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Schwierige Balance

Die Affenpocken weisen auf den alten Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Hygieneregeln

Colorierter Elektronenmikrograph des Affenpockenvirus
Colorierter Elektronenmikrograph des Affenpockenvirus

Es sind gewohnt martialische Worte, mit denen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die bundesdeutsche Öffentlichkeit im Mai auf das Aufkommen einer neuen Viruserkrankung aufmerksam machte: »Wir haben noch sehr gute Chancen, die Affenpocken in Deutschland und Europa zu stoppen. Dafür machen wir derzeit alles: Wir reagieren hart und schnell. Wir werden nicht zulassen, dass hier die Reaktion verschleppt wird.«

Knapp vier Monate nach dieser Verlautbarung äußern nicht wenige Interessenvertreter aus dem Bereich der sexuellen Gesundheit sowie Betroffene erhebliche Zweifel am staatlichen Umgang mit den Affenpocken. Der Ausbruch wurde am 23. Juli von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur gesundheitlichen Notlage mit internationaler Tragweite erklärt. Grund dafür liefert die Knappheit des zur Verfügung stehenden Impfstoffs, der als eine der effektivsten Schutzmaßnahmen gegen eine Ansteckung gilt.

Während in Ländern wie Frankreich oder Kanada ausreichend und einfach zugängliche Impfangebote bestehen, stellt sich die Lage in der Bundesrepublik deutlich prekärer dar: Von den derzeit 240 000 bestellten Dosen des per Sonderregelung genehmigten Impfstoffes Imvanex steht derzeit nur rund ein Viertel für Personen bereit, die zur Hauptbetroffenengruppe zählen und eine Impfung wünschen. Zugang erhält auch, wer in direktem Kontakt mit dem Erreger stand oder immundefizient ist.

Aber nicht wenige Schwule und Bisexuelle, die sich impfen lassen wollen, erhalten schlichtweg keinen Termin, da es an Impfstoff mangelt. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen Aids-Hilfe, bemängelt im Zusammenhang mit der Epidemie nicht nur die unbefriedigende Impfsituation: »Es fehlt bisher an einer abgestimmten, in die Zukunft gerichteten nationalen und europäischen Präventionsstrategie. Das betrifft die Primärprävention, aber auch die sekundäre Ebene wie Behandlung, Versorgung und Unterstützung sowie auch Maßnahmen zur Entstigmatisierung.«

Am Mittwoch verzeichnete das Robert-Koch-Institut 3615 aus den Bundesländern übermittelte Affenpocken-Infektionen, von denen bisher nur 18 auf weibliche erwachsene, drei auf männliche jugendliche Personen und zwei auf Kinder entfallen. Die Hauptbetroffenengruppe machen demnach jene schwulen und bisexuellen Männer aus, die im Vergleich eine (sehr) hohe Anzahl wechselnder Sexualpartner haben. Aber nur in seltenen Fällen kommt es zu schweren und singulär zu tödlichen Verläufen einer Affenpocken-Erkrankung. Ansonsten ist die medizinisch als MPX abgekürzte Infektionskrankheit als teilweise äußerst schmerzhafte, jedoch im Verlauf in aller Regel milde Erkrankung bekannt. Nicht zuletzt auch, da sie selbstlimitierend ist und somit innerhalb von maximal 21 Tagen von alleine ausheilt.

Neben allgemeinen Krankheitssymptomen äußert sich die Infektion mit dem hoch ansteckenden Erreger insbesondere durch schmerzhafte Hautveränderungen sowie durch Pocken-, Krusten- und Pustelbildung. Affenpocken gelten im engeren Sinne nicht als sexuell übertragbare Infektion, allerdings verweisen die urogenitalen Symptombildungen an Penis, Anus oder Rektum bei den Betroffenen vor allem auf eine Übertragung durch den engen Körperkontakt bei sexuellen Begegnungen zwischen Männern.

