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  • Prekäre Arbeitsbedingungen

Hanna in der Paarberatung

Die Wissenschaft hat sich als toxische Beziehung entpuppt

  • Markus Hennig
  • Lesedauer: 3 Min.
Für toxische Beziehungen gilt vor allem: Es darf nicht so bleiben, wie es ist.
Für toxische Beziehungen gilt vor allem: Es darf nicht so bleiben, wie es ist.

In der vergangenen Woche kursierte auf Twitter ein Liebesbrief – bemerkenswerterweise an die deutsche Wissenschaft. Geschrieben wurde er von Amrei Bahr, einer der prominenten Initiator*innen des Hashtags #ichbinHanna, unter dem sich eine Kritik an den prekären Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft versammelte. Hanna steht dabei stellvertretend für den sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs, der unter unsicherer Dauerbefristung und unbezahltem Arbeitsstress leidet. Nachdem Hanna sich euphorisch in die Beziehung zu ihrer wissenschaftlichen Karriere gestürzt hatte, sei die Phase der Verliebtheit nun vorbei. Es ist passiert, was viele ältere Kolleg*innen Hanna vorhergesagt hatten: Die Wissenschaft erweise sich als schlechte Partnerin, weil sie immer nur nimmt, ohne zu geben, und weil sie permanent fordert, dass Hanna sich beweisen muss.

Die Bezeichnung als Liebesbrief trifft die Sache deshalb nicht genau. Immerhin ist es ein öffentlicher Brief, der auch als Hilferuf interpretiert werden könnte. Denn was Hanna beschreibt, erinnert stark an eine toxische Beziehung, in der allein die Bedürfnisse des einen Partners im Vordergrund stehen, während die des anderen übergangen werden. In diesem Sinne erzählt der Brief von den vielen Opfern, die Hanna bringen musste, damit die Beziehung weiterhin bestehen konnte: von Umzügen, unbezahlten Überstunden, befristeten Verträgen, abgebrochenen sozialen Beziehungen zu anderen Freund*innen.

Das Ende des Briefes lässt nichts Gutes erahnen. Denn statt sich aus der toxischen Struktur der Beziehung zu befreien, erweist sich Hannas Schreiben dann doch als Liebesbrief. Hanna geht es vor allem um das Wohl der geliebten Wissenschaft. Ein besserer Umgang mit Hanna, also dem wissenschaftlichen Nachwuchs, würde letztlich der Wissenschaft selbst zugutekommen. Damit verfängt sie sich erneut in ihrer Unterwürfigkeit, die ihre eigenen Ansprüche unter die des Gegenübers stellt. Hanna zählt nur für die Bedürfnisse der Wissenschaft.

In einer Paarberatung würde dieses Verhalten als Fortsetzung einer toxischen Beziehung gewertet werden. Alternativen dazu wären die Beendigung oder die Arbeit an der Beziehung, wofür es bekanntermaßen die Bereitschaft beider Partner*innen braucht. Die Bewegung #ichbinHanna hat sich auf die Fahne geschrieben, diese Bereitschaft zur Veränderung zu erkämpfen. Aber das müsste bedeuten, dass die Spielregeln nicht länger nur von der einen Seite gesetzt werden. Stattdessen braucht es eine gleichberechtigte Beziehung, in der die verschiedenen Bedürfnisse miteinander vermittelt werden können. Es braucht die Demokratisierung der Art, wie Wissenschaft betrieben wird.

Diese dringend notwendige Umgestaltung betrifft nicht nur die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und den akademischen Mittelbau, sondern all jene, die in den wissenschaftlichen Institutionen arbeiten. Denn Hanna ist nicht die erste, die ausgenutzt und abserviert wurde. Schon vor Hanna hat sich die Wissenschaft von nahezu allen nicht-wissenschaftlichen Dienstleistungen getrennt, diese ausgelagert, um damit Tarifverträge zu umgehen. Wenn Hanna will, dass ihr nicht das Gleiche passiert, könnte es sich lohnen, nach solidarischen Beziehungen jenseits der romantischen Paarbeziehung zu suchen und sich mit jenen zu verbinden, die von der Wissenschaft seit jeher verachtet werden.

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