Die Ernährerrolle hat für viele Väter ausgedient

Studie untersucht Selbstbild und Selbstverständnis von Vätern

  • Jessica Ramczik
  • Lesedauer: 4 Min.

»Verstständnisvoller Spielkamerad statt abwesender Ernährer«. Dies ist der Titel einer Studie, die erstmals Auskunft über die Selbstwahrnehmung von Vätern Auskunft gibt: Wie nehmen sie sich selbst in ihrer Rolle als Vater wahr, wie bewerten sie Arbeitsteilung bei Erziehungsaufgaben und im Haushalt, welche Vorbilder nehmen sie sich, und wie sehr beschränkt Lohnarbeit selbst gewählte Lebensmodelle?

Im Rahmen der Studie befragte das Team um die Wissenschaftler*innen Kim Bräuer und Kai Marquardsen 2200 Väter online. Zusätzlich führten die Wissenschaftler*innen 55 qualitative Interviews. Dabei wurden nicht nur rechtliche und biologische Väter, sondern auch Pflegeväter, Väter in Co-Parenting-Konstellationen und homosexuelle Väterpaare befragt. Außerdem wurden nicht nur die Männer selbst befragt, sondern auch die (Eigen-)Darstellung von Vaterschaft in sozialen Medien analysiert.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Rolle von Vätern in den vergangenen Jahren immer mehr in den gesellschaftlichen Fokus gerückt sei. Diskussionen um einen 14-tägigen Vaterschatzsurlaub und nicht zuletzt die Erweiterung der Elternzeit um zwei Vätermonate spiegeln diese Entwicklung wider. »Trotz der vermehrten Diskussion um die Rolle von Vätern ist diese seit einigen Jahren nicht mehr umfassend wissenschaftlich untersucht worden. Diese Lücke wollten wir mit unserer Studie schließen«, erklärt Projektleiterin Bräuer von der TU Braunschweig.

Positiv überrascht: Ein Großteil der befragten Väter hat sich vom Bild des Vaters als Ernährer gelöst. Nur 12 Prozent der befragten Männer halten es für ihre wichtigste Aufgabe, der Familie finanzielle Sicherheit zu bieten. »Die von uns befragten Väter haben angegeben, dass ihnen monetäre Werte nicht so wichtig seien wie soziale oder emotionale Werte«, erklärt Marquardsen von der Fachhochschule Kiel. Wichtigster Wert in ihrer Erziehung war für einen Großteil der Befragten Vertrauen. »Zu bestimmend«, »abwesend« und »mit der Arbeit zu beschäftigt« seien die eigenen Väter gewesen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Studienteilnehmer ihre eigenen Väter als »negatives Vorbild« betrachtet.

Bei aller positiven Entwicklung zeigt die Studie, dass jedoch alte Muster weiterhin fortbestehen. Nach wie vor existiert in vielen Familien eine klare Aufgabenverteilung nach Rollenerwartungen: der Vater als Person mit Finanzhoheit. Dem gegenüber steht allerdings in vielen Fällen eine gelingende Gleichberechtigung. »Das sind die Familien, in denen es die wenigsten Konflikte gibt«, so Bräuer. Grundvorausetzung hierfür sei aber die außerhäusliche Kinderbetreuung, und diese sei aufgrund des Fachkräftemangels gefährdet, so die Wissenschaftlerin weiter.

Darüber hinaus zeichnet die Studie ein deutliches Gefälle zwischen Ost und West sowie Stadt und Land. Es zeigt sich: Geht es um eine aktive Vaterrolle, dann sind Väter aus den alten Bundesländern viel eher an einer solchen interessiert, noch dazu, wenn diese aus einem städtischen Umfeld kommen.

Außerdem untersuchte die Studie die Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung von Männern, die über ihr Vatersein im Internet als Blogger berichten. Vor allem seien die Onlineauftritte geprägt von Produkt-Placement und dienten so auch als Werbefläche, so Marquardsen. Weiße und mittelständische Männer dominierten.

Armutsbetroffene Väter seien auf Instagram und Co. dagegen unterrepräsentiert. Es sei schwierig gewesen, für Interviews Kontakt zu Betroffenen herzustellen, da diese in besonderer Weise unter dem Druck gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen stünden, erklärt der Kieler Sozialwissenschaftler. »Selbstverständlich finden wir auch unter Vätern in Armutslagen eine Vielfalt im Erleben von Vaterschaft. Dabei wäre diese Sichtbarkeit dringend nötig«, so Marquardsen. »Denn im Unterschied zu anderen Vätern ist für sie vor allem die materielle Versorgung der Familie ein wichtigeres Thema. In unseren Interviews wurde deutlich, dass für sie insbesondere Herausforderungen auf materieller Ebene eine Rolle spielen, die bei Vätern in gesicherten Verhältnissen kein Thema waren.«

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