Sechs Schüsse fielen

Waffe des Einsatzleiters wurde nach tödlichem Polizeieinsatz in Dortmund beschlagnahmt

Nur langsam scheint die ganze Wahrheit über den tödlichen Polizeieinsatz am 8. August in Dortmund ans Licht zu kommen. Bislang ist davon ausgegangen worden, dass lediglich ein Polizist in der Nordstadt das Feuer auf einen 16-Jahre alten Senegalesen eröffnete und mit einer Maschinenpistole viermal schoss. Neue Informationen über den Einsatz werfen allerdings Fragen auf. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nannte sie »nicht gerade unwesentlich«. Womöglich könnte ein zweiter Polizist auf Mouhamed Lamine Dramé geschossen haben. Insgesamt wurden nämlich sechs Schüsse abgefeuert.

Wie Reul am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf unter Berufung auf einen freigegebenen Bericht der Staatsanwaltschaft Dortmund berichtete, soll es jetzt einen Zeugen geben, der bekundet, dass auch der Einsatzleiter geschossen habe. Die Waffe des Dienstgruppenleiters wurde daher beschlagnahmt. Wie es in dem schriftlichen Bericht, der dem »nd« in verkürzter Form vorliegt, heißt, sei die Waffe des Einsatzleiters »aus äußerster Vorsicht« beschlagnahmt worden. Man müsse untersuchen, ob die sichergestellten Patronenhülsen aus der Waffe stammen könnten.

Durch Beschlüsse des Amtsgerichts Dortmund vom 5. und 13. September wurden Durchsuchungen bei den beschuldigten Polizeibeamten angeordnet. Auf Grundlage dieser Beschlüsse wurden am 14. September die Mobilfunktelefone aller fünf beschuldigten Beamten beschlagnahmt, weil es laut Justizministerium, das sich auf die in dem Fall zuständige Staatsanwaltschaft Dortmund beruft, die »begründete Annahme« gebe, dass sich die Beteiligten per Whatsapp oder SMS ausgetauscht und abgesprochen hätten.

Konkret geht es um eine etwa einstündige Dienstbesprechung mit dem Dortmunder Polizeipräsidenten zwei Tage nach den tödlichen Schüssen, also am 10. August. Die Staatsanwaltschaft hat den Verdacht, dass die beim Einsatz beteiligten Polizisten sich danach Nachrichten geschickt hatten. Daher sollen nun die SMS- und Chatverläufe ausgelesen werden. Etwaige Kommunikation der Beschuldigten mit ihren Verteidigern bleibt davon unberührt. Die Auswertung der Mobilfunkgeräte dauert laut Reul an. Dies gelte auch für die vom Bundeskriminalamt vorgenommene Auswertung des Notrufs, den ein Betreuer der Jugendhilfeeinrichtung abgab, in der Mouhamed zuletzt wohnte. Dieser Anruf soll den gesamten Einsatz lang gedauert haben und entsprechend aufgezeichnet worden sein. Die Schüsse sollen auf der Aufzeichnung zu hören sein.

Darüber hinaus kam heraus, dass das von der Polizei gegen den Senegalesen eingesetzte Pfefferspray seit April dieses Jahres abgelaufen ist. Mouhamed wurde von zwei Beamten mit dem Reizgas besprüht. Diese Maßnahme blieb genauso wie der wenige Sekunden später erfolgte Taser-Beschuss wirkungslos.

Es existiert auch ein Video vom Einsatztag, das allerdings nur die Geschehnisse nach der Schussabgabe zeigt. Das Video werde gegenwärtig von Experten ausgewertet, so Reul.
Während die Staatsanwaltschaft Dortmund weiterhin keine Presseanfragen zu dem Fall beantwortet, übt die oppositionelle SPD scharfe Kritik. »Der Fall nimmt immer dramatischere Züge an. Die durch die Staatsanwaltschaft bekannt gegebenen Beschlagnahmungen zeigen, dass eine lückenlose Aufklärung dringender ist denn je. Es wäre gut gewesen, wenn auch Innenminister Reul und die schwarz-grüne Koalition von Anfang an mit dem nötigen Aufklärungswillen agiert hätten.« Dieser Eindruck habe sich bisher leider nicht bestätigt. Reul versprach dagegen vollständige Aufklärung, weil »auch er unbedingt wissen wolle, was da in Dortmund genau passiert ist«.

Entscheidend für die Opposition im Landtag ist nach wie vor die Frage, wie der 16-Jährige das Messer in der Hand gehalten hatte. Reul beteuerte, dass er es auch nicht wisse und die Ermittlungen dazu noch liefen. Die Polizei war in die Jugendhilfeeinrichtung gerufen worden, weil Mouhamed mit dem Messer seinen Suizid angedroht hatte. Später soll er mit dem Messer in der Hand auf die Polizisten losgelaufen sein. In einem Medienbericht von vergangener Woche hieß es, der Jugendliche habe das Messer nur gegen sich und den Boden gerichtet. Diese Information habe er allerdings nicht, erklärte Reul.

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