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Wenn das Seegras sauer reagiert

Pflanzen, die uralt werden, müssen einiges aushalten. Unempfindlich sind sie dennoch nicht

  • Interview: Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.
Urlauber kennen Seegras meist vom Strand, wo es bei Stürmen angeschwemmt wird.
Urlauber kennen Seegras meist vom Strand, wo es bei Stürmen angeschwemmt wird.

In der Ostsee wurde ein Seegras gefunden, das einer Meldung zufolge 1402 Jahre alt ist. Wie kann man so exakt das Alter bestimmen?

Spannende Frage. Denn bei der Altersbestimmung von Pflanzen gibt es verschiedene Zähl- und Sichtweisen. Bei dem Seegras dürfte es ähnlich sein wie bei der ältesten bekannten Klonpflanze, einer Zitterpappel-Kolonie in Nordamerika. Die bringt es auf etwa 80 000 Jahre.

Was heißt Klonpflanze?

Der Witz dabei ist, dass es sich um verschiedene Pflanzen handelt, die über ein Wurzelgeflecht alle miteinander zusammenhängen. Sie sind genetisch nahezu identisch. Allerdings weisen die einzelnen »Seegrashalme« Mutationen gegenüber der Ausgangspflanze auf. Über diese genetischen Veränderungen kann man einigermaßen sicher auf das Alter rückschließen.

Auf das Jahr genau?

Auf ein, zwei Jahre Unterschied würde ich nicht wetten. Aber so im Bereich der Jahrhunderte wird das gehen. Es gibt übrigens noch mehr uralte Lebewesen, etwa einen Riesenschwamm in der Antarktis, der es auf 10 000 Jahre bringen soll.

Kann man sich die Mutationen bei den Ablegern vorstellen wie genetische Veränderungen beim Menschen von einer Generation zur nächsten?

Ja, so ähnlich, denke ich. Auch beim Menschen kann man ja übrigens, wenn man das Genom heute lebender Menschen mit dem eines Neandertalers vergleicht, ablesen, wie viel Zeit für bestimmte evolutionäre Entwicklungen nötig ist.

Warum wurde das uralte Seegras nicht längst von irgendwelchen Meeresbewohnern komplett abgefressen?

Das wird passieren, aber eben nicht vollständig, und aus den Wurzeln treibt es wieder aus. Eine Weide wird auch abgegrast, und dann wächst da wieder was.

Welche Rolle spielt so ein Seegras im Ökosystem des Meeres?

Es ist Nahrungsquelle und gewissermaßen Kinderstube. Einige Fischarten legen dort ihren Laich ab, wo es etwas geschützt ist vor Meeresströmungen und anderen Belästigungen. Aber nach dem Sinn der Natur zu fragen, ist eine ziemlich anthropogene Sicht.

Haben Wasserpflanzen eine ähnliche Funktion wie Landpflanzen?

Sie betreiben auch Photosynthese, nehmen also CO2 auf und produzieren Sauerstoff. Allerdings ist weiter unten im Meer diese Produktion nicht sehr groß, zumal die Ostsee nicht unbedingt zu den klaren, durchsichtigen Meeren gehört.

Sind solche alten Lebewesen besonders anpassungsfähig?

Es werden Arten sein, die sich in ungüngstigen Umgebungen behaupten können. Der Riesenschwamm in der Antarktis hat sich an die extrem miesen Bedingungen in sehr kaltem Wasser mit mäßigem Nahrungsangebot angepasst. Wenn es dort warm wird, würde er wohl eingehen.

Heißt das, wenn man solche Pflanzen beobachtet, könnte das Erkenntnisse in Sachen Erderwärmung und Klimakrise bringen?

Das könnte sinnvoll sein, weil dieses Seegras offenkundig recht gut angepasst ist an das Optimum, das der menschlichen Entwicklung in den vergangenen 2000 Jahren zuteilgeworden ist. Wenn also das Seegras sauer reagiert, sollten wir davon ausgehen, dass sich auch für uns ernsthafte Fragen stellen. So wie es bei anderen Tier- und Pflanzenarten auch ist.

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