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Pfundraiser

Viel drauf und viel dran: In Texas gilt Fast Food als etwas Wundervolles

  • Jana Talke
  • Lesedauer: 4 Min.

Howdy aus Texas, liebe Leser*innen,

kennen Sie Ozempic, die krasse Abnehmdroge für Diabetiker, die sich in den USA nun auch Gesunde (teils über etwas dubiose Wege beschaffen und) injizieren? Verantwortlich dafür, dass an Diabetes Erkrankte durch diesen enormen Mainstream-Ansturm zeitweise selbst Schwierigkeiten hatten, an das Mittel zu kommen, ist Tiktok, die Brutstätte für medizinische Trends wie das »NiQuil-Chicken«, ein Hähnchengericht mariniert in Erkältungssirup! Irre, aber nicht an Diabetes leidende Stars wie Elon Musk und Kim Kardashian sollen auch mit Ozempic oder einem der zahlreichen Schwestermedikamente Kilos, Pfunde und Gehirnzellen verloren haben.

Während in Deutschland Gesundheit zweifelsohne vor Schönheit geht — da brauchen wir uns nur meine Birkenstock-Sammlung anzuschauen — bin ich mir oft gar nicht sicher, ob in Amerika Gesundheit überhaupt eine Rolle spielt. Beim Essen tut sie das sicher nicht. Fast Food gilt hier als etwas Wundervolles, zumindest bei uns im Süden, und wird behandelt, als wäre es eine Delikatesse. Es wird zur Belohnung von Kindern eingesetzt, und Erwachsene verzichten nur drauf, wenn sie meinen, auf Diät sein zu müssen und nicht, weil sie aufgehört haben, es anzuhimmeln. Es geht also gar nicht so sehr um »gesund« oder »ungesund«, sondern um »schlank« und »fett«. So kommt es oft vor, dass Mütter sich Shakes und Salate bestellen, während ihre Kinder Frittiertes kriegen. Auch in gehobenen Kreisen gilt diese Maxime. Eine bekannte Milliardärin lud uns mal zu sich ein: Für die Erwachsenen gab’s Catering (vielleicht aus Angst vor dem Slogan »eat the rich!«), für die Kinder nur paniertes Billighuhn von einer Fast-Food-Kette; aber immerhin ohne den Erkältungswirkstoff Doxylamin.

Talke talks

News aus Fernwest: Jana Talke lebt in Texas und schreibt über amerikanische und amerikanisierte Lebensart.

Vor der Schule meiner Tochter, pünktlich zum Schulschluss, hält zwei- bis dreimal die Woche ein Ice-Cream-Truck (ein Kleinbus, der Eis in enormen Portionen zu noch enormeren Preisen verkauft). Einmal waren gar zwei Trucks gleichzeitig da, prominent vorm Haupteingang der Grundschule geparkt und nahmen mir nicht nur den Parkplatz weg, sondern auch meine Autorität als Mutter. Denn die ersten Male stellten meine Tochter und ich uns noch brav am Truck an und vertilgten die Eisberge im Auto (draußen war es mit 35 Grad noch immer zu heiß). Aber beim dritten Mal in nur einer Woche fragte ich meine Tochter ängstlich: »Heute nicht, ok?« Sie führte daraufhin eine Art Exorzismus-Performance vor, bei der sie, zitternd und zeternd, sich krümmend und krampfend, wie in Trance und zwischen Brüllattacken »Ich will ein Eis« zischte. Danke, Eismann!

Am nächsten Tag fragte ich eine andere Mutter, ob sie die Frequenz des Desserts auf vier Rädern nicht auch übertrieben fände. Nicht nur nicht übertrieben, nein, sie wollte unbedingt wissen, ob wir denn von dem einen Truck was gekauft hätten? Denn der sei Teil eines vom Elternrat initiierten Fundraisers! Es ist also erwünscht, dass bis zur Insulinresistenz Eis gefressen wird, denn der Erlös kommt der Schule zugute. In welcher Form ist mir unbekannt. Vielleicht in Form einer neuen Soft-Drink-Maschine? Die würde hervorragend zu den Käse-Nachos passen, die es in der Kantine zum Mittagessen gibt.

Aber nicht nur die Essgewohnheiten sind schuld daran, dass so viele Menschen in den USA chronisch krank sind. Es ist fast unmöglich, Bewegung in seinen Alltag zu integrieren wie in Deutschland — die weiten Strecken, die fußgängerfeindliche Infrastruktur und das Wetter lassen es nicht zu. Muss ich in Deutschland nichts weiter machen als ein paar Besorgungen, damit ich täglich auf 10 000 Schritte komme, so überschreite ich in Texas selten die 5000, trotz meines spazierwilligen aber nicht sehr hitzebeständigen Hundes. Das ist der Fluch des Immigranten — man ist dazu verdammt, ständig zu vergleichen (ob das wohl gesund ist?). Und so bin ich wiederum dankbar, dass in den USA die mir so verhassten Fahrradtouren komplett unbeliebt sind. Dabei hätte ich sie eigentlich nötig, denn wir haben Diabetes in der Familie. Vielleicht brauche ich selbst bald Ozempic? Wie die Tiktoker sagen würden: »Follow me for more health tips!«

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