Energiekostenexplosion trifft vor allem Rentner und Geringverdiener

Mit der Bekanntgabe der Höhe der Gasumlage an diesem Montag werden Millionen Haushalte wohl aus allen Wolken fallen

Der erwartete starke Anstieg der Energiepreise wird aus Sicht von Experten Rentnerinnen und Rentner sowie Geringverdienende finanziell härter treffen als Arbeitslose und Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger. Wie die Bundesagentur für Arbeit und der Deutsche Städtetag am Wochenende mitteilten, sei der Grund dafür, dass der Staat bei Letzteren einen Großteil der Kosten übernehme. So bekämen beispielsweise Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger die Kosten für Verpflegung und Unterkunft erstattet. »Das ist nicht unsere größte Problemgruppe, sondern die Menschen, die kein Wohngeld oder keine Sozialhilfe empfangen, wie zum Beispiel Rentner«, sagte der Direktor des Verbands bayerischer Wohnungsunternehmen, Hans Maier.

Der katholische Wohlfahrtsverband Caritas teilt diese Einschätzung. Die höheren Kosten für Heizung träfen die Menschen weniger stark, die staatliche Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern II und XII beziehen, so ein Sprecher des Verbands. Denn diese könnten die erhöhten Kosten beim Jobcenter beziehungsweise Sozialamt geltend machen, wo sie in der Regel auch in tatsächlicher Höhe übernommen würden. In den beiden Gesetzbüchern sind Hartz IV und Sozialhilfe geregelt. Die größeren Probleme werden demnach auch laut Caritas Menschen haben, »die nicht im Leistungsbezug sind«.

Hinzu kommt, dass ein beträchtlicher Teil der arbeitenden Bevölkerung laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) keine finanziellen Reserven habe. »Jeder dritte Haushalt in Deutschland hat kein nennenswertes Erspartes, auf das er in diesen Krisenzeiten zurückgreifen kann, um die höheren Kosten für das Heizen oder die Lebensmittel abzudecken«, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher in Berlin. Nach seinen Angaben gibt es in Deutschland mehr als zwei Millionen Aufstocker – also Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die trotz Gehalts auf zusätzliche staatliche Leistungen angewiesen sind.

Bisher spüren viele Bürger den Anstieg der Energiekosten noch nicht in vollem Ausmaß. Das wird sich nach Einschätzung quasi aller Fachleute jedoch bald ändern. So schätzten beispielsweise die bayerischen Wohnungsunternehmen (VdW) im Juli, dass allein der bis dahin eingetretene Anstieg des durchschnittlichen Gaspreises von 7 auf 13 Cent pro Kilowattstunde für einen durchschnittlichen Haushalt 1700 Euro Mehrkosten pro Jahr bedeuten würde, das wären gut 140 Euro monatlich. Seither ist der Gaspreis laut des Vergleichsportals Verivox noch einmal um etwa fünf Cent gestiegen – und eine weitere Verteuerung wird erwartet. Dazu kommt noch die Gasumlage, deren Höhe die Bundesregierung an diesem Montag bekannt geben will.

So werde der Anstieg der Energiekosten nicht nur die Schwellenhaushalte treffen, sondern auch den Mittelstand. »Ich glaube, dass mehr Menschen die Vorauszahlungen, vielleicht auch irgendwann die Miete nicht mehr bezahlen können«, so VdW-Vhef Maier. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte kürzlich weitere Hilfen für die Bürgerinnen und Bürger versprochen, in welcher Höhe diese ausfallen sollen, ist jedoch bislang unklar.

Auf Dauer führe weniger Einkommen »erst in die Überschuldung und dann möglicherweise in die Privatinsolvenz«, sagte Frank Schlein, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crif in Hamburg. »Personen, die eine Privatinsolvenz anmelden, müssen dabei nicht zwingend hoch verschuldet sein.« Ein Großteil der Betroffenen hat demnach in Summe Schulden von weniger als 10 000 Euro.

Auf den Staat inklusive Kommunen kommen ebenfalls hohe Mehrausgaben zu – für Arbeitslose ebenso wie für Menschen, die Sozialhilfe beziehen, weil sie nicht mehr erwerbsfähig sind. Hoch sind die zu erwartenden Mehrausgaben vor allem bei Hartz IV. Der Städtetag beziffert die Gesamtausgaben für die Unterkunft im Jahr 2021 auf 14,1 Milliarden Euro, davon trugen die Kommunen rund 4,2 Milliarden. nd/Agenturen

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