Pussy Riot: »Ein Leben ohne diesen Diktator ist möglich«

Obwohl das Pussy-Riot-Mitglied Maria Aljochina inzwischen im Exil lebt, ist noch immer unbeugsam gegenüber Putins Regime

  • Interview: Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 9 Min.
Früher war Maria Aljochina ein Hippie, inzwischen hat sie sich in der Ukraine an der Waffe ausbilden lassen.
Früher war Maria Aljochina ein Hippie, inzwischen hat sie sich in der Ukraine an der Waffe ausbilden lassen.

Das Künstlerkollektiv Pussy Riot sorgte vor 13 Jahren für Aufsehen, als Sie das Punk-Gebet »Jungfrau Maria, verjage Putin« aufführten. Heute leben Sie im Exil, und Wladimir Putin ist immer noch russischer Präsident. Sind Sie gescheitert?

Nein! Es stimmt zwar, dass Putin immer noch an der Macht ist und ich aus Russland geflohen bin, aber der Kampf ist noch nicht entschieden. Und er findet nicht nur auf russischem Territorium und in der Ukraine statt, sondern weltweit.

Auf den Tag genau zehn Jahre nach dem »Punk-Gebet« befahl Putin die Entsendung russischer Truppen in die Ostukraine; drei Tage später begann der Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine. Kann Pussy Riot etwas gegen diesen schrecklichen Krieg tun?

Das versuchen wir jeden Tag. Als ich vor dreieinhalb Jahren beschloss, das Land, das ich liebe, zu verlassen, tat ich es, um der Ukraine helfen zu können. Bislang gab es in Russland die Kategorien Gefängnis oder Freiheit. Mit dem 24. Februar 2022 ist eine dritte Kategorie hinzugekommen: Krieg. Ich möchte im Krieg Partei ergreifen – für die Ukraine.

Wie unterstützt Pussy Riot die Ukraine?

Wir haben für das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt in Kiew, das im letzten Jahr bombardiert wurde, rund 200 000 Euro gesammelt. Aktuell unterstützen wir das Krankenhaus in Dnipropetrowsk im Osten der Ukraine. Außerdem helfen wir Familien politischer Gefangener mit Geld und Kleidung. Das ist unser kleiner Beitrag. Wir sind keine Regierung. Pussy Riot kann keine F-16-Kampfflugzeuge oder Patriot-Flugabwehrraketen liefern. Aber wir sind nicht nur mit unseren Gedanken in der Ukraine. Ich habe den letzten Dezember und den Frühling in der Ukraine verbracht. Ich habe Kindern, die dort seit Jahren den Krieg erleben, Geschenke mitgebracht. Und ich habe in Charkiw mit Soldaten aus zwei Brigaden gesprochen. Ich möchte von den Ukrainerinnen und Ukrainern das Kämpfen lernen.

Interview

Maria Aljochina (37) ist Gründungsmitglied des Kunstkollektivs Pussy Riot. Für die Aufführung des Punk-Gebets »Jungfrau Maria, verjage Putin« in der Christ-Erlöser-Kathedrale, dem zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau, wurde sie zu zwei Jahren Haft verurteilt. Als Aktivistin und Künstlerin kämpft sie unter anderen gegen das autoritäre Regime in ihrer russischen Heimat, für die Unterstützung der Ukraine und für politische Gefangene in aller Welt.

Mit der Waffe in der Hand?

Ja, mit der Waffe in der Hand.

Möchten Sie nach Ihrer Grundausbildung mit einem Freiwilligenbataillon an die Front gehen und gegen Ihr Heimatland kämpfen?

Ich bin Künstlerin, aber ich bin nicht naiv. Um an die Front zu gehen, müsste ich meine Touren einstellen, aber die Auftritte sind sehr wichtig, um die Ukraine weiterhin unterstützen zu können.

Warum wollen Sie kämpfen lernen, wenn Sie nicht an die Front wollen?

Ich glaube, dass es heutzutage leider relevant ist, diese Fähigkeit zu erlernen. Außerdem möchte ich so Solidarität mit den Ukrainerinnen und Ukrainern zeigen, die seit über drei Jahren nicht nur ihr Land verteidigen.

Die Pussy-Riot-Proteste waren immer gewaltfrei. Hat der Krieg eine einst überzeugte Pazifistin zur Militaristin gemacht?

Als ich ein Teenager war, war ich Hippie. Ich bin per Anhalter gereist, habe im Zelt gelebt und bunte Kleidung getragen. Ich war ein verdammter Hippie! Auch alle Pussy-Riot-Aktionen waren immer friedlich – zumindest von unserer Seite: Wir wurden zwar geschlagen, haben aber nie zurückgeschlagen. Wir sind gegen Gewalt. Aber Selbstverteidigung ist eine andere Sache. Und was die Ukraine macht, ist reine Selbstverteidigung. Ich bin dafür, dass ein Land die Fähigkeit haben sollte, sich selbst zu verteidigen. Ist es möglich, mit Blumen zu reagieren, wenn eine Armee dich angreift? Nein!

