»Wo kommen wir her? Aus dem Verliererland?«

Müde Träume und verschlossene Körperöffnungen: Domenico Müllensiefen schreibt in »Aus unseren Feuern« über Arbeiterkinder im Nachwende-Leipzig

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 5 Min.
Metzger werden oder Bestatter? Und sich »Carpe Diem« auf den Arm tätowieren: Leben in Leipzig-Grünau um 2000
Metzger werden oder Bestatter? Und sich »Carpe Diem« auf den Arm tätowieren: Leben in Leipzig-Grünau um 2000

Heiko, Thomas, Karsten, Mandy und Jana – sie haben große Träume, aber gehören mit ihren Familien nicht gerade zu den Gewinnern der Nachwendegesellschaft. Sie wachsen im Leipzig der späten 90er und frühen 2000er auf – die Zeit nach den rechtsfreien Jahren des »wilden Ostens«, aber noch vor den Boom- und »Hypzig«-Zeiten. Sie kommen aus der Arbeiterklasse, schlagen sich mehr schlecht als recht durch in einer Welt, in der Jobs rar gesät sind, körperliche Arbeit nichts wert ist und die Erzählungen von blühenden Landschaften nach purem Hohn klingen.

»Es gibt diese vielen Menschen, die in ganz normalen Berufen arbeiten und sich wirklich engagieren und alles geben und trotzdem dann am unteren Ende der Nahrungskette landen.« So beschreibt der Autor Domenico Müllensiefen die Figuren in seinem Debüt-Roman »Aus unseren Feuern« – ein Titel, der sowohl auf den Drang nach Leben und Freiheit anspielt als auch auf eine mysteriöse, verloren gegangene Bombe.

Es beginnt damit, dass Heiko, der nach prekären Beschäftigungen als Elektriker und Pizzalieferant mittlerweile als Bestatter arbeitet, 2014 zu einem Autounfall gerufen wird. Er muss feststellen, dass der Tote sein alter Schulfreund Thomas ist. Während er dessen Beerdigung vorbereitet, erinnert er sich an das Aufwachsen mit Thomas und Karsten, seinen damaligen besten Freunden. Thomas wollte die Fleischerei des Vaters übernehmen und Karsten in die USA auswandern. Auseinandersetzungen mit Neonazis spielten keine besondere Rolle, im Unterschied zu anderen aktuellen Romanen ostdeutscher Autor*innen. Müllensiefen beschreibt stattdessen die alltäglichen Herausforderungen und Lebenskrisen seiner Figuren; die Versuche, trotz allem das Beste aus der Situation zu machen und Rückgrat zu bewahren, selbst wenn man meist spuren und die Schnauze halten muss. »Carpe Diem« (Nutze den Tag) tätowieren sich Heiko und seine Freunde auf ihre Arme.

Für die Leipziger bedeutet das eine Jugend zwischen Gaffen am Baggersee »Kulki« und Vandalismus an Haltestellen mit selbst gebauten Sprengkörpern. Die Eltern haben ihre eigenen Sorgen, miese Jobs und Arbeitsamtsmaßnahmen. Während der Elektrikerausbildung wird Heiko von seinen Kollegen gedemütigt und jeden Morgen zum Biereinkauf verdonnert, dafür geben sie ihm aber auch Tipps, wie er die Supermarktverkäuferin Jana für sich interessieren kann. Ihr erstes Date haben sie beim Eisessen im Einkaufszentrum »Allee Center«. Als Heiko einige Zeit später im Streit Janas Alkoholikervater schlägt, geht die Beziehung in die Brüche.

