Spanien: Der Wald der Erinnerung

Im katalanischen La Fatarella ehren Gedenkplaketten Kämpfer der internationalen Brigaden

  • Stefan Loibl, La Fatarella
  • Lesedauer: 6 Min.
Mitglieder des Vereins Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik im Wald der Erinnerung.
Mitglieder des Vereins Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik im Wald der Erinnerung.

Christian Raschke enthüllt für die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes eine Plakette für Walter Junker. Dort ist zu lesen, dass er am 28.7.1938 bei Corbera gefallen und seine Grabstätte bis heute unbekannt ist. Die Plakette ist eine von 17 neuen, die am 15. November im Erinnerungswald Bosc de la Memòria Jordi Banqué enthüllt wird. Es werden Frauen und Männer aus Frankreich, Deutschland, Holland, Italien und Schottland geehrt, die im Spanischen Krieg freiwillig auf der Seite der spanischen Republik gegen den Faschismus gekämpft und teilweise ihr Leben verloren haben. Deshalb sind Menschen aus all diesen Ländern, aus La Fatarella und der näheren Umgebung in den Wald gezogen, Lieder der Internationalen Brigaden singend und mit den Fahnen der spanischen Republik oder der Organisationen, die sie vertreten. In Erinnerung an Mitglieder der Internationalen Brigaden, die alljährlich in La Fatarella in der katalanischen Region Terra Alta, Provinz Tarragona, stattfinden und im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum Ende der Ebro-Schlacht.

Der Erinnerungswald wurde vor vielen Jahren im Rahmen eines EU-Projekts von den damaligen Bürgermeistern der Orte Corbera d’Ebre und La Fatarella, dem internationalen Verein Tierra de Germanor und dem deutschen Verein »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR) initiiert. Es begann 2003 mit 20 Tafeln. Der Wald wird mittlerweile gepflegt und erweitert auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages zwischen dem KFSR und dem lokalen Verein Lo Riu, der sich in La Fatarella der Erinnerungsarbeit widmet. Anlässlich der diesjährigen Veranstaltungen vom 14. bis 16. November ist der französische Verein ACER (»Freunde der Kämpfer im republikanischen Spanien«) dem Kooperationsvertrag beigetreten. Für manche Angehörige ist der Bosc de la Memòria der einzige Ort, an dem sie ihrer Familienmitglieder gedenken können, weil nicht bekannt ist, wo diese begraben sind, sie anonym in einem der zahlreichen Massengräber Spaniens verscharrt wurden.

Projekt der Historischen Erinnerung

Nachdem das Projekt der Historischen Erinnerung in La Fatarella sich viele Jahre immer auf die Unterstützung durch das Rathaus verlassen konnte, ist die Situation seit den vergangenen Kommunalwahlen 2023 eine ganz andere. Auf der Liste der sozialdemokratischen PSC, des katalanischen Ablegers der in Madrid regierenden PSOE, kam mit Jordi Rius Gironés ein Bürgermeister ins Amt, der die Zusammenarbeit mit dem Verein Lo Riu ohne Begründung verweigert. Anfragen werden nicht bearbeitet und Genehmigungen verweigert. Dies wird von Àlex Sambró, dem Vorsitzenden des Vereins Lo Riu, bei seinen Begrüßungsworten am Samstag im Erinnerungswald deutlich beklagt. Es geht so weit, dass im Rathaus behauptet wird, man habe keine Kenntnis von dem Erinnerungswald.

Einen bestürzenden Eindruck von dieser Ignoranz bekommen die internationalen Gäste von Lo Riu an diesem Wochenende im November. 2022 hatten die beiden Vereine vor dem Rathaus Stolpersteine für drei Männer aus dem Ort verlegen lassen, die nach Mauthausen deportiert worden waren. Das fand mit dem damaligen Bürgermeister und im Rahmen einer würdigen Veranstaltung statt. Ein Jahr später kamen noch sechs dazu, für Opfer des Franquismus, bei denen es bereits Schwierigkeiten mit der inzwischen veränderten Ortsverwaltung gab. Wenige Wochen vor den diesjährigen gemeinsamen Veranstaltungen wurden alle Stolpersteine zerkratzt und beschädigt. Das Rathaus kümmerte sich nicht darum. Die teilnehmenden Vertreter des KFSR als Mitorganisator der Stolpersteine beschließen deshalb, im Rathaus vorzusprechen, um zu erfahren, was man zu unternehmen gedenke. Der Bürgermeister ist jedoch nicht zu sprechen, reagiert wiederholt nicht auf telefonische Anrufe, die Angestellten des Rathauses vermitteln den Eindruck, als hätten sie noch nie wahrgenommen, dass sie jeden Tag über die Steine das Rathaus zu ihrer Arbeit betreten. Die zufällig vorbeikommende Kulturstadträtin beklagt sich über zu viel Arbeit, ihre Reaktion lässt klar erkennen, dass dem Zustand der Stolpersteine keine Wichtigkeit beigemessen wird. Dieses Verhalten steht im deutlichen Widerspruch zu dem neuen Gesetz der Demokratischen Erinnerung, mit dem die PSOE im ganzen Land hausieren geht. Prestigeträchtige Projekte wie die Umbettung der sterblichen Reste des Diktators aus dem sogenannten Valle de los Caídos werden an die große Glocke gehängt, aber die mühselige Basisarbeit gegen den Rechtsruck wird sabotiert.

