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Schwarze Selbstermächtigung
Die Initiative ISD macht deutlich: Schwarze Menschen sollen ihre Geschichten selbst erzählen – und gesellschaftlich gehört werden
Es ist erst wenige Tage her, dass Regierungschef Friedrich Merz (CDU) sich bei einem Besuch in Luanda darüber beschwerte, am Frühstücksbuffet kein deutsches Brot zu finden. Für Tahir Della, Vorstandsmitglied und Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), ist das ein Beispiel für fortdauernde koloniale Denkmuster.
Della arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft, politischer Bildung und Erinnerungskultur. Für die ISD vernetze er bundesweit Gruppen, die sich mit der »Aufarbeitung der deutschen und europäischen Kolonialgeschichte« beschäftigen, erzählt er dem »nd«. Die Initiative setzt sich seit nunmehr 40 Jahren damit auseinander, dass große Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft Debatten über koloniale und rassistische Kontinuitäten scheuen. Vor diesem Hintergrund überrascht es aus Dellas Sicht kaum, dass es im Jahr 2025 einen Bundeskanzler gibt, der wiederholt mit rassistischen und xenophoben Äußerungen auffällt.
Einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der ISD hatte die afroamerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde. Sie lebte ab Mitte der 1980er Jahre zeitweise in West-Berlin und prägte dort maßgeblich die frühe afrodeutsche Selbstermächtigung. 1985 gründete sich die ISD nach einem bundesweiten Treffen in Wiesbaden; es folgten Ortsgruppen im Rhein-Main-Gebiet, in Berlin, München und Nordrhein-Westfalen. Von Beginn an verstand sich die Initiative als Selbstorganisation von und für Schwarze Menschen, die basisdemokratisch arbeitet – mit politischer Bildungsarbeit, Empowerment-Trainings, Jugendprojekten, Kooperationen vor Ort und Veranstaltungen rund um den Black History Month.
Geschichte selbst erzählen
Die ISD ist zugleich Teil einer globalen Bewegung und unterstützt die UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft. Sie fordert von der Bundesregierung mehr Engagement bei deren Umsetzung. Ihr Ziel ist eine gerechtere Gesellschaft, in der Schwarze Menschen ihre Geschichten selbst erzählen und ihre Perspektiven sichtbar und hörbar werden.
Heute gehört die ISD zu den ältesten Selbstorganisationen Schwarzer Menschen in Deutschland. Daneben engagieren sich weitere Initiativen wie »Each One Teach One« oder der »Afrikarat« für Rechte und politische Teilhabe Schwarzer Menschen. Bis 2001 bestand die ISD ausschließlich aus lokalen Gruppen; mit der Gründung des ISD Bund e.V. entstand ein Dachverband, der seitdem die bundesweiten Aktivitäten koordiniert.
Tahir Della und seine Mitstreiterinnen verstehen sich als Teil der »Jüngeren Schwarzen Bewegung«. Hintergrund ist die Kontinuität zu bereits in den 1920er-Jahren aktiven Schwarzen Aktivist*innen. Bereits damals schlossen sich Schwarze Arbeiter*innen, Künstler*innen und Kolonialmigrant*innen zusammen, um für ihre Rechte einzutreten. Ein prägnantes Beispiel ist Martin Dibobe, der 1895 als »Ausstellungsobjekt« für eine Völkerschau nach Berlin kam, später als U-Bahn-Fahrer arbeitete und sich für die Rechte Schwarzer Menschen einsetzte – darunter für Straßenumbenennungen und die Anerkennung der Staatsbürgerschaft von Kolonialmigrant*innen.
Ein Buch als Initialzündung
Große Bedeutung für die »Jüngere Schwarze Bewegung« hatte der 1990 erschienene Sammelband »Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte«. Das Buch versammelte zahlreiche Stimmen afrodeutscher und afroamerikanischer Frauen – darunter Lorde – und wurde zu einer Initialzündung Schwarzer Selbstermächtigung, gerade im Jahr der deutschen Vereinigung.
»Mit der Wiederbelebung deutschen Nationalstolzes hat man hier sozusagen die Büchse der Pandora geöffnet«, sagt Della über den zunehmenden Rassismus Anfang der 1990er Jahre. Er erinnert an die afrodeutsche Künstlerin und Aktivistin May Ayim, Mitbegründerin der ISD, die wie viele Menschen mit migrantischer Geschichte nach der Wiedervereinigung Ausgrenzung erlebte. »Das ist nicht dein Feiertag«, musste sich Ayim am 3. Oktober anhören. In ihrem Gedicht »deutschland im herbst« verband sie 1992 die Pogromnacht von 1938 mit dem tödlichen Überfall auf Amadeu Antonio 1990. Ihre Gedichtsammlung »blues in schwarz weiss« von 1995 enthält Verse wie: »nachdem sie mich erst anschwärzten / zogen sie mich dann durch den kakao / um mir schließlich weiß machen zu wollen / es sei vollkommen unangebracht, schwarz zu sehen«.
Della warnt davor, Rassismus ausschließlich im Osten Deutschlands zu verorten. »Den wirklich wichtigen Debatten verweigert man sich überall in Deutschland«, sagt er. »Die richtigen Fragen fallen nicht. Stattdessen wird Abschottung und werden Massenabschiebungen salonfähig gemacht, was aber kein einziges Problem löst.«
Ein neues Verständnis von Heimat
Wiederfinden kann Della seine Perspektive im Projekt »heimaten«, das von den Kuratoren Ibou Diop und Max Czollek im Haus der Kulturen der Welt entwickelt wurde. Das vierjährige Programm widmet sich einer Neudeutung des Heimatbegriffs im Sinne einer pluralen Gesellschaft und macht die Arbeit zahlreicher Initiativen sichtbar.
»Wir wollen nicht definieren, wer zu Deutschland dazugehört und wer nicht, sondern es geht darum, was Heimat jeweils für die Menschen aller couleur ist oder sein kann«, sagt Della. Fragen wie »Was wünsche ich mir von einer Heimat?« oder »braucht es überhaupt einen Heimatbegriff?« stehen dabei im Mittelpunkt. Dass rechte Kräfte wie die AfD und ihre neue Jugendorganisation »Generation Deutschland« mit einem völkischen Heimatbegriff auf breite Zustimmung stoßen, zeige laut Della, wie wichtig es sei, diese Debatten offen zu führen. »Das erledigt sich nicht von selbst. Alle bürgerlichen Parteien sind aufgerufen, diese Debatten aufzugreifen.«
Neben Rassismus thematisiert Della auch Klassismus. »Es geht ja um eine gerechte Gesellschaft. Aber der Kapitalismus ist nicht gerecht, also kann auch die Gesellschaft nicht gerecht sein.« Er verweist auf fast drei Millionen Kinder und Jugendliche, die in Deutschland in Armut leben, und auf über eine Million Wohnungslose – Themen, über die ebenso selten gesprochen werde wie über plural verstandene Heimat.
Auch der Blick auf die USA sei irreführend, sagt Della: »Solche lauten und großen Proteste wie nach dem Polizistenmord an George Floyd 2020 in den USA habe ich in Deutschland nach einem rassistischen Mord noch nie gesehen.«
Nach 40 Jahren ISD sieht Della viele Fortschritte – aber auch viel zu tun. Das Engagement solcher Initiativen sei für People of Color essenziell. »Doch es braucht gesamtgesellschaftlich eine andere Gangart. Im Grunde braucht es eine andere Gesellschaft«, sagt er und richtet den Blick nach vorn.
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