Abwechslung ist alles

Naturheilkundler Andreas Michalsen über Arthrose und Ernährung

  • Angela Stoll
  • Lesedauer: 6 Min.
Kurkuma- und Ingwerwurzeln sind bei Arthritis noch nicht alles, aber schon mal ein guter Anfang für eine gesunde Ernährung.
Kurkuma- und Ingwerwurzeln sind bei Arthritis noch nicht alles, aber schon mal ein guter Anfang für eine gesunde Ernährung.

Herr Michalsen, kann man Arthrose durch Ernährung beeinflussen?

Ja, klar. Man kann sie dadurch nicht heilen, da Arthrose ein Abnutzungsprozess ist. Im Gegensatz zu früher weiß man heute aber, dass die Krankheit auch starke entzündliche Anteile hat. Und die kann man durch Ernährung gut beeinflussen. Außerdem ist Übergewicht ein grundsätzlicher Risikofaktor. Auch hier kann gute Ernährung viel leisten.

Welche Nahrungsmittel tun gut?

Trivial gesagt soll man wenig von dem essen, was entzündungsfördernd ist, und viel von dem, was entzündungshemmend ist. Vor allem Polyphenole haben antientzündliche Eigenschaften. Besonders viele dieser sekundären Pflanzenstoffe sind in dunklen Beeren wie Heidel- und Johannisbeeren, dunklem Gemüse wie Paprika und Aubergine sowie grünem Blattgemüse enthalten. Außerdem weiß man, dass auch Darmbakterien entzündungshemmende Stoffe produzieren. Diese Bakterien füttert man am besten durch Ballaststoffe, wie sie in Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorngetreide stecken.

Worauf sollte man beim Fett achten?

Hier ist es wichtig zu differenzieren. Es gibt entzündungshemmende Fette, das sind die Omega-Drei-Fettsäuren, wie sie in Leinsamen und Fisch vorkommen. Diese sollte man reichlich aufnehmen. Dagegen empfiehlt es sich, möglichst wenig gesättigte Fette zu verzehren, also wenig Wurst, Fleisch und Butter. Auch bei tierischem Eiweiß ist Zurückhaltung ratsam, weil ein Zuviel ebenfalls entzündungsfördernd ist. Dann gibt es noch Gewürze wie Kurkuma, Ingwer und Kreuzkümmel, die im Ruf stehen, entzündungshemmend zu sein.

Das bedeutet also eine ausgewogene, eher vegetarische Ernährung.

Ja, wobei ich das Wort »ausgewogen« nicht mag. Das ist für mich eine Mogelpackung, unter der man alles Mögliche subsumieren kann. Es geht um eine vollwertige, abwechslungsreiche, am besten vegetarische Ernährung.

Wie viel kann man mit einer solchen Ernährung erreichen?

Das hängt von den Begleitumständen ab. Es gibt Arthrosen, die sind stärker entzündlich als andere. Wenn jemand übergewichtig ist oder Diabetes hat und dann an mehreren Stellen gleichzeitig Arthroseprobleme bekommt, dann würde man davon ausgehen, dass er davon profitiert. Dagegen wird man bei einem Ex-Profifußballer, der in Folge vieler Verletzungen an einer Knie-arthrose leidet, nicht zaubern können. Abgesehen davon kommt es auf die Arthroseart an. Fingerarthrose, Handarthrose und Kniearthrose kann man besser durch Ernährung beeinflussen, Hüftarthrose weniger.

Ist es bei Kniearthrose möglich, durch Ernährungsumstellung einen Gelenkersatz hinauszuzögern?

Ja, das ist unser Alltag. Die Patienten kommen mit Mitte 50 oder 60 zu uns, weil ihnen vom Orthopäden gesagt wurde, dass sie operiert werden müssten. Sie fragen sich: Jetzt schon? Wenn das doch nur 15 Jahre hält? Dann stellen wir die Ernährung um, manchmal lassen wir sie auch fasten. Heilfasten hat einen Kick-Start-Effekt, ist stark entzündungshemmend, und man verliert gleich Gewicht. Anschließend setzen wir auf antientzündliche Ernährung, unter anderem mit Kurkuma. Da erreichen wir schon etwas. Wir geben keine Versprechungen ab, indem wir sagen: So lässt sich eine Operation für immer vermeiden. Aber Hinauszögern geht auf alle Fälle.