Schämen Sie sich manchmal, Russin zu sein?

Ich schäme mich nicht dafür, Russin zu sein, aber ich schäme mich für das, was die russische Armee anrichtet. Wir haben die Fotos aus Butscha gesehen. Es ist unmöglich, sich nicht dafür zu schämen.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: »Es scheint, als gäbe es im Russland von heute nur noch eine Möglichkeit, aufrichtig zu sein: sich gegen den Krieg auszusprechen und ins Gefängnis zu gehen.« Warum machen das so wenige Menschen? Oder kriegen wir es nur nicht mit?

Die erste Frage kann sich jeder selbst beantworten, der mein Buch liest. Darin steht, was mit Menschen passiert, die auf die Straße gehen und sich gegen den Krieg aussprechen. Sie werden festgenommen und landen im Gefängnis. Und zur zweiten Frage: Die Menschen im Westen kriegen nicht mit, wie viele politische Gefangene es gibt.

Wissen Sie denn, wie viele es in Russland sind?

Mehrere tausend Menschen wurden in den vergangenen Jahren zu langen Haftstrafen verurteilt. Viele von ihnen zu zehn, 20 oder sogar 29 Jahren! Hinzu kommt: Es gibt etwa 30 000 Menschen in unsichtbaren Konzentrationslagern. Diese Lager gibt es offiziell nicht. Sie sind auf keiner Karte verzeichnet. Sie existieren nicht auf dem Papier, aber sie existieren in der Realität.

Woher wissen Sie von den unsichtbaren Lagern?

In diesen Lagern werden unter anderem Menschen festgehalten, die in den besetzten Gebieten der Ukraine gefangen genommen wurden. Sie werden ohne Strafverfahren, ohne offizielle Anklage interniert. Sie werden gefoltert und getötet. Manchmal finden jedoch auch offizielle Strafverfahren statt, und die Insassen werden aus den unsichtbaren Lagern in offizielle Gefängnisse überstellt. So erhalten Anwälte Informationen über die unsichtbaren Gefangenenlager. Auch Menschen, die im Rahmen von russisch-ukrainischen Gefangenenaustauschen freikamen, haben von diesen Lagern berichtet.

nd.DieWoche – unser wöchentlicher Newsletter

Mit unserem wöchentlichen Newsletter nd.DieWoche schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die Highlights unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. Hier das kostenlose Abo holen.

Sie wurden selbst mehr als hundertmal festgenommen, haben insgesamt mehrere Jahre in Straflagern und Gefängnissen verbracht. Sie mussten Bußgelder zahlen, wurden bei Verhaftungen und Angriffen verletzt, sind viermal in den Hungerstreik getreten, wurden auf Schritt und Tritt verfolgt. Wie hat all das Ihren Willen, einem autokratischen System Widerstand zu leisten, nicht brechen können?

Die Protestaktionen haben mir Spaß gemacht. Warum hätte ich damit aufhören sollen?

Sie haben die vielen Strafen doch nicht auf sich genommen, weil es Ihnen einfach nur Spaß macht zu protestieren.

Das Protestieren macht mir wirklich Spaß, aber natürlich mache ich das auch mit einem bestimmten Ziel. Wir wollen zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist – ein Leben ohne dieses Regime und ohne diesen Diktator.

Kann Pussy Riot dazu beitragen, dass dieses andere Leben erreicht werden kann?

Keine Einzelperson und keine Gruppe kann das allein erreichen. Aber wir alle zusammen können es schaffen.

Hatten Sie im Gefängnis Angst, sexuell missbraucht oder vergewaltigt zu werden?

Nein. Ich war ausschließlich mit Frauen inhaftiert. Und die Ausübung von Dominanz durch Vergewaltigung ist nun mal eher ein Männer- als ein Frauending. Das heißt nicht, dass es in Frauengefängnissen keine Gewalt gibt. Es kann dir passieren, dass du dort von einer von der Gefängnisleitung organisierten Frauengang geschlagen wirst, doch Vergewaltigungen sind sehr selten. Aber ich wurde im Gefängnis mehrfach auf eine Art gynäkologischen Stuhl geschickt. Dort haben sie untersucht, ob ich nichts ins Gefängnis schmuggle – auch nicht in meiner Vagina. Dabei haben sie noch nicht einmal verdammte Handschuhe getragen.

Woher nehmen Sie Ihren Mut?

Ich glaube nicht, dass ich etwas Besonderes bin. Ich möchte mich nicht zur Heldin stilisieren. Ich mag nur einfach keine Ungerechtigkeit. Ich habe ein sensibles Herz. Und wenn ich eine Situation sehe, in der ich etwas tun kann, versuche ich, etwas zu tun.