In den vergangenen Jahren haben die beiden Vereine begonnen, verstärkt an die vielen Frauen zu erinnern, die in irgendeiner Form an den Kämpfen beteiligt waren. Am Wochenende werden deshalb Plaketten für die Französin Adèle Arranz-Ossart eingeweiht, die in Albacete in der Verwaltung der Internationalen Brigaden gearbeitet hat, und für die beiden deutschen Ursula Amann, Arzthelferin, Deutschlehrerin und Dolmetscherin, und Sara Jegzentis, Oberschwester im Sanitätsdienst der Brigaden. Mit der Enthüllung der neuen Plaketten wird nun 123 Menschen aus 17 Ländern gedacht, die damals in Spanien auf unterschiedliche Weise am Kampf für die Freiheit und gegen den Faschismus teilgenommen haben. Darunter also auch Walter Junker.

Sensationelle Neuigkeiten über Walter Junker

Dieses Jahr endet das Gedenkwochenende nicht mit dem Sonntagsprogramm und dem anschließenden gemeinsamen Mittagessen, sondern es schließt sich noch ein besonderer Programmpunkt an: Es sollen in dem Ort Els Guiamets in der Nachbarregion Priorat Blumen am Grab der bekannten Antifaschistin und Ravensbrück-Überlebenden Neus Català niedergelegt werden. Außerdem ist vorgesehen, am Stolperstein vor ihrem ehemaligen Haus vorbeizugehen und das Denkmal für sie im Ort zu besuchen. Ihre Tochter, Margarita Català, empfängt die Gruppe aus La Fatarella am Friedhof und begrüßt auch die Familie der ehemaligen Pflegerin ihrer Mutter und den Vorsitzenden der katalanisch-spanischen Amical Buchenwald, der Freundschaftsvereinigung für die spanischen Buchenwald-Deportierten, Enric Garriga. Nach einigen kurzen, aber bewegenden Ansprachen und der Blumenniederlegung führt Margarita Català die Gruppe zum Gedenkstein und Gemeinschaftsgrab von 91 Soldaten der Volksarmee und Interbrigadisten, die verletzt von der Ebro-Front in den damals am Bahnhof von Els Guiamets stationierten Lazarettzug gebracht worden waren – denen jedoch nicht mehr geholfen werden konnte. Die Interbrigadisten unter ihnen sind auf der Namenstafel extra gekennzeichnet und auch an ihren ausländischen Namen zu erkennen. Die Mitglieder des KFSR lesen die Namen laut vor. Als sie bei dem Vorletzten ankommen, verschlägt es ihnen fast die Sprache: »Junker Walter« – hier ist er also begraben, sein bisher in Deutschland nicht bekannter Begräbnisort ist hiermit gefunden! Das Stimmengewirr schwillt an, die sensationelle Neuigkeit wird für die anderen der internationalen Gruppe übersetzt, die Kommentare schwirren hin und her, die Euphorie ist groß. Sofort wird eine Nachricht an Christian Raschke geschickt, der leider am Morgen schon hatte abreisen müssen und deshalb nicht an diesem bewegenden Moment teilnehmen konnte. Sofort wird darüber gesprochen, wie die gerade erst enthüllte Tafel für Junker möglichst schnell aktualisiert werden könnte. Im Laufe des Abends begonnene weitere Recherchen fördern außerdem sein tatsächliches Sterbedatum in dem Lazarettzug zutage und zeigen, dass diese Informationen an verschiedenen Stellen in Spanien bekannt waren, jedoch leider bisher den Weg nicht bis nach Deutschland gefunden hatten. Die frühere Ehrung für Walter Junker enthielt ein falsches Sterbedatum, auch der Wikipedia-Eintrag und der Erkenntnisstand der Geschichtswerkstatt Nowawes sind somit obsolet.

Die Veranstaltung in Els Guiamets hat einen unerwarteten Mosaikstein der Historischen Erinnerung an die Internationalen Brigaden hinzugefügt. Als zum Abschluss am Denkmal für Neus Català die Internationale angestimmt wird, ist es schon dunkel und ansonsten vollkommen still in dem kleinen Ort Els Guiamets, aber die Stimmen der Delegation sind voller Enthusiasmus – und Margarita, die Tochter, kann sich ein zufriedenes Schmunzeln nicht verkneifen, denn an dem Platz wohnen auch ein paar im Dorf bekannte Rechte.

Der Autor Stefan Loibl ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR)

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