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Mehr oder weniger keusch

Mönchspfeffer: Die Früchte der Arzneipflanze des Jahres 2022 beeinflussen Sexualhormone

  • Von Anke Nussbücker
  • Lesedauer: 5 Min.
Auch die Dunkle Erdhummel schätzt den Mönchspfeffer.
Auch die Dunkle Erdhummel schätzt den Mönchspfeffer.

Mönchspfeffer wird seit der Antike medizinisch genutzt. Aufgrund neuer Forschungsergebnisse wurde er nun zur Arzneipflanze des Jahres 2022 gekürt. Die Früchte des Mönchspfeffers beeinflussen nachweislich die Sexualhormone. Bevor Frauen aber den Extrakt von Keuschlamm-Früchten einnehmen, wie sie auch genannt werden, sollten sie ärztlich abklären lassen, wodurch ein eventuell entstandenes hormonelles Ungleichgewicht ausgelöst wurde.

Mönchspfeffer wurde noch vor wenigen Jahren wie Eisenkraut und Echte Zitronenverbene zur Familie der Eisenkrautgewächse gezählt. Heute ordnet man ihn den Lippenblütengewächsen zu. Die Heimat der Pflanze ist der Mittelmeerraum und Südwestasien. Da sie frosthart ist, wächst sie auch in unseren Breiten. Die bis zu vier Meter langen Zweige werden im Herbst bis fast zum Wurzelstock zurückgeschnitten, ab Mai treibt die Pflanze wieder aus. Die Zweige ähneln im Aussehen der Zitronenverbene, die meist blauen Blüten denen von Schmetterlingsflieder.

Die Namen Mönchspfeffer, Keuschbaum, Liebfrauenbettstroh oder Abrahamstrauch entstanden im Zusammenhang mit der Nutzung. Die botanische Bezeichnung Agnus castus hat ihren Ursprung im antiken Griechenland. Agnus leitet sich aus dem griechischen Wort »hagnös« ab, was so viel wie jungfräulich oder keusch bedeutet. Im Lateinischen steht »agnus« für Lamm. Der Zusatz »castus« bedeutet wiederum rein und keusch. Zusammengesetzt ergibt sich der Ausdruck »keusches Lamm« bzw. Keuschlamm, eine gleichwertige Bezeichnung der Arzneipflanze. Während traditioneller antiker Feste wurden die Zweige als Lager für die Frauen verwendet. Als Tee getrunken, sollte die Pflanze das sexuelle Begehren mäßigen.

Die Bezeichnung Mönchspfeffer setzte sich durch, als Mönche die Früchte der Pflanze als Pfefferersatz nutzten. Die rundlichen, drei Millimeter kleinen, dunkelbraunen Steinfrüchte sind von einem becherförmigen Kelch zur Hälfte umschlossen. Sie dienten den Mönchen und Nonnen vor allem dazu, das Keuschheitsgelübde leichter einzuhalten. Ob die Wirkung von Zweigen und Früchten des Mönchspfeffers in einer Steigerung oder in einer Dämpfung von Sexualhormonen zum Ausdruck kommt, hängt nach neueren Untersuchungen von der Dosis ab.

Die Wirksamkeit bei unregelmäßigen Menstruationszyklen ist bisher für den Extrakt aus den Früchten belegt. Auf ihren scharfen Geschmack weist auch der Name Mönchspfeffer hin. Sie enthalten ätherisches Öl mit Limonen, Di- und weiteren Terpenen, außerdem Flavonoide, Iridoidglykoside und Ölsäure. Man vermutet, dass hauptsächlich die enthaltenen Diterpene für den Einfluss auf die Sexualhormone verantwortlich sind. Aber bewiesen ist das noch nicht.

Dafür hat man eine ziemlich genaue pharmakologische Begründung für den Wirkmechanismus. Durch eine hohe Dosierung des Extrakts, die man mit der Verwendung als Gewürz nicht erreicht, kann Mönchspfeffer einen erhöhten Prolaktinspiegel bei Frauen erheblich absenken. Das Hormon Prolaktin wird vor allem in der Schwangerschaft und Stillzeit ausgeschüttet und regt die Milchbildung an. Aber auch bei Männern lässt sich Prolaktin im Blut nachweisen, es wird unter anderem bei Stress vermehrt ausgeschüttet. Die Senkung eines erhöhten Prolaktinspiegels erklärt man sich durch eine Wirkung am Rezeptor des Nervenbotenstoffs Dopamin.

