Illegaler Straßenbau: Vorboten der Abholzung

Es gibt viel mehr Straßen durch tropische Wälder, als auf Karten verzeichnet sind

  • Michael Lenz
  • Lesedauer: 3 Min.
Straßen durch unberührte Wälder sind oftmals ein Einfallstor für den Holzeinschlag.
Straßen durch unberührte Wälder sind oftmals ein Einfallstor für den Holzeinschlag.

Wälder bieten reichhaltige wirtschaftliche Potenziale, von denen Menschen intensiv profitieren. Das geschieht in Europa mit sogenannten Nutzwäldern. Die weitflächige Entwaldung für Holzgewinnung, Ackerbau und Viehzucht, das Anlegen von Straßen und den Bau von Siedlungen wurde hier schon lange erledigt. In den tropischen Ländern schreitet aus den gleichen Gründen die Abholzung der Regenwälder rasch voran, aber noch gibt es unberührte Flecken mit einer lebendigen Artenvielfalt.

Regenwälder werden trotz staatlicher Regulierungen und der Ausweisung von Schutzgebieten oft klammheimlich und illegal gerodet. Jetzt haben Forscher von der australischen James-Cook-Universität (JCU) einen Frühindikator für drohende Entwaldungen entdeckt: Geisterstraßen.

Geisterstraßen sind solche, die niemals genehmigt wurden und oft auf keiner Karte zu finden sind. Bei der Kartierung tropischer Wälder haben Forscher sehr viele solcher Straßen gefunden. »Sie werden von verschiedenen Menschen gebaut, darunter legale oder illegale Landwirte, Bergleute, Holzfäller, Landräuber, Landspekulanten und Drogenhändler«, sagt Bill Laurance vom Zentrum für tropische Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaft der JCU.

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Zusammen mit Leitautor Jayden Engert und 200 Freiwilligen hat Laurance hochauflösende Satellitenbilder der Inseln Borneo, Sumatra und Neuguinea unter die Lupe genommen, eine Fläche von insgesamt 1,42 Millionen Quadratkilometern. »Unsere intensive Prüfung ergab insgesamt 1,37 Millionen Kilometer Straße – 3,0- bis 6,6-mal mehr Straßen, als in führenden Datensätzen von Straßen weltweit gefunden wurden«, heißt es in der im April im Fachjournal »Nature« veröffentlichten Studie »Geisterstraßen und die Zerstörung der asiatisch-pazifischen tropischen Wälder«. »Das steht im Einklang mit Erkenntnissen früherer Studien in anderen Entwicklungsländern wie Kamerun, den Salomonen sowie im brasilianischen Amazonasgebiet«, so Laurance. In den von den JCU-Experten untersuchten Regionen sei allein ein Drittel solcher Straßen für Ölpalmenplantagen angelegt worden.

Der Bau von Straßen ebnet sprichwörtlich den Zugang zu ehemals abgelegenen Naturgebieten, was laut den Experten zu einem »dramatischen Anstieg« der Umweltschäden durch Aktivitäten wie Holzeinschlag, Bergbau und Rodung führt. Im gesamten Untersuchungsgebiet sei der Straßenbau fast immer dem lokalen Waldverlust vorausgegangen. Von 38 potenziellen »biophysikalischen und sozioökonomischen Kovarianten« sei die Straßendichte als die »bei Weitem« stärkste der Abholzung vorausgegangen. Die meisten dieser Straßen seien unbefestigt.

Unterdessen geht der globale Straßenbau rasant weiter. »Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Erde im Vergleich zu 2010 voraussichtlich etwa 25 Millionen Kilometer an neuen asphaltierten Straßen haben – genug, um den Planeten mehr als 600-mal zu umrunden«, heißt es in der Studie mit Verweis auf Daten der Internationalen Energieagentur. 90 Prozent dieser Straßen würden in tropischen und subtropischen Entwicklungsländern mit außergewöhnlicher Biodiversität gebaut. Vor allem in Ländern mit niedrigem Einkommen werde der Geisterstraßenbau dadurch begünstigt, dass Gesetze nicht durchgesetzt werden und Korruption verbreitet ist.

Die Studienautoren sind nicht per se gegen Straßenbau. Vielmehr betonen sie, dass Straßen »eine Reihe wichtiger gesellschaftlicher Funktionen, etwa die Förderung des Handels und die Verbesserung des Zugangs zu natürlichen Ressourcen und Ackerland« begünstigen. Aber sie mahnen: »Ohne wirksame Planung und Strafverfolgung können Straßen jedoch auch eine Büchse der Pandora voller Umweltprobleme und gesellschaftlicher Probleme öffnen.«

Es sei besorgniserregend, dass die Ausdehnung und Länge der Straßen im tropischen Asien-Pazifik-Raum stark unterschätzt werde, meint Laurance. »Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass die rasch wachsenden, kaum wissenschaftlich untersuchten Geisterstraßen zu den größten direkten Bedrohungen für tropische Wälder überhaupt gehören.«

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