Wolf läuft durch Hannover

Bei Rückkehr droht dem Rüden die Kugel

Im Gehege ist es sicherer: Grauwolf im Wolfscenter von Dörverden (Niedersachsen)
Im Gehege ist es sicherer: Grauwolf im Wolfscenter von Dörverden (Niedersachsen)

»Das muss ich festhalten«, mag Lola A. auf dem morgendlichen Weg durch Hannovers Nordstadt gedacht haben, als vor ihr ein Tier über die Straße trottete, in dem die junge Frau einen Wolf zu erkennen glaubte. Rasch filmte die Auszubildende den Vierbeiner mit dem Smartphone – zu einer Zeit, in der bereits mehrere Anrufer bei der Polizei gemeldet hatten: Hier läuft ein Wolf herum! Die Ordnungshüter informierten das Wolfsbüro des Landes, ein Wolfsberater wurde eingeschaltet, und Lolas Video bewies: Tatsächlich hatte ein junger Wolfsrüde Niedersachsens Hauptstadt für den Morgenspaziergang gewählt. Dank der Meldungen aufmerksamer Zeitgenossen ließ sich ein Bewegungsprofil erstellen, das zeigte: Der Graurock hatte sich gleich drei belebte Stadtteile für seine Exkursion ausgesucht. Vorüber ging es an Wohnsiedlungen, Baumarkt, Autohaus, Tankstelle, Geschäften und über Gleise der Stadtbahn.

Das Geschehen zeige, dass man mit zunehmendem Bestand auch in dicht bebauten Bereichen mit Wölfen rechnen müsse, sagte Umweltminister Lies. Bei einem »üblichen« Lehrbuchverhalten meidet der Wolf den Menschen. Junge Wölfe, die ihr Rudel verlassen und den Menschen nicht als Bedrohung erfahren, können jedoch keine Scheu vor dem Menschen lernen. »Auch wenn es bislang keine Vorfälle gegeben hat, bei denen Menschen durch Wölfe in Niedersachsen verletzt wurden, ist eines ganz klar: Ein Wolf gehört nicht in die Innenstadt von Hannover!«, so Lies. Ein Risiko, auch wenn es noch so gering ist, werde er nicht akzeptieren. Wenn man nicht weiter darauf vertrauen möchte, dass Nahbegegnungen mit Wölfen schon gut gehen, müsse der Wolf die Scheu vor dem Menschen wieder lernen. »Auch dafür haben wir den Wolf in das Jagdrecht gebracht, damit er wie andere Wildarten bejagt werden kann«, erinnerte Lies an einen Landtagsbeschluss vom Mai. Einfach abgeschossen werden dürfen Wölfe damit aber auch nicht. Das sei nur in Einzelfällen nach Genehmigung möglich.

Wie Lies informierte, leben in Niedersachsen zurzeit 39 Wolfsrudel und vier Einzelwölfe, was etwa 350 Tieren entspricht. Das Bundesamt für Naturschutz prognostiziert eine Zunahme des Bestandes. Der werde bei anhaltend strengem Schutz im Jahr 2030 etwa 1200 Wölfe zählen.

Nach seinem Hannover-Ausflug ist der junge Rüde nicht wieder gesichtet worden. Seit dem Morgen, an dem er für viel Aufmerksamkeit sorgte, gebe es keine weiteren Meldungen, sodass er wahrscheinlich die Stadt wieder verlassen habe, heißt es aus dem Umweltministerium. Und schon geraume Zeit ebenfalls nicht gesehen wurde auch »Roddy«, der Rodewalder Wolf, dem 40 Nutztierrisse zur Last gelegt werden und der deshalb mit behördlicher Genehmigung abgeschossen werden soll. Er konnte sich aber immer wieder vor seinen Häschern retten. Im Mai 2019 sei Roddy zuletzt die Beteiligung »an einem Nutztierschaden genetisch nachgewiesen worden«. Er sei nicht »letal der Natur entnommen«, also offiziell abgeschossen worden. Ob er mittlerweile eines natürlichen Todes gestorben ist, wisse man nicht, so das Umweltministerium.

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