Grundlage für 131 olympische Medaillen

Die Sportschule in Potsdam feiert ihr 70-jähriges Bestehen

  • Von Matthias Krauß, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit einer rauschenden Festveranstaltung und einem großen Sportfest beging die Potsdamer Sportschule »Friedrich Ludwig Jahn« ihren 70. Geburtstag. Heutige Sportschüler, ihre Lehrer und Trainer, einstige Absolventen und Sportveteranen versammelten sich dazu am Freitag in der MBS-Arena. Es war ein Tag der Ehrungen für erfolgreiche Potsdamer Sportler aller Altersklassen. Ein Höhepunkt: Peter Frenkel, der Olympiasieger im Gehen 1972 in München, verlas die Grußbotschaft des Urururenkels von Turnvater Jahn. Er heißt Ernest John Rohr, studierte im US-amerikanischen Kansas Sportmanagement und wünschte: »Gut Heil aus Amerika!«

Von »traumhaften Möglichkeiten« und einer Eliteschule, die vorbildlich auch »inklusive Wege geht«, sprach Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). Auf eine »großartige Tradition« blicke zurück, was 1952 als Kindersportschule begann und sich zum heutigen »Leuchtturm« der schulischen und Sportausbildung entwickelt habe. In den 70 Jahren ihres Bestehens haben Schüler dieser Einrichtung 131 olympische Medaillen errungen, darunter 73 Goldmedaillen. Die Ministerin erinnert extra an die einzigartige Kanutin Birgit Fischer, die allein acht Gold- und vier Silbermedaillen gewann und auf seine sehr lange Karriere zurückblicken kann. Das erste Olympiagold holte sie 1980 in Moskau im Einer über 500 Meter, das letzte 2004 in Athen im Vierer. Für Ernst weiterhin lobenswert: Erfolgreich sei der Versuch verlaufen, das Leistungssport-Training mit dem Abitur zu verbinden.

Geehrt wurde die Diskuswerferin Kristin Pudenz, die davon schwärmte, dass fast alle Freundschaften gehalten haben, die sie einst als Schülerin in Potsdam schloss. Mit einer Weite von 66,86 Meter holte Pudenz 2021 bei den Spielen in Tokio Silber. Sie studiert jetzt an der brandenburgischen Hochschule der Polizei in Oranienburg.

Die Kanutin Katrin Wagner-Augustin lobte die heutigen Trainingsbedingungen für die Sportschüler in Potsdam. »Jetzt ist alles so, wie es sein muss.« Die Fußballerin Tabea Kemme, die erst für Turbine Potsdam spielte, dann für Arsenal London, bekennt: »Der Sport allein und an sich hätte mich gelangweilt. Ich brauche auch geistige Anregungen.« Es regnet Ehrungen an diesem Tag für Kinder und Jugendliche, die an der Schule lernen und trainieren, unter anderem für 29 Kanuten, die bei der vergangenen deutschen Meisterschaften Medaillen errungen hatten.

»Ich schätze, dass gar nicht so viele Sie kennen werden«, leitete der Moderator das Gespräch mit dem Weltklasse-Kugelstoßer Udo Beyer ein. Doch ein donnernder Applaus widerlegte diese Annahme. Er sei glücklich, hier zu sein und diese großartige Stimmung zu erleben, sagte Beyer. Was er aus seiner Schulzeit zu berichten weiß: Die Lehrer waren unerbittlich, sie haben auch einem sehr guten Sportler, wenn es sein musste, eine Fünf gegeben, was in der DDR die schlechteste Note war. Eine Sechs gab es damals nicht. Für die jahrelange Quälerei auf dem Sportplatz gab es aber auch Entschädigungen: »Wir haben jeden Morgen Steaks und Bratwüste gegessen.« Beyer dankte allen, »die für den Erhalt dieser Sportschule gekämpft haben«. Ihr Bestand sei nicht immer sicher gewesen.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) erzählte, man habe seinen Vater einst als Trainer an die damalige Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Potsdam beordert, »und so verdanke ich der Sportschule auch, dass ich hier stehen darf«. Schubert lobte jene, die es vor 30 Jahren geschafft haben, »das System zu retten«. Denn damals habe keineswegs jeder die Fortsetzung dieser DDR-Erfolgsgeschichte als den richtigen Schritt angesehen. Schubert informierte darüber, dass bei den Olympischen Spielen in Tokio 23 ehemalige Potsdamer Sportschüler teilgenommen haben – »so viele wie von keiner anderen Schule der Welt«. Der Oberbürgermeister kündigte für die kommenden Jahre einen Um- und Ausbau der Sportschule an, was die Suche nach einem Ersatz- und Übergangsstandort voraussetze.

Die Potsdamer Schule ist heute nicht nur anerkannt, sie konnte auch zweimal den Titel »Eliteschule des Jahres« erringen, teilte Schulleiterin Iris Gerloff mit. Das in Potsdam entwickelte Konzept habe sich als bundesweites Modell durchgesetzt. Heute lernen an der Schule 664 sportbegeisterte Kinder und Jugendliche, rund 400 von ihnen wohnen im »Haus der Athleten«, dem angeschlossenen Internat. »Und den Besten-Titel wollen wir wieder nach Potsdam holen.«

In den 1950er Jahren war der Schulstandort Brandenburg/Havel, wo die ersten Sportanlagen in 5800 ehrenamtlichen Arbeitsstunden des Nationalen Aufbauwerkes entstanden, berichtete die
Schulleiterin. In den 60er und 70er Jahren zog die Schule nach Potsdam um. Durch die Patenschaftsbeziehungen mit dem DDR-Armeesportklub »Vorwärts« kam sie an Geräte, Ausrüstung und Trainingsanzüge. »Sie waren nicht so farbenfroh und schick wie heute, sondern mausgrau«, erzählte Gerloff. Auch die ersten Abiturlehrgänge habe es in den 50er Jahren schon gegeben.

Gerloff erinnert daran, dass der »Turnvater Jahn«, dessen Namen die Einrichtung seit ihrem Bestehen trägt, den Turnsport auf »besondere Weise« gepflegt habe. Aber gerade das Geräteturnen steht seit einigen Jahrzehnten nicht mehr auf dem Programm der Potsdamer Sportschule, diese
Tradition riss 1990 ab. Zum 25jährigen Bestehen der damaligen KJS im Jahr 1977 wurde eine Büste des Turnvaters enthüllt, der in Lanz in der Prignitz zur Welt kam. Sie ist noch heute auf dem Schulgelände aufgestellt.

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