Auf Alexej Nawalny, Russlands bekanntesten Oppositionellen, wurde vor fünf Jahren ein Giftanschlag verübt; im Februar 2024 starb er in einem Strafgefangenenlager. Putin-Kritiker Boris Nemzow wurde in Moskau erschossen. Die zum britischen Geheimdienst übergelaufenen russischen Agenten Alexander Litwinenko und Sergej Skripal wurden in England vergiftet. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Wer bei Putin in Ungnade fällt, scheint nirgendwo sicher zu sein. Haben Sie Angst, dass Russlands Regierung auch Sie dauerhaft zum Schweigen bringen wird?

Nein, ich habe keine Angst, vergiftet oder ermordet zu werden.

Hat Putin mehr Angst vor protestierenden Frauen als vor protestierenden Männern?

Frauenproteste triggern das patriarchalische, heuchlerische System mehr. Putin versucht, sich als Verfechter traditioneller Werte zu präsentieren, aber er hat seine Frau jahrelang versteckt gehalten und Medien und Journalisten ruiniert, die versucht hatten, ein Interview mit ihr zu führen. Nach der Scheidung wollte er seine Geliebte, deren Name im ganzen Land und in der ganzen Welt bekannt ist, nicht heiraten. Und er hat seine Töchter nie beim Namen genannt, sie nicht einmal als seine Töchter bezeichnet. Er sprach von seinen eigenen Töchtern als »diesen Frauen«. Das hat nichts mit Tradition oder Familie zu tun. Das ist reine Heuchelei.

Träumen Sie manchmal von Putin?

Ja, manchmal haben wir Putin in meinen Träumen umgebracht.

Wo leben Sie jetzt?

Ich lebe auf der Straße. Damit will ich sagen: Ich bin ständig unterwegs, ich ziehe jede Woche um. Das liegt nicht daran, dass ich Angst vor Anschlägen habe – es ist einfach meine Lebensweise. Ich habe zwar einen isländischen Pass, aber ich habe mir im Westen keine Basis aufgebaut. Ich vermisse Russland sehr und hoffe, eines Tages in meine Heimat zurückkehren zu können.

Es scheint, als sei es um Pussy Riot zuletzt ruhiger geworden. Fehlt Ihnen die Wut und der Mut der Jugend?

Das sehe ich anders. Wegen unseres Songs »Mama, Don’t Watch TV« und einer Aktion in der Pinakothek der Moderne in München, bei der wir die Namen deutscher Unternehmen genannt haben, die die russische Armee unterstützen, indem sie zum Beispiel Mikrochips liefern ...

und bei der eine Pussy-Riot-Aktivistin vor dem Publikum aus Protest gegen den russischen Angriffskrieg auf ein Putin-Porträt pinkelte …

… bin ich im September wegen angeblicher Falschaussagen über die russische Armee in Abwesenheit zu 13 Jahren und 15 Tagen Haft verurteilt worden. Sie haben mich also noch auf dem Schirm!

Wie viele Mitglieder hat Pussy Riot?

Jede und jeder kann Pussy Riot sein. Man setzt sich einfach eine Sturmhaube auf und macht eine Protestaktion – schon ist man Pussy Riot. Je mehr wir sind, desto besser.

Ihr Sohn Filip war fünf Jahre alt, als Sie 2012 verhaftet wurden. Er musste oft ohne Sie auskommen, weil Sie immer wieder inhaftiert wurden. Hatten Sie deshalb jemals das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein?

Die Regierung hat ständig versucht, mir einzureden, dass ich eine schlechte Mutter sei, weil ich mich politisch engagiere. Aber ich weiß, dass ich alles, was ich tue, auch für die nächste Generation – also auch für meinen Sohn – tue. Diese Generation soll wissen und sich daran erinnern, dass wir zumindest versucht haben, etwas zu verändern.

Sie haben für Ihren Kampf gegen Putin einen sehr hohen Preis gezahlt. War es das wert?

Ja.

Maria Aljochina: Political Girl. Leben und Schicksal in Putins Russland,
Berlin Verlag, 528 S., geb., 26 Euro.

- Anzeige -

Wir stehen zum Verkauf. Aber nur an unsere Leser*innen.

Die »nd.Genossenschaft« gehört denen, die sie lesen und schreiben. Sie sichern mit ihrem Beitrag, dass unser Journalismus für alle zugänglich bleibt – ganz ohne Medienkonzern, Milliardär oder Paywall.

Dank Ihrer Unterstützung können wir:

→ unabhängig und kritisch berichten
→ übersehene Themen in den Fokus rücken
→ marginalisierten Stimmen eine Plattform geben
→ Falschinformationen etwas entgegensetzen
→ linke Debatten anstoßen und weiterentwickeln

Mit »Freiwillig zahlen« oder einem Genossenschaftsanteil machen Sie den Unterschied. Sie helfen, diese Zeitung am Leben zu halten. Damit nd.bleibt.