Film »Holy Shit«: Scheiße, Pisse, Kacke

Die Überschrift finden Sie ekelig? Der Regisseur Rubén Abruña hat einen ganzen Film über unsere Exkremente gemacht

  • Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Auftrag der Aufklärung fährt Regisseur Abruña der Kacke weltweit hinterher.
Im Auftrag der Aufklärung fährt Regisseur Abruña der Kacke weltweit hinterher.

Dass das Thema seines Films auf den ersten Blick überaus abstoßend wirken muss, darüber ist sich der New Yorker Filmemacher Rubén Abruña unübersehbar im Klaren. Und so widmet er die ersten Minuten von »Holy Shit«, einem Dokumentarfilm über menschliche Exkremente, dem Abbau von Vorurteilen gegenüber Ekligem, und er verspeist demonstrativ ein Stück seines Sujets, nämlich, nun ja, Scheiße aus Schokolade.

Diese Eingangsszene hat zwar wenig damit zu tun, was letztlich in dem Film verhandelt wird, aber sie lässt schon erahnen, dass Abruña die komische Seite seines Gegenstandes nicht nur erblickt, sondern auch großen Spaß daran hat, diese herauszustellen. Und so wird in »Holy Shit« derart rekordverdächtig oft und mit Überzeugung »Scheiße«, »Pisse« und »Kacke« gesagt, dass es eine wahre Freude ist.

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Während »Holy Shit« also Feel-Good-Atmosphäre versprüht, geht es in Wahrheit um ein sehr ernstes Thema, und wenn der in der deutschen Fassung von Christoph Maria Herbst gesprochene Abruña am Ende des Films erklärt, er wolle »the poop back to the loop« bringen und eine »Toiletten-Revolution beginnen«, dann meint er auch das durchaus ernst. Denn darum geht es in »Holy Shit« in erster Linie: Die menschliche Industriegesellschaft betreibt einen gigantischen Aufwand, um ihre eigenen Ausscheidungen zu entsorgen (oft in Flüssen und Meeren), statt sie aufzubereiten und, etwa als Dünger, Humus oder als Energielieferant, wieder in den natürlichen Kreislauf einzubringen

Abruña bereiste 16 Städte auf vier Kontinenten, um klarzumachen, dass genau das durchaus möglich wäre und dass das derzeitige Vorgehen nicht nur Ressourcen und Wasser verschwendet, sondern auch anderweitig problematisch ist. So besucht er ein Chicagoer Klärwerk, einen Bauern aus Maine, der mit Klärschlamm, der ihm von den staatlichen Klärwerken gratis geliefert wurde, seinen Boden vergiftet hat. Oder einen Slum in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, in dem die Exkremente zum Teil zwar abgepumpt, dann aber unkontrolliert in die Umgebung gekippt werden. Oder Hausprojekte in Europa, die teilweise nicht mehr an die Kanalisation angeschlossen sind, weil sie die Ausscheidungen ihrer Bewohner wiederverwerten.

Neben der sehr eingängigen und angenehm kurzweiligen Erzählweise besteht eine der größten Stärken des Films darin, teils recht komplizierte Zusammenhänge überaus stringent und verständlich darzustellen, etwa die Funktionsweise einer Kläranlage oder die Vorgänge bei der Kompostierung.

Leider bleibt Abruña gegenüber den dargestellten Institutionen, den interviewten Personen und dem eigenen Narrativ weitgehend unkritisch. Beispielsweise kommt Robert Backus, der CEO des Rhinebecker Omega Institutes ausführlich zu Wort und darf seine »Ökomaschine« erklären, die aus Fäkalwasser mithilfe bestimmter Pflanzen, die die Giftstoffe daraus entfernen, recyceltes Grundwasser herstellen könne. So verständlich es ist, diese »Maschine« als interessantes Experiment zu präsentieren, so sehr wäre hier eine Einordnung nötig gewesen. Was man nämlich nicht erfährt: Jenes Omega Institute ist keinesfalls eine anerkannte wissenschaftliche Einrichtung, sondern eine ziemliche Esoterikschleuder und beruft sich ideologisch unter anderem auf den »Sufismus«, eine mystische Strömung des Islam, die die Scharia als Leitlinie anerkennt.

Backus’ Ausführungen werden stattdessen ohne Weiteres in die auf wissenschaftliche Unterfütterung Wert legende Erzählung eingebettet. Solcherart journalistische Unzuverlässigkeit ist mindestens ärgerlich, mindert sie doch auch die Glaubwürdigkeit der Reportage insgesamt. Das ist im Falle von »Holy Shit« bedauerlich, denn Abruñas Agenda ist im Grunde unterstützenswert und viele seiner Geschichten und Episoden rund um Pipi und Kacke sind durchaus aufschlussreich. Ganz besonders die erwähnten Vorgänge in Kampala oder Uganda, wo sich mehrere Bewohner eines Slums darangemacht haben, das Problem mit den Ausscheidungen durch einfach zu installierende Trockentoiletten nicht nur zu lösen, sondern aus den eingesammelten menschlichen Ausscheidungen Erde und Dünger herzustellen, die wiederum weiterverkauft oder zum Anbau von Nutzpflanzen verwendet werden können.

Dieses Schließen des ökologischen Kreislaufs aus Anbau von Nahrung, Aufnahme derselben und Rückführung der Ausscheidungen wird im Verlauf von »Holy Shit« an weiteren Beispielen anschaulich gemacht und darüber nachgedacht, wie ein solches Recycling auch in Städten und im großen Stil funktionieren könnte.

Dabei lassen Abruña und die von ihm vorgestellten Personen im Film kaum Zweifel daran, dass der massenhafte Einsatz der vorgestellten Konzepte, die zum überwiegenden Teil schon seit Jahrzehnten vorliegen, weniger an fehlenden Umsetzungsmöglichkeiten scheitern, als vielmehr daran, dass sich Abwasser- und Düngemittelindustrie durch niedrigschwellige und günstigere Alternativen um keinen Preis ein profitables Geschäft nehmen lassen wollen.

David Lewis, der bereits in den 90er Jahren vor den Gefahren des Klärschlamms gewarnt hatte, aber von der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA, für die er selbst arbeitete, kaltgestellt worden war und später als Whistleblower auf sich aufmerksam machte, formuliert es im Film so: »Es ist die universelle Wahrheit: Am Ende dreht sich alles, sogar in der Wissenschaft, um Geld und Politik.«

»Holy Shit«, Deutschland, Regie: Ruben Abruña. 86 Min. Start: 30.11.

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