Als mögliche Langzeitfolge droht einem kleinen Teil der Erkrankten eine bakterielle Superinfektion von Hautläsionen oder eine aus ästhetischen Gründen besorgniserregende Narbenbildung. Schließlich können diese auch zu einer Einschränkung sexueller Funktionen und sexueller Genussfähigkeit der Genesenen führen.

Nichtsdestotrotz ist von einer hohen Dunkelziffer an Infektionen auszugehen, die mitunter auf die extrem lange behördlich vorgeschlagene Isolationszeit von 21 Tagen wie auch auf die mögliche Stigmatisierung infizierter Personen zurückzuführen sein dürfte. Wenngleich eine Ansteckung vor allem durch den sehr engen Körperkontakt erfolgt, zeichnen sich die rigiden Quarantäneverordnungen der Gesundheitsbehörden durch die Aufforderung zu vollständigem Rückzug aus dem sozialen Leben aus.

Dass es nahezu ausschließlich schwule und bisexuelle Männer sind, die sich mit Affenpocken infizieren, ist epidemiologisch recht einfach auf die Tatsache zurückzuführen, dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Bevölkerungsgruppe promisk lebt und über ein dichteres sexuelles Kontaktnetzwerk verfügt. Die Männer nutzen regelmäßig Szeneorte, die sowohl der Geselligkeit als auch schnellem oder anonymem Sex dienen.

Einer von ihnen ist Sven L., er engagiert sich in der HIV-Selbsthilfe und hat andere Schwule sehr früh über die Affenpocken informiert. Selbst infiziert hat er sich beim Besuch einer Sex-Party beim Kölner CSD. »Rational hätte ich zu Hause bleiben müssen«, sagt er gegenüber dem »nd«. »Aber nach zwei Jahren Pandemie, der Belastung durch Kontaktbeschränkungen, keine Szene und CSDs hatte ich einfach genug. Ich wollte die Freiheit genießen.«

Seine Infektion ist mild und relativ schmerzfrei verlaufen, allerdings begleitet von starker Pockenbildung am Penis. Hätte er sich zurückhalten sollen? »Enthaltsamkeit lässt sich leicht fordern, das greift so aber nicht«, entgegnet der 46-Jährige. »Es geht immer auch um Wohlbefinden, soziale und sexuelle Bedürfnisse.« Auf diesen Aspekt weist auch Dirk Sander von der Aidshilfe hin: »Ein Großteil der Leute reagiert mit sexueller Zurückhaltung, aber das ist ja nicht einfach erkauft. Es betrifft auch das psychische Wohlbefinden. Diese Stressoren haben auch Folgen.«

Sorge bereitet vielen in der Community die drohende Diskriminierung schwuler und bisexueller Männer. Es werden Vergleiche zur Aids-Krise gezogen – so würden in Medien Schwule als Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft markiert. Aber sind die öffentlichen Reaktionen auf die Infektionsherde wirklich von hasserfüllten Kommentaren und enthemmter Verurteilung promisker Schwuler gekennzeichnet? Gemeinsamkeiten zum Aids-/HIV-Komplex wie auch zur Corona-Pandemie stellen sich auf eher andere Art her: Die sexuellen Wünsche nach Nähe und Verschmelzung lösen sich im Angesicht von Infektionskrankheiten nicht einfach auf und sind mit den sexualhygienischen Anforderungen dieser Tage kaum in Einklang zu bringen.

Sexualpolitisch stellt sich die Frage, ob Überlegungen, die eine Rechenschaft über die individuelle Ausgestaltung sexueller Nähe und die Befriedigung sexueller Bedürfnisse beinhalten, überhaupt sinnvoll sind. Die schwulenpolitischen Stellungnahmen versuchen, neben Seuchenschutz und medizinischer Bewältigung auch Autonomie und Emanzipation zur Geltung kommen zu lassen. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch stellte mit dem Aufkommen von Aids einen grundsätzlichen Wandel im Verständnis von Sexualität fest: Das neue Ideal eines gesunden und glücklichen Sexuallebens verhindere letztlich Sexualität. Es lohnt sich, diese kritische Stimme in Erinnerung zu rufen.

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