Keine harmlosen Rollenspiele

Mit Holz oder Kunststoff: Die Faszien werden im Fitnesssport schon länger bearbeitet

  • Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.
Mit der Rolle können auch Ältere noch ein Training anfangen – am besten unter Anleitung.
Mit der Rolle können auch Ältere noch ein Training anfangen – am besten unter Anleitung.

Welche Gerätschaften wurden nicht schon auf den Markt gebracht, um uns von Rückenschmerzen zu erlösen: Stehpulte, Spezialmatratzen, Sitzbälle, Rückenstrecker und vieles mehr. Sogar »Geradehalter« zur Haltungskorrektur gibt es in unterschiedlichsten Ausführungen und finden mal mehr, mal weniger begeisterte Anhänger. Kaum ein Zubehör hat sich allerdings so erfolgreich durchgesetzt wie die Faszienrolle: Vor gut 15 Jahren wurde die sogenannte Blackroll, der Klassiker unter den Rollen, erfunden – und ist heute kaum noch aus Physiotherapiepraxen, Gymnastikstudios und privaten Fitnesskellern wegzudenken. Die Faszienmassage mit der Hartschaumrolle verspricht Schmerzlinderung und obendrein zahlreiche weitere positive Effekte. Handelt es sich bloß um eine Trendwelle?

Zunächst einmal: So ganz neu war die Blackroll nicht, als sie in den 2000er Jahren vom Band lief. »Schon in den 1980er Jahren wurden bei der Feldenkrais-Methode Holzrollen verwendet«, sagt Chuck Tholl, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Sporthochschule Köln. »Auch bei Pilates und Yoga benutzt man seit Langem Rollen.« Den Vätern der Blackroll kam zugute, dass in den letzten Jahrzehnten die Faszien immer stärker in den Blickpunkt des Interesses rückten.

»Anfang der 80er Jahre betrachtete man Fasziengewebe noch als reines Füllmaterial, das bei Operationen manchmal großzügig weggeschnitten wurde«, berichtet Tholl. Dabei ahnten Mediziner damals nicht, welche wichtige Aufgabe die Fasern erfüllen. Das dichte Gewebe, das Muskeln und Organe umhüllt und wie ein Netzwerk den ganzen Körper durchzieht, ist mit zahllosen Sinneszellen ausgestattet. »Rezeptoren im Fasziengewebe sind zum Beispiel wichtig für die Körperwahrnehmung«, erklärt der Wissenschaftler. Daneben können sie auch Schmerzinformationen weiterleiten.

Bis hierhin sind sich Experten weitgehend einig. Inwieweit das »Foam Rolling« Beschwerden lindert und sich auch sonst positiv auswirkt, ist dagegen weit weniger klar. Schwammig wird es schon bei der Frage, was im Körper eigentlich passiert, wenn man sich mit der Rolle bearbeitet. »Dazu gibt es viel Theorie, aber wenig davon ist bewiesen«, sagt Tholl. Relativ klar sei, dass durch den Druck die Hydration verbessert wird: Wie ein Nudelholz, mit dem man Teig glattwalkt, bearbeitet die Rolle das Gewebe, sodass sich die Flüssigkeit darin besser verteilt. Außerdem stimuliert die Massage Rezeptoren in Bändern, Sehnen und Faszien – »aber auch das ist nicht zu 100 Prozent klar«, meint Tholl.

Der Schmerzexperte Hermann Locher von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie beschreibt den Haupteffekt der Faszienmassage so: »Die verschiedenen Faszienschichten werden gegeneinander bewegt, sodass sich ihre Gleiteigenschaften verbessern.« Davon profitierten zum Beispiel Leistungssportler, deren Muskulatur beweglicher wird.

Auch Tholl geht davon aus, dass sich die Beweglichkeit durch das Rollern kurzfristig verbessert. Allerdings braucht man dazu das Gerät nicht: Durch dynamisches Dehnen, sagt er, erreiche man denselben Effekt. Und wie gut wird man mit der Rolle Schmerzen los? Vorübergehend kann die Massage schon Linderung bringen, sagt Tholl, aber: »Es kommt immer auf die Art der Beschwerden an.«

Andere Aussagen über die Wirkung der Schaumstoffrollen klingen wesentlich euphorischer. So schreiben Roland Liebscher-Bracht und Petra Bracht in ihrem Ratgeber »Rolle dich schmerzfrei« der Massage etliche positive Effekte zu: Sie reichen vom Auflösen von Spannungsknoten in der Muskulatur über eine bessere Durchblutung der Kapillargefäße bis hin zu Schmerzreduktion oder gar -beseitigung. Das funktioniert ihrer Theorie nach vor allem dadurch, dass das Rollern zum einen den Stoffwechsel im Bindegewebe anregt, zum anderen Rezeptoren in den Faszien sowie Spannungspunkte in den Muskeln aktiviert.

Der wissenschaftliche Boden für solche Thesen ist dünn. »Es gibt sehr wenige Studien dazu«, sagt der Orthopäde Hermann Locher. Den Effekt führt er vor allem auf die »schmerzlindernde Propriozeption« zurück. Damit gemeint ist in etwa: Durch Stimulierung der zahlreichen Bewegungsfühler, die auf den Faszien sitzen, werden Schmerzen weniger stark wahrgenommen. »Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Kopfnuss bekommen. Das tut sehr weh. Wenn Sie die Stelle dann mit der Handfläche reiben, verflüchtigt sich der Schmerz.«

Dennoch rät der Experte entschieden davon ab, bei Problemen blindlings draufloszurollern. Wer Rückenschmerzen hat, sollte die Ursache erst vom Arzt klären lassen. »Bei einer Muskelentzündung oder einem Bandscheiben-Vorfall hilft Faszientraining nur begrenzt«, sagt Locher.

Wenn tatsächlich ein muskulo-fasziales Problem die Beschwerden verursacht, sollten sich die Patienten die Anwendung der Faszienrolle zeigen lassen – etwa von einer Physiotherapeutin. Aber auch dann ist die Massage nur eine ergänzende Maßnahme. Experten sind sich einig: Um langfristig schmerzfrei zu sein, ist ein ganzheitliches körperliches Training nötig. So betont Chuck Tholl: »Eine Rollmassage kann Bewegung nicht ersetzen.«

Wer sich eine Rolle anschafft, sollte sie mit Bedacht einsetzen. Völlig frei von Risiken und Nebenwirkungen sind Blackroll und Co nämlich nicht, wie Locher erklärt: Zum Beispiel können Venenklappen beschädigt werden. Daher sollten vor allem Menschen mit Krampfadern darauf achten, nur in Richtung des Blutrückflusses – also zum Herzen hin – zu rollern. Auch bei Geschwüren, starker Osteoporose, frischen Verletzungen oder Entzündungen können Faszienrollen schaden, ebenso, wenn man Blutverdünner einnimmt. Und auch für rundum gesunde Menschen gilt: Nicht über knöcherne Strukturen rollern, da auf Dauer sonst die Knochenhaut gereizt werden könnte.

»Der häufigste Fehler, den Leute machen, ist allerdings, sich gleich mit vollem Gewicht auf die Blackroll zu legen«, sagt Locher. Dadurch kann zu starker Druck ausgeübt werden. Daher gilt gerade für Anfänger: Behutsam mit einer weicheren Rolle beginnen und auf die Signale des Körpers achten. »Man sollte nicht übertreiben. Etwa fünf Minuten pro Tag reichen«, rät der Arzt.

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