Müllensiefen greift für seine Milieustudie auf eine raue Sprache zurück, der omnipräsente Alltagsrassismus fast aller Personen wird nicht geschönt. Ebenso wenig die Frustrationserfahrungen, die sich generationsübergreifend festgesetzt haben. Als Heiko, Thomas und Karsten aus jugendlicher Blödheit heraus Schulbücher verbrennen, werden ihre Eltern zum Direktor zitiert. Dieser versucht wohlmeinend seinem pädagogischen Auftrag nachzukommen, doch seine Herkunft aus der Region »Siegerland« in Nordrhein-Westfalen lässt das Gespräch abschweifen: »Und wo kommen wir her? Aus dem Verliererland? Sag mal, bist du noch ganz knusper?«, schnauzt ihn Thomas’ Vater an. Das Verbrennen der Bücher sei nicht so schlimm, da man ja eh nicht wissen könne, welche Bücher morgen wieder zensiert werden, während Karstens Mutter unter Tränen erklärt, dass sie kein Geld für eine Erstattung der Bücher habe.

Eine große Rolle spielt der Fleischereibetrieb. In der DDR konnte sich der private Betrieb trotz rechtlicher Nachteile einigermaßen halten, in den 90er Jahren auch noch gegen die westdeutsche Konkurrenz behaupten. Doch die Marktmacht des nahe gelegenen Großkonzerns des »Schalkers« brachte dem Familienbetrieb nach vier Generationen die Insolvenz. »Zehn Jahre später hätte er es vielleicht geschafft. Da redeten alle von Bio, Nachhaltigkeit und regionaler Erzeugung. Aber nicht 2005. Da musste Fleisch billig sein. Richtig billig«, schreibt Müllensiefen. In den Betrieb kann Thomas nun nicht mehr einsteigen, immer tiefer gerät er in den Bann und Wahn von Verschwörungserzählungen.

Heiko, der im Plattenbauviertel Grünau hängen geblieben ist, grübelt derweil über seinen schwer kranken Vater: »Seit fast 20 Jahren schleppt der sich jeden Tag in den Baumarkt und am Abend wieder nach Hause. Das konnte doch nicht alles sein.« Als er bei einer Geschäftsreise in Heidelberg von einem ausgewanderten Ostler gefragt wird, wann er denn in den Westen nachkomme, entgegnet er: »Es sind schon zu viele von uns weg. Es müssen auch welche zuhause bleiben.« Seine kurze Beziehung zu Mandy ist in dem Moment zu Ende, in dem sie in Westdeutschland eine Stelle angeboten bekommt.

Eine Besonderheit von »Aus unseren Feuern« ist die detaillierte Beschreibung der Lohnarbeit. Heikos Tätigkeiten als Bestatter sowie die Metzgerarbeit im Hof von Thomas’ Vater werden ausführlich erläutert, so wird beispielsweise über die fachgerechte Verschließung von Körperöffnungen informiert. Müllensiefen kennt die Welt, von der er berichtet. Der aus der Altmark stammende und heute in Leipzig lebende Autor, Jahrgang 1987, absolvierte nach der Realschule eine Ausbildung zum Systemelektroniker, später arbeitete er als Techniker. Mit diesem eher unüblichen Lebensweg begann er ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in der Messestadt – nebenberuflich verdiente er Geld als Bestatter. Auch jetzt ist Müllensiefen noch als Planer und Bauleiter tätig, wenn er nicht gerade weiter an Büchern schreibt.

Solch eine Perspektive – die aus der Arbeiterklasse kommt und auch die Arbeiterklasse und ihre Kinder beschreibt – ist nach wie vor eine Seltenheit. Auch im wachsenden Genre der Ostromane. Den wenigen lesenswerten Romane aus diesem Frühjahr, »Wir waren wie Brüder« von »Taz«-Redakteur Daniel Schulz, »Nullerjahre« von Rapper Hendrik Bolz und »Herumtreiberinnen« von Bettina Wilpert, fügt Müllensiefen eine starke Erzählung hinzu: über jene, die als Arbeitstiere und »Systemrelevante« den Laden am Laufen halten, ohne dafür jemals Respekt oder ein würdevolles Auskommen zu erhalten. Jene, für die sich der Kultur-, Medien- und Politikbetrieb in der Regel nicht interessiert. Jene, die manchmal nur noch so gut es geht von den eigenen Feuern leben können, solange sie brennen.

Domenico Müllensiefen: Aus unseren Feuern. Kanon-Verlag, 336S., geb., 24.

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