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Platz der Jugend kein für ewig verlorener Ort

Brandenburgs Kulturlandjahr 2023 steht unter dem Motto »Baukultur leben«

  • Matthias Krauß
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Berliner Speckgürtel boomt Brandenburg. Hier fehlt es dann auch nicht an Kulturveranstaltungen. Ganz anders sieht es teilweise in jenen abgelegenen Gegenden aus, wo es immer noch an Erwerbsmöglichkeiten für die Einwohner fehlt. Das diesjährige Thema des brandenburgischen Kulturlandjahres »Baukultur leben« muss sich mit seinen 30 Projekten diesem Zwiespalt stellen.

Bei der Präsentation des Programms im Potsdamer Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte wurde der Platz der Jugend in Eisenhüttenstadt als ein »Lost Place« vorgestellt, ein verlorener Ort also, der im Kulturlandjahr eine beispielgebende Rolle spielen soll. »Auf den Platz, fertig, los!«, rief Kulturmanager Martin Maleschka, der ein dreimonatiges Programm an diesem Ort betreut, der nahezu ausschließlich von leeren, verfallenden, funktionslos gewordenen Gebäuden umstellt ist. Jugend war an diesem Platz lange nicht zu finden, aber die Ruine einer Schule, in der vor 30 Jahren noch circa 1000 Kinder unterrichtet wurden, ferner eine verlassene Kaufhalle und leere Dienstleistungsgebäude, die einstmals das Zentrum der ersten Stadterweiterung Mitte der 60er Jahre
gebildet hatten.

Beim Auftakt am 1. Mai bekundeten rund 300 Eisenhüttenstädter ihren Willen, sich nicht mit einem »verlorenen Ort« abzufinden und auf den Abrissbagger zu warten. 50 Veranstaltungen – von Lesungen über Tanz bis zu Theater und Musik – sollen den Platz der Jugend temporär beleben, ihm vielleicht auch Leben und eine Perspektive einhauchen. »Es entsteht ein urbaner Begegnungsraum, von dem aus innovative Ideen in die gesamte Stadt ausstrahlen«, zeigt sich das Begleitheft überzeugt.

Mit dem Kulturlandjahr werde man keine Stadtentwicklung im eigentlichen Sinne betreiben können, dämpfte Kulturministerin Manja Schüle (SPD) mögliche Erwartungen. Der lebendige Start des Projektes vor einigen Tagen vermittle jedoch den Eindruck von einer »vitalen Gesellschaft« in Eisenhüttenstadt.

Infrastrukturminister Guido Beermann (CDU) fügte hinzu, solche aufgegebenen Bereiche könnten, »für Künstler ganz spannend sein«. Zu den aufgegebenen Gebäuden zählen in Brandenburg ihm zufolge auch jede Menge Dorfkirchen. Sie wurden zwar seit der Wende zumeist renoviert und rekonstruiert, sind Mittelpunkt ihrer Dörfer. Doch als Gotteshäuser dienen sie vielfach nicht mehr.

Die Wiederentdeckung der Ostmoderne soll anregendes Thema des Kulturlandjahres sein. Aufgewachsen in Frankfurt (Oder), erlebte Kulturministerin Schüle ihre Heimatstadt als Nebeneinander von inzwischen restaurierten Bürgerhäusern und DDR-Neubauten mit zehn oder mehr Geschossen. Für die einen seien diese Hochhäuser »sozialistische Stadtkronen«, Beleg einer modernen Stadtvision. Sie sind vielleicht auch steingewordene Verwirklichung der Losung von Bert Brecht: »Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut!« Für die anderen seien sie Ausdruck von struktureller Gewalt und bestenfalls ein »ästhetisches Verbrechen«.

Ludger Weskamp, Geschäftsführender Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, schien erleichtert darüber, dass er einmal nicht zur Schließung von Sparkassenfilialen Stellung nehmen musste, sondern als Mäzen erfreuen durfte. Er zeigte sich neugierig: »Was ist eigentlich zwischen 1946 und 1990 im Osten entstanden?« Die finanzielle Förderung der Sparkassenstiftung für das Kulturlandjahr diene auch dem Erfassen und Katalogisieren der Ostmoderne in Eisenhüttenstadt, Schwedt, Cottbus und anderswo. In Potsdam sei dies schon weit vorangeschritten. Weskamp empfahl den Brandenburgern, die »bauliche Vielfalt« ihrer Heimat zu genießen, und lud zu »spannenden Streifzügen« ein.

Am 23. und 24. September soll der »Tag der brandenburgischen Baukultur«
begangen werden. Am 17. November endet das Kulturlandjahr.

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