Traditionell wurde Mönchspfeffer daher zum Abstillen verwendet, in homöopathischer Zubereitung wiederum bei Störungen der Milchbildung. Aber auch für Frauen nach dem 40. Lebensjahr oder für jene, die die Antibabypille abgesetzt haben, kann Mönchspfeffer eine echte Hilfe bedeuten. Besonders wenn die Monatsblutungen zeitlich unregelmäßig stattfinden oder der Eisprung in der Mitte des Zyklus öfter ausbleibt, leiden Frauen umso stärker am Prämenstruellen Syndrom. Mönchspfeffer kann dabei Beschwerden wie Spannungs- und Schwellungsgefühle in den Brüsten sowie Reizbarkeit und Kopfschmerzen an den Tagen vor der Menstruation lindern. Besonders nach Absetzen der Pille kann Mönchspfeffer den Zyklus wieder ins Gleichgewicht bringen. Dazu empfiehlt es sich, den Extrakt der Mönchspfefferfrüchte, etwa in Form von Kapseln, über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten einzunehmen. Bei zahlreichen Frauen dauert es bis zu einem Jahr, bis die Menstruation nach Absetzen der Pille wieder regelmäßig wird.

Bei unregelmäßigen Zyklen, die den Beginn der Wechseljahre ankündigen, empfehlen Frauenärzte ebenfalls recht oft den Extrakt aus den Früchten des Mönchspfeffers. Das Präparat regt die Bildung von Progesteron an, dessen Spiegel in der Prämenopause zuerst absinkt. Nicht immer reicht das Pflanzenextrakt aber aus, um einer übermäßigen Verdickung der Gebärmutterschleimhaut vorzubeugen. Dann ist eventuell naturidentisches Progesteron erforderlich.

Bevor man die Arzneipflanze anwendet, sollten die Beschwerden immer durch eine Gynäkologin abgeklärt werden. Vorher auszuschließen sind Eileiter- und Eierstockentzündungen, gutartige Eierstockzysten, Tumoren oder Erkrankungen der Schilddrüse.

Nur wenige Menschen dürfen Mönchspfeffer nicht anwenden – einerseits, falls allergische Reaktionen auftreten und anderenfalls, wenn sie Neuroleptika einnehmen müssen. Weil Mönchspfeffer auf die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) wirkt, sind unerwünschte Wechselwirkungen mit den sogenannten Antipsychotika sehr wahrscheinlich. Entweder kann die Pflanze wegen der Dopamin-Rezeptor-blockierenden Funktion dieser Medikamente nicht richtig wirken, oder bei sehr hoher Dosierung von Mönchspeffer wird das therapeutische Ziel der Psychopharmaka nicht erreicht. Für Frauen aus dieser Gruppe hält die Natur andere pflanzliche Helfer wie Pfefferminze, Majoran und Weinraute bereit, die als sogenannter Zyklustee jeweils über circa zwei Wochen bis zum Einsetzen der Menstruation getrunken werden.

Auch bei Männern greift Mönchspfeffer in den Hormonhaushalt ein. Je nach Dosierung kann die Libido gedämpft oder gesteigert werden. Mönchspfeffer kann bei Männern, die an einer schmerzhaften Vergrößerung der Brust leiden, ebenfalls den Prolaktinspiegel absenken. Unter der sogenannten Gynäkomastie (Brustschwellung) leiden manchmal Jungen in der Pubertät und relativ oft Männer ab dem 50. Lebensjahr, wenn der Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron allmählich absinkt. Die Dosierung von Mönchspfeffer sollte dann ebenfalls mit einem Arzt abgestimmt werden, nachdem andere Ursachen für die Brustveränderung ausgeschlossen sind.

Besonders ältere Menschen können auf eine Schutzwirkung der Arzneipflanze für ihre Knochen hoffen. Dazu liegen inzwischen Studienergebnisse an einem Tiermodell vor, bei denen ein Einfluss auf die Struktur von Knochen beobachtet wurde. Weitere Forschungen zum Einfluss von Mönchspfeffer auf die Knochengesundheit stehen jedoch noch aus.

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