Ist auch Intervallfasten empfehlenswert?

Ja, weil es eine einfache, elegante Methode ist abzunehmen. Das ist relativ gut belegt. Wenn jemand es nicht schafft, die Ernährung umzustellen, dann kann er es mit Intervallfasten probieren – ohne an der Ernährung etwas zu ändern. Der antientzündliche Effekt ist aber deutlich schwächer als beim richtigen Heilfasten.

Gibt es Studien, die den Effekt der Ernährung bei Arthrose belegen?

Auch das hängt von der Art der Arthrose ab. Bei Kniearthrose gibt es viele Studien, etwa für Kurkuma und Ingwer, generell für pflanzliche Ernährung und für Gewichtsabnahme. Bei Schulterarthrose etwa liegt dagegen nicht viel vor. Bei Rheuma gibt es gerade für Mittelmeerkost eine sehr gute Studienlage. Das ist also kein ganz homogenes Bild. Der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Arthrose und Ernährung ist aber wissenschaftlich belegt, auch wenn die meisten Orthopäden ihn nicht kennen oder annehmen, dass er nicht so wichtig sei.

Wie wichtig ist Vitamin D?

Viele Jahre gab es einen Hype um Vitamin D, die ganz großen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Es gab Beobachtungsstudien, die zeigten, dass Menschen mit niedrigem Spiegel eher Beschwerden hatten. Bei randomisierten Studien war das Ergebnis aber nicht so eindeutig. Man hat nicht gesehen, dass Menschen, die Vitamin D zu sich nehmen, wirklich davon profitieren. Möglicherweise ist ein niedriger Vitamin-D-Spiegel auch nur ein Marker für erhöhte Risiken. Das Klügste ist, den Spiegel gegen Ende des Winters beim Hausarzt zu bestimmen. Ist er zu niedrig, kann man Vitamin D zu sich nehmen. Ich rate aber nicht dazu, den Stoff im Blindflug zu ergänzen. Er steht auch nicht an erster Stelle bei Arthrose.

Was ist mit dem berühmten Glas Rotwein: Ist es bei Arthrose eher gesund oder verboten?

Verboten ist nichts, aber man tut sich nichts Gutes. Rotwein ist nicht gesund. Hier und da hat man geringe Vorteile, zum Beispiel bei Gefäßverkalkung, aber man hat ein erhöhtes Risiko für Krebs, Demenz und viele weitere Krankheiten. Auch bei einem Glas Wein übersteigen die Risiken deutlich den Nutzen. Zudem sind es noch leere Kalorien. Man muss sehen: 70 Prozent der Deutschen haben Übergewicht, und Übergewicht ist nun mal der Risikofaktor Nummer eins für Arthrose.

Kann man durch eine gesunde Ernährung Arthrose auch vorbeugen?

Als alleiniger Faktor würde mir das nicht reichen. Neben gesunder Ernährung und dem Normalgewicht ist kluge Bewegung wichtig. Damit meine ich nicht Ausdauersport, sondern abwechslungsreichen Sport, bei dem die Gelenke gedehnt werden, etwa Yoga.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Fehler im Umgang mit Arthrose?

Bei der Versorgung von Arthrosen wird der Fehler gemacht, dass man zu sehr Röntgenbilder behandelt und zu wenig Beschwerden. Und das kommunizieren Ärzte auch so: Das Knie ist kaputt! Der Knorpel ist weg, das läuft auf Felge! Als wäre der Körper eine rein mechanische Einrichtung. Es wird außer Acht gelassen, dass man auch mit einer schweren Arthrose auf dem Röntgenbild ein schönes Leben führen kann. Man sollte sich deswegen nicht gleich operieren lassen. Auf der anderen Seite kommt es vor, dass Menschen zu lange mit der Operation warten. Wenn sie zwei, drei Jahre humpeln, kommen irgendwann Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen dazu. Am wichtigsten ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Ärzte neigen dazu, zu früh etwas zu unternehmen, Patienten dagegen zu spät.

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