Generalshotel Schönefeld: Wo einst Staatsgäste landeten

Rettet die Ostmoderne: Ein offener Brief gegen den Abriss des Generalshotels am Flughafen Schönefeld

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Das perfekte Denkmal: Innenansicht des Generalshotels im Sommer 2011
Das perfekte Denkmal: Innenansicht des Generalshotels im Sommer 2011

Einst kamen hier hochrangige Offiziere der sowjetischen Besatzungsmacht an. Für diesen Zweck wurde die großzügige Villa am Flughafen Berlin-Schönefeld in den Jahren 1947 bis 1950 errichtet. Daher auch ihr Name: Generalshotel. Später begrüßte und verabschiedete die DDR dort Staatsgäste aus aller Welt. Voraussichtlich im Mai soll das Gebäude, gleichwohl es seit 1996 unter Denkmalschutz steht, abgerissen werden.

Das habe ihre Fraktionschefin Petra Budke bei einem Termin vor Ort auf Nachfrage herausbekommen, erzählt die Brandenburger Landtagsabgeordnete Sahra Damus (Grüne) am Samstag. Budke sei wegen des von Innenminister Michael Stübgen (CDU) geplanten Abschiebedrehkreuzes – offiziell ist verharmlosend von einem Behördenzentrum die Rede – dort gewesen und habe gefragt, was aus dem Generalshotel werden solle. Man sagte ihr, dass es zwischen März und Mai abgerissen werden solle, um Platz für Regierungsmaschinen zu schaffen, die dort abgestellt werden sollen. Dass es plötzlich so schnell geschehen soll, sei mit einem Wasserschaden begründet worden. »Das ist ein bisschen an den Haaren herbeigezogen«, findet Damus. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sich der Schaden nicht beheben lässt. »Ich sehe wirklich keinen Grund, das Gebäude abzureißen. Das ist ja nicht irgendeine Baracke.« An diesem Montag hätten die Grünen einen Besichtigungstermin, sagt die Abgeordnete.

Überleben würde das Generalshotel nach einem Abriss nur im Gedächtnis der Menschen, die es einmal betreten haben, und später in einer eigens angefertigten Dokumentation. Es seien alle Möglichkeiten geprüft worden, das Gebäude zu erhalten – auch die Variante, es an einen anderen Ort zu verschieben, versicherte im April 2012 der damalige brandenburgische Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD), als ihn der damalige Landtagsabgeordneten Gerd-Rüdiger Hoffmann (Linke) dazu befragte. Der Abriss sei »letztlich nicht zu vermeiden«, bedauerte Vogelsänger. Die Beseitigung sei am 15. September 2011 genehmigt worden – mit dem Planfeststellungsbeschluss zum Bau des neuen Hauptstadtflughafens BER. Das von dem Architekten Georg Hell (1906-1986) entworfene Generalshotel stand ursprünglich einem Regierungsterminal am BER im Wege. Doch die Pläne haben sich zerschlagen. Das Bundesfinanzministerium bestätigte im vergangenen Jahr den Verzicht auf einen Neubau. Stattdessen soll ein übergangsweise verwendetes Terminal weiter benutzt werden. Das Generalshotel könnte also stehen bleiben.

»Das Gebäude gilt als bedeutendes Zeugnis der frühen Ostmoderne in Brandenburg und ganz Ostdeutschland«, wie es Architekten, Universitätsprofessoren und Künstler in einem offenen Brief formulieren. Sie haben einen neuerlichen Versuch gestartet, den kulturfrevelhaften Abriss noch zu stoppen. Auch Abgeordnete der Linkspartei, der Grünen und der Freien Wähler aus Berlin und Brandenburg beteiligen sich an dieser Aktion. Sie richteten einen offenen Brief an Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD), Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Diese sollten den Abriss wenigstens aufschieben. Damit wäre dann Zeit gewonnen, um »über neue Konzepte für den Erhalt und die Nutzung ins Gespräch zu kommen«, heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Brief.

Das Generalshotel habe Zeitgeschichte geschrieben und sei ein authentisches Objekt der Geschichte des Flughafens Schönefeld. Die »Deutsche Bauzeitung« hat es 2011 als das perfekte Denkmal beschrieben: »Historisch und architektonisch bedeutend, hochkarätig ausgestattet, kontinuierlich genutzt und ausgezeichnet erhalten.«

Neben hochwertiger Fassaden- und Eingangsgestaltung seien Kunstwerke und aufwändig gearbeitetes Originalinventar erhalten, wozu der Kunstschmied, Fotograf und Bildhauer Fritz Kühn (1910-1967) beigetragen habe. Nicht zufällig findet sich sein Sohn, der Metallbildhauer Achim Kühn, unter den Erstunterzeichnern des offenen Briefs. Achim Kühn habe 1967 nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod seines Vaters dessen Werkstatt in Berlin übernommen, sie weitergeführt und dabei auch noch offene Aufträge seines Vaters erledigt. So erzählt es der 1974 geborene Enkel und Restaurator Tobias Kühn, der inzwischen mit seinem Vater in dieser Werkstatt tätig ist. »Grundsätzlich bin ich dafür, Architektur zu retten«, bestätigt Tobias Kühn, dass auch er das Anliegen des Offenen Briefes unterstützt.

Bis 2022 habe die Bundespolizei das Generalshotel genutzt. Mittlerweile stehe es leer, so steht es geschrieben. Die Villa werde von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung verwaltet. Die Unterzeichner des offenen Briefs betonen: »Klimaschutz und Nachhaltigkeit haben im Bausektor inzwischen hohe Priorität. Intakte Gebäude sollten erhalten werden. Denkmal- und Klimaschutz gehen hier Hand in Hand.«

Dieser Ansicht sind auch die Erstunterzeichner Andreas Rieger und Theresa Keilhacker, Präsident beziehungsweise Präsidentin der brandenburgischen und der Berliner Architektenkammer. Die beiden vertreten das auch an anderer Stelle, beispielsweise in ihren Bemühungen, den ebenfalls dem Abriss geweihten Potsdamer Wohn- und Geschäftskomplex Staudenhof doch noch zu retten – mit dem gleichen Argument wie auch im Fall des Generalshotels.

Auch der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi und Berlins einstiger Kultursenator Thomas Flierl (beide Linke) sowie Brandenburgs ehemaliger Verkehrsminister Reinhold Dellmann (SPD) gehören zu den Erstunterzeichnern. Der Berliner Senat, die brandenburgische Landesregierung und die Flughafengesellschaft seien aufgefordert, sich für die Rettung des Generalshotels einzusetzen, schließt der Appell.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal