Auf dem Rücken indigener Völker

Infrastrukturprojekt »Tren Maya« in Mexiko: Deutsche Bahn wegen Beteiligung in der Kritik

2018, Mexiko, Calakmul: Andres Manuel Lopez Obrador (3.v.r.), Präsident von Mexiko, winkt, bei einer Veranstaltung zum künftigen «Tren Maya» (Maya-Zug). Ab 2023 soll der Zug über die Halbinsel Yucatan fahren.
2018, Mexiko, Calakmul: Andres Manuel Lopez Obrador (3.v.r.), Präsident von Mexiko, winkt, bei einer Veranstaltung zum künftigen «Tren Maya» (Maya-Zug). Ab 2023 soll der Zug über die Halbinsel Yucatan fahren.

»Deine Bahn missachtet die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen.« Mit Botschaften wie dieser, die den Werbeslogans der Deutschen Bahn (DB) angepasst sind, protestieren deutsche Aktive in einem internationalen Bündnis von Umwelt- und Solidaritätsgruppen gegen ein Bauvorhaben, das auch in Mexiko für viel Kritik sorgt und an dem ein Tochterunternehmen der DB AG beteiligt ist: Der »Tren Maya« soll schon ab dem kommenden Jahr die archäologischen Stätten im Süden des Landes miteinander verbinden und den Gütertransport erleichtern.

Doch der Bau der 1500 Kilometer langen Trasse, ein Prestigeprojekt des sozialdemokratischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, stößt bei vielen indigenen Bewohnern der betroffenen Gebiete auf Widerstand. So spricht González Díaz, der seit über 20 Jahren als Aktivist für die Rechte indigener Gruppen arbeitet, von einem »kolonialen Projekt«, das ohne die Einbeziehung der Gemeinden von oben durchgesetzt werden soll.

Unterstützer des Präsidenten verweisen auf die wirtschaftliche Erschließung der Regionen im südöstlichen Landzipfel zwischen dem Golf von Mexiko im Norden und den Nachbarstaaten Belize und Guatemala durch die neuen Schienenwege. Doch ein Großteil der außerparlamentarischen Linken Mexikos sieht in dem Projekt das Relikt einer verfehlten Wirtschaftspolitik, die vermeintlichen Fortschritt durch immer mehr Technik und Industrie erzielen will. Sie verweisen darauf, dass die Biosphäre und die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung dadurch weiter zerstört werden. So schrieb der Menschenrechtsaktivist und Poet Pedro Uc Be: »Für den Neoliberalismus ist das einzige Kriterium die Maximierung des Profits der Investoren in kürzester Zeit, ohne dabei die volle Beteiligung der indigenen Gemeinschaften der Maya, die Eigentümer des Landes sind, zu berücksichtigen.«

Ein internationales Rechercheteam stützt diese Sichtweise. Es veröffentlichte kürzlich eine aktualisierte Neuauflage einer Broschüre, in der die Folgen des Projekts allgemein und die der Beteiligung der Deutsche-Bahn-Tochter DB Engineering & Consulting im besonderen beleuchtet werden. Ausführlich wird in der Publikation »Tren Maya Made in Germany – Die Deutsche Bahn und der Zug der Zerstörung« geschildert, wie durch Waldrodungen die Wasserknappheit in der Region verschärft wird. An Beispielen wird belegt, dass indigene Gemeinden nicht in die Planung einbezogen und Kritiker*innen bedroht wurden. So erhielten Pedro Uc Be, seine Partnerin und seine Kinder Whatsapp-Nachrichten, in denen es hieß, sie hätten 48 Stunden Zeit, die Region zu verlassen, sonst würden sie nicht überleben. Solche Drohungen werden von den Betroffenen sehr ernst genommen. Denn immer wieder werden Kritiker*innen von Megaprojekten ermordet. In dem Bericht ist von 48 Opfern allein in den letzten drei Jahren die Rede.

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Die Kritiker*innen sehen in dem Projekt auch ein Instrument der Abwehr von Migrant*innen aus Ländern wie Guatemala und Honduras, die von der mexikanischen Regierung im Kooperation mit den USA betrieben wird. »Stellt man die verschiedenen Megaprojekte und Infrastrukturvorhaben auf der Landkarte dar, sieht man, dass sie Bausteine für eine ›Migrantensperre‹ sind, mit der man die geopolitischen Interessen der USA bedienen will«, meint Sergio Prieto Díaz, einer der mexikanischen Wissenschaftler, der die Proteste gegen das Projekt unterstützt.

Die Autor*innen der Broschüre fordern die Bundesregierung auf, den Rückzug der DB Engineering & Consulting aus dem Vorhaben zu veranlassen. Denn sie sei gegenüber dem immer noch in staatlicher Hand befindlichen Unternehmen weisungsberechtigt. Sie verweisen auf das von Deutschland im vergangenen Jahr ratifizierte am 23. Juni 2022 in Kraft getretene Abkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das den besonderen Schutz indigener Gemeinschaften regelt – und das ihrer Einschätzung nach durch das Projekt massiv verletzt wird.

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