Haushaltshilfen ohne soziale Absicherung

Millionen Hausangestellte in Europa leiden unter miserablen Arbeitsbedingungen

Protest am 1. Mai in Amsterdam – Haushaltsangestellte gehen ansonsten selten für ihre Forderungen auf die Straße.
Protest am 1. Mai in Amsterdam – Haushaltsangestellte gehen ansonsten selten für ihre Forderungen auf die Straße.

Armut, Stress und Angstzustände – das gehört für viele der über acht Millionen überwiegend migrantischen Hausangestellten und häuslichen Pflegekräfte in Europa zum Arbeitsalltag. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die unter anderem von Uni Europa, dem Dachverband der europäischen Dienstleistungsgewerkschaften, in Auftrag gegeben wurde.

In der Branche sind mit 96 Prozent fast ausschließlich Frauen tätig, etwa sieben Prozent der erwerbstätigen Arbeiterinnen insgesamt – die meisten davon Migrantinnen. Die Hausarbeiterinnen betreuen Kinder, pflegen Ältere, unterstützen Behinderte in ihrem Alltag und übernehmen Aufgaben im Haushalt wie Kochen, Putzen oder Gartenarbeiten.

Über 50 Prozent der rund 4000 befragten Beschäftigten in Europa gab in der Studie an, psychisch überlastet zu sein und sich auch wegen der meist niedrigen Löhne nicht der Lage zu sehen, bis zum Rentenalter durchzuhalten. Dabei ist der Personalmangel groß, insbesondere in der häuslichen Pflege bei den sogenannten Live-Ins, also der direkten Betreuung zu Hause. Aufgrund des demografischen Wandels wird der Bedarf eher steigen.

Darauf reagieren die Unternehmen sehr unterschiedlich. Eine Mehrheit will zwar laut eigenen Aussagen die Arbeitsbedingungen und Löhne in der Branche verbessern. Doch dabei geht es vor allem um reguläre Beschäftigte. Viele Hausarbeiterinnen sind scheinselbstständig und erhalten Aufträge über Plattformen oder werden durch Leiharbeitsfirmen eingesetzt.

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Letztere werben mit Blick auf den Personalmangel verstärkt auch Wanderarbeiterinnen aus Drittstaaten an, die besonders ausbeuterischen Verhältnissen ausgesetzt sind. Da ihr Aufenthaltsstatus am Job hängt, sind sie von den Unternehmen und Nutzer*innen der Dienstleistungen abhängig. Sie können sich kaum für ihre Rechte einsetzen, erleben laut EU-weiter Studie vielfach Belästigungen am Arbeitsplatz und haben keine soziale Absicherung.

Auch weil die allermeisten nur in irregulären Verhältnissen arbeiten. Laut Zahlen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft betrifft das rund 90 Prozent aller bezahlten Hausarbeiterinnen in Deutschland. Der EU-Durchschnitt liegt laut EU-Studie bei rund 70 Prozent.

»Dass die irreguläre Beschäftigung in Deutschland so hoch ist, liegt auch daran, dass sich die obere Mittelschicht nicht eingesteht, dass sie eine Dienstleistung in Anspruch nimmt und damit als Arbeitgeberin auftritt«, erklärt die Soziologin Virginia Kimey Pflücke von der Technischen Universität Cottbus im Gespräch mit »nd«. Sie forscht zu feministischen Perspektiven für Arbeitsbeziehungen im Kapitalismus und hat den Wandel der bezahlten Hausarbeit untersucht. Darum sei die Bereitschaft gering, angemessene Löhne zu zahlen; die Arbeit gelte nur als Hilfe. Auch werden oft illegalisierte Migrantinnen beschäftigt, sagt Pflücke. »Für sie ist es nicht möglich, an einen regulären Job zu gelangen.«

Zumindest auf EU-Ebene wünscht sich laut aktueller Studie eine Mehrheit der Nutzer*innen von Haushaltsdienstleistungen bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für die Beschäftigten. Helfen könnten dabei auch Branchenvereinbarungen und Tarifverträge. Doch die großen Gewerkschaften tun sich schwer, Fuß zu fassen. »Die Arbeiterinnen sind auf dem Arbeitsmarkt meist unsichtbar und wenig organisiert«, erklärt Soziologin Pflücke. »Und derzeit gibt es für sie kaum gesetzliche Wege, ihre Situation zu verbessern.«

Darum bedarf es politischer Ansätze, um den Markt zu regulieren. Eine Variante wäre die Einführung eines Gutscheinsystems, wie es in Belgien bereits praktiziert wird. Wenn Nutzer*innen dort einen bestimmten Pflegegrad nachweisen, erhalten sie Zuschüsse für entsprechende Dienstleistungen. Durch die Subvention werden Anreize geschaffen, die Beschäftigten formal anzustellen, hebt Pflücke hervor. »Und aus marxistischer Sicht würde es zumindest teilweise das Problem lösen, dass die Art der Arbeit wenig wirtschaftlichen Mehrwert produziert und es daher noch schwieriger ist, für höhere Löhne zu streiten.« Das Bundesarbeitsministerium solle ein derartiges Gutscheinsystem aktuell prüfen.

Allerdings würde auch dieses System Folgeprobleme nach sich ziehen, gibt Pflücke zu bedenken. Während die Gutscheine zu einer stärkeren Regulierung der staatlich anerkannten bezahlten Hausarbeit führen würden, gilt dies nicht für die informell ausgelagerte Reproduktionsarbeit der oberen Klasse. »Die würde die Arbeit weiter privat an die migrantischen Arbeiterinnen abgeben«, betont die Soziologin. Auch hier bedürfe es einer gesetzlichen Regulierung, aber vor allem einer sozial und geschlechtergerechteren Produktionsweise. »Denn mit der sozialen und ökonomischen Ungleichheit nimmt auch die schlecht bezahlte und prekäre Hausarbeit zu.«

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