Auf der Hip-Hop-Messe

Plattenbau. Die CD der Woche: »The Forever Story« von J.I.D.

  • Von Victor Efevberha
  • Lesedauer: 3 Min.
For ever and ever: J.I.D. live in Kopenhagen, noch vor der Pandemie, im Dezember 2019
For ever and ever: J.I.D. live in Kopenhagen, noch vor der Pandemie, im Dezember 2019

Ende August erschien das Album »The Forever Story« des US-amerikanischen Rappers JID. Es ist sein drittes Soloalbum nach »The Never Story« (2017) und »DiCaprio 2« (2018). JID aus Atlanta, der mit bürgerlichem Namen Destin Choice Route heißt, nimmt seine Zuhörer*innen mit auf den Weg der inneren Selbsterkenntnis. Und er wirft seinen Hut in den Ring, was das beste Rap-Album 2022 betrifft. Es gibt auf diesem raffinierten Album kein einziges schlechtes Lied. JID scheint in den letzten vier Jahren musikalisch wie menschlich gereift zu sein. Lyrisch, klanglich und inhaltlich ist das hör- und spürbar.

15 Songs, neun davon mit Gästen. Oft sind viele Features ein Hinweis auf eine schwache Darbietung des Hauptinterpreten. Das ist hier nicht der Fall, eher hat JID feinfühlig und bewusst divers kuratiert. Vertreten sind Künstler*innen verschiedener Rap-Strömungen, unter anderen der Punk-Rapper Kenny Mason, Jazz-Infusion-Hip-Hop mit der EarthGang, zeitgenössischer Trap mit 21 Savage, und die Ballade »Stars«, zusammen mit Yasiin Bey (ehemals Mos Def).

Das Album beginnt mit »Galaxy«, einem atmosphärischen Stück mit einer sehnsuchtsvollen Melodie, das eine Brücke zu JIDs erstem Album »Never Story« schlägt: Die Texte sind fast identisch. Auf seine künstlerische Vielseitigkeit verweist JID im zweiten Lied, »Raydar«: »I got the shit you could play for your mama/I got the shit you could play for the hoes«. Das rappt er auf einem voluminösen Beat mit 808-Drums und Hi-Hats. Ein wiederkehrendes Klangmuster ist der mehrphasige Songaufbau: Es wird rasant begonnen, um in der zweiten Hälfte entspannt auszuklingen. Federführend für die Produktion, die neben dichten Drums auch viele Orchesterarrangements beinhaltet, war sein Chef-Beatmacher Christo. JID besticht außerdem durch seine mehrstimmige Diktion, sein Ansatz von Sprechgesang funktioniert mit verschiedenen Taktgeschwindigkeiten.

Textlich gewährt er Einblick in seine Familie. In »Bruddanem« (zusammen mit Lil Durk), gefolgt von »Sistanem« , finden sich Beschreibungen der innigen, aber auch konfliktbehafteten Beziehungen zu seinen Geschwistern sowie der Ansichten, die seine Familie über das turbulente Leben im Musikgeschäft hat: »I‹m not the only one affected by the poison in the mind/And the lifestyle that shine from the iced-out diamonds/That combine with misogynistic mindsets.«

Das fühlt sich alles an wie eine Rap-Messe. Alles, was das Genre bietet, ist vertreten und JID ist der Messeorganisator, der das alles zusammenführt. Ein ambitioniertes Projekt, das viel zeigen möchte und das auch zum Großteil schafft. Diese Weitläufigkeit ist auch die einzige Schwäche. Es werden viele Brücken geschlagen zwischen unterschiedlichen Rap-Stilen, Beats und inhaltlichen Themen. Manchmal kommt dabei der Wunsch auf, dass JID seine eigenen Ideen noch mehr zuspitzt. Es ist verlockend, aber unfair, JID mit Kendrick Lamar oder André 3000 von OutKast zu vergleichen, denn auf »The Forever Story« ist er eine Klasse für sich.

J.I.D.: »The Forever Story« (Dreamville/Interscope)

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