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Mannomillimeter

Die Arte-Doku »Penissimo« blickt auf die unrühmliche Geschichte des männlichen Fortpflanzungsorgans

Bei »Bild« arbeiten bekanntlich viele Penisse, große und kleine.
Bei »Bild« arbeiten bekanntlich viele Penisse, große und kleine.

Was echte Männer müssen, um echte Männer zu sein? Im Laufe der Zeit hat sich das ziemlich gewandelt. Früher einmal, da sollte er allein Frau und Kinder ernähren. Noch früher gegen Gesindel und Feinde verteidigen. Noch viel früher auch gegen Mammuts oder Bären. Und heute? Hätte ein österreichisches Exemplar mittleren Alters in der Arte-Doku »Penissimo« folgenden Vorschlag: »Männer müssen ihren Mann stehen.« Herzlich Willkommen, der Herr, im Emanzipationspaläolithikum, das ein noch betagterer Landsmann mit »groß, stark, keine Angst« untermauert.

Wie gut, dass Doku-Autorin Gabi Schweiger noch ein paar weniger rückständige Protagonisten befragt, was Männer zu Männern macht. »Wenn sie Schwäche zeigen«, bietet ein jüngeres Exemplar auf Englisch an. »Wenn Frauen sie gerne ansehen«, schlägt ein älteres auf Französisch vor. »Wenn sie ihre Liebsten beschützen«, meint ein Chinese zu wissen. »Wenn sie selbstbewusst sind«, mutmaßt ein Italiener, bevor ein Deutscher jüngeren Jahrgangs befindet: »Männer sind Männer, wenn sie nicht immer davon ausgehen, dass alle von ihnen begeistert sind.«

Was die genetische Mutation eines Y-Chromosoms anstelle zweier Xe so mit Männern anstellt, bleibt also auch in dieser Zufallsauswahl betroffener Kerle ungeklärt. Eine Antwort aber hängt jedem davon zwischen den Oberschenkeln und ist für Herz, Hirn, Seele der Träger auch mental meist von zentraler Bedeutung: der Penis. Oder wie die Befragten das, was formalmedizinisch Membrum Virile heißt, von Schwengel bis Schniedel, von Drachen bis Gurke so nennen.

Damit jetzt aber rein ins Wissenswerte einer soziokulturellen Fernsehstudie, die weitaus gehaltvoller ist, als es der Titel andeutet. Als Fortsetzung der Arte-Analyse »Viva la Vulva«, mit der der Sender vor drei Jahren das sichtbare weibliche Genital erkunden ließ, widmet sich dasselbe Filmteam nun also dem männlichen Glied. Besser: was es mit all jenen macht, die damit in wechselnder Größe, Form, Verfassung mal gesegnet, mal gestraft sind. Und wichtiger noch: welche Auswirkungen all dies wiederum auf den Rest der Welt hat. Zwischenfazit: enorme!

In ihrer amüsanten Aufklärungsstunde zeigt Gabi Schweiger nicht nur eine Vielzahl historischer Bauwerke, die kaum zufällig phallisch geformt sind. Sie erkundet auch, welche Gesellschaftsformen dafür jeweils (mit)verantwortlich waren. Egal nämlich, ob sie durch das ägyptische Altertum oder die italienische Renaissance reist, in japanische Megacitys oder den Urwald von Papua-Neuguinea: der Penis hatte (und hat) massive Auswirkungen aufs menschliche Miteinander in männlich dominierten Gemeinwesen.

Ein halbes Dutzend Fachleute unterschiedlicher Disziplinen erklärt uns – angeführt vom Berliner Publizisten Julian Dörr, dessen postheroische Haltung zu Geschlechterfragen durch einen Eintrag im sexistisch-misogynen Online-Lexikon »Wikimannia« geadelt wurde –, wo der Penis überall dominiert. Es geht um Vaterlandsverteidigung und Pornografie, um abwesende Väter und Homophobie, um Lust und Last mit dem sichtbarsten Ausdruck des biologischen Geschlechts, das nicht immer deckungsgleich mit dem sozialen ist.

Erhellend wirkt die Dokumentation, weil sie von Erektionsproblemen auf sumerischen Tontafeln bis zur Rückkehr schwanzgesteuerter Politik am Beispiel Donald Trumps alle Epochen und Kulturkreise abhandelt. Ausgewogen wird es, weil Schweiger keine Scheuklappen aufsetzt, konservative Sichtweisen ebenso zu Wort kommen lässt wie liberale. Und amüsant ist das Ganze auch noch, weil sich ernsthafte Informationen über toxische Männlichkeit oder männliche Weiterentwicklung regelmäßig mit computeranimiertem Unfug mischen. Mannomillimeter.

Alles in allem geht man(n) also ein bisschen weiser, behaglicher und zugleich problembewusster aus der gut recherchierten Penisbetrachtung. Die legt den Fokus eben nicht allein aufs titelgebende Begattungsorgan, sondern blickt über den Tellerrand, in diesem Fall: aus der Feinrippunterhose in die weite Welt. Was Männer müssen, um echte Männer zu sein, beantwortet die Doku nicht, gibt uns aber Inspirationen. Immer seinen Mann zu stehen, gehört nicht dazu.

Verfügbar in der Arte-Mediathek bis zum 28.9.

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