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Ein Traum soll in Erfüllung gehen

Die Landeshauptstadt Schwerