Richtfest für Potsdamer Synagoge

Ausnahmsweise finanzierte der Staat den Bau, den die zerstrittenen jüdischen Gemeinden der Stadt gemeinsam nutzen sollen

  • Matthias Krauß
  • Lesedauer: 4 Min.
Bauzeichnungen im Inneren der Synagoge, die im Frühjahr 2024 fertig werden soll.
Bauzeichnungen im Inneren der Synagoge, die im Frühjahr 2024 fertig werden soll.

Am Freitagnachmittag schwebte die Richtkrone über dem Neubau der Synagoge in Potsdam. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach von einem »großen und glücklichen Tag« für die Stadt und das Land Brandenburg. »Nach vielen Jahren der Diskussion, des Streits und des Ringens« zeige nun die Richtkrone: Hier besitzen die jüdischen Gemeinden eine »sichere Heimstätte«. Es werde auf diese Weise über die Potsdamer Juden »ein schützendes Dach gespannt«.

Dass ein Wolkenbruch die Teilnehmer des unter freiem Himmel gefeierten Richtfests schnell in den Rohbau hineinströmen ließ, stand nicht im Drehbuch der Veranstalter. Doch veranlasste dies Finanzministerin Katrin Lange (SPD) zu dem Satz: »Ich erwarte einen Regenbogen.« Schiere 30 Jahre, nachdem der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) als erster das Angebot unterbreitet hat, ein jüdisches Gotteshaus auf Landeskosten in Potsdam zu errichten, zeichnet sich nun die Verwirklichung dieses Vorhabens ab. »Wir liegen im Plan«, freute sich Finanzministerin Lange, um hinzuzusetzen, dass dies in der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr selbstverständlich sei.

Mit rund 16 Millionen Euro finanziert das Land Brandenburg das gerade entstehende Synagogen- und Gemeindezentrum, das voraussichtlich Anfang 2024 eröffnet und geweiht werden kann. Weil sich die jüdischen Gemeinden der Stadt jahrzehntelang nicht einigen konnten, wurde vor einigen Jahren die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in das Projekt einbezogen. Diese Wohlfahrtsverbandsstelle, deren Präsident Abraham Lehrer beim Richtfest zugegen war, wird das Synagogen- und Gemeindezentrum nach seiner Fertigstellung zunächst auch drei Jahre lang betreiben.

Nicht von ungefähr wünschte Ministerpräsident Woidke sich, es möge sich bei diesem Gebäude in der Potsdamer Schloßstraße »um ein einigendes Dach« handeln. Immerhin war Ud Joffe, der Kopf jener jüdischen Strömungen, die mit dem Konzept nicht einverstanden waren, am Freitag unter den Gästen. Abraham Lehrer sprach von einem »modernen Gebäude, das gleichzeitig einer jahrhundertelangen Tradition im Synagogenbau folgt«. Die überwiegende Mehrheit der hier lebenden jüdischen Gemeinschaft freue sich auf die Fertigstellung. So sei es möglich, das jüdische Leben in Potsdam und in Brandenburg vielfältig zu erweitern. Woidke zählte einige jüdische Einrichtungen in Brandenburg auf, so das Abraham-Geiger-Kolleg, das Moses-Mendelssohn-Zentrum, die Rabbinerausbildung an der Potsdamer Universität und das jährlich stattfindende jüdische Filmfest. »Aber etwas hat gefehlt«, meinte er.

Als »absolute Ausnahme« bezeichnete der Regierungschef die Tatsache, dass der Staat hier einen sakralen Bau finanziert. Doch habe das Land der seit 1990 wieder erwachten jüdischen Gemeinde diese Geste geschuldet, denn es seien Deutsche gewesen, die 1938 auch in Potsdam die Synagoge geschändet, Jüdinnen und Juden gedemütigt, gequält und schließlich ermordet hätten. Woidke erinnerte daran, dass die Faschisten Potsdam zynisch als »judenfrei« etikettiert hatten. Es sei bestürzend, dass die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland in den vergangenen Jahren wieder zugenommen habe. »Das ist eine Schande für unser Land.« Brandenburg habe reagiert und vor einigen Wochen den Kampf gegen Antisemitismus als Staatsziel in seine Verfassung aufgenommen.

Kulturministerin Manja Schüle (SPD) versicherte, die Sicherheit habe bei der Umsetzung der Entwürfe des Architekten Jost Haberland eine wesentliche Rolle gespielt. »Dennoch wird es ein offenes Haus sein.« Gefragt nach den Zerwürfnissen zwischen den verschiedenen jüdischen Gemeinden Potsdams sagte Schüle, dass »ein solches Projekt die eine oder andere unterschiedliche Meinung kritisch begleiten kann«. Doch sie wolle heute nicht zurückschauen. »Es geht um religiöse Belange, Streit sollte dabei keine Rolle spielen.«

Von einem »guten Tag für die Stadtgesellschaft« sprach Potsdams Baubeigeordneter Bernd Rubelt. Zu den jahrzehntelangen Anstrengungen, in Potsdam eine neue Synagoge zu bauen, sagte er: »Manchmal dauern die Dinge etwas länger. Aber dann können sie gut werden.«

Die alte Synagoge von Potsdam wurde 1903 eingeweiht. Sie stand am heutigen Platz der Einheit. 1938 wurde sie von den Nazis demoliert und geschändet, aber nicht wie andere Synagogen in Deutschland in Brand gesetzt, da man fürchtete, die Flammen könnten auf die Hauptpost nebenan übergreifen. Bei einem Bombenangriff im April 1945 wurde die alte Synagoge zerstört, die Ruine zehn Jahre später abgerissen. Nun wird es an der Schloßstraße 8 eine neue Synagoge geben.

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