die bei Prefab Sprout verhandelt werden, sind die der Menschheit: Liebe, Hoffnung, Sehnsucht, Täuschung, Enttäuschung, Euphorie, Trauer und ein zarter Hauch von Wehmut, aber wirklich nur hauchzart. Paddy McAloon, der weise Kopf von Prefab Sprout, singt davon, was möglich wäre, wenn wir unseren eigenen Gefühlen nur trauten. Wenn wir uns überhaupt mehr trauten – zutrauten.

Aufbauende kluge Worte, die eingekleidet sind in Melodien, die – hier passt das Klischee endlich einmal! – himmlisch sind. Nicht von dieser Welt. Denn Musik ist für McAloon etwas Göttliches, und das im wörtlichen Sinn. Auf der Single «Let there be music» lässt er Gott persönlich zu Wort kommen: «Lasst Musik meine Stimme sein. Es möge Musik herrschen. Musik wird sein. Und Ihr werdet meine Geschichte hören. Ihr werdet einen Blick von meiner Herrlichkeit erhaschen und eine Zuflucht finden vor den auftauchenden Problemen.»

Klingt größenwahnsinnig. Und dann kam die Band auch noch aus Newcastle-upon-Tyne. Doch die Kompositionen rechtfertigen dieses Pathos. Vielleicht würde Mozart heute so klingen. Oder Brian Wilson, wenn ihm noch einmal Lieder wie auf «Pet Sounds» gelängen. Das Faszinierende ist, dass Paddy McAloon solche Melodien in Serie produziert. Auf jedem Album finden sich zwei, drei Titel, für die Paul McCartney seine Seele verkauft hätte und die von John Lennon gleich mit. Und auch der Rest – sogar die Fülltitel ihrer Maxisingles (wie der Song «Girl, I’m here») – ist in der Regel besser als das, was sich auf vielen Pop-Samplern tummelt.

Unerreicht aber sind Prefab Sprout auf ihrem Album «Andromeda Heights», das vor 25 Jahren, 1997, erschien. In den 80ern hatten McAloons Texte bisweilen lyrischen Anspruch. «I never play basketball now» ist in jedem Fall eine unorthodoxe Metapher für Liebeskummer. Auch dass er sich auf Songs wie «Faron Young», «The King of Rock’n’roll», «Hey Manhattan» und «Jesse James Symphony» an amerikanischen Mythen literarisch abarbeitete, ist für einen Nordengländer aus Langley Park (Grafschaft Durham) eher ungewöhnlich. Auf «Andromeda Heights» verzichtet McAloon auf solche Anspielungen und Feinheiten. Da heißt es in dem Song «The mystery of love» frei raus: «Was du in mir siehst, werde ich nie erfahren. Das ist das Rätsel der Liebe. Aber jedes Mal, wenn wir uns küssen, bedeutet Ahnungslosigkeit Glück.» Ist das Schlager oder Reduzierung aufs Wesentliche?

Die Musik gibt die Antwort. Sie ist reine Schönheit, die keine textliche Cleverness, kein intellektuelles Um-die-Ecke-Denken benötigt. Zwölf Mal hintereinander gelingt es Prefab Sprout, den perfekten Popsong zu erschaffen. Und «Prisoner of the Past» ist noch ein wenig perfekter. Während Pauken und Trompeten suggerieren, Hannibal marschiere mit seinen Elefanten über die Alpen, haucht Paddy McAloon bitterste Worte ins Mikrofon. Der Text mag Punkrock sein, eine Verwünschung der verlorenen Liebe, doch die Stimme ist Engelsgesang. Schöner haben Rachegedanken nie geklungen. Ja, schöner als «Andromeda Heights» hat in den 90er Jahren kein Album geklungen.

In Großbritannien, dem Mutterland des Pop, wusste man dies zu würdigen. Das Monumentalwerk schaffte es – wie einige ihrer Alben zuvor – in die Top 10. In Deutschland hingegen sind Prefab Sprout nie über den Status des ewigen Insidertipps hinausgekommen. Immerhin: Die «Spex»-Redaktion kürte «Andromeda Heights» zu einem der fünf wichtigsten Alben des Jahres 1997. Und wer Blumfelds Opus magnum «Old Nobody», das 1998 entstand, hört, weiß, welche Platte bei Jochen Distelmeyer rauf und runter lief. Doch hierzulande ist die Fangemeinde von Paddy McAloon bis heute überschaubar geblieben. Das macht aber nichts. Man hält ja auch McDonald‘s nicht für große Küche, nur weil sie die meisten Buletten verkaufen.

Prefab Sprout: «Andromeda Heights» (Kitchenware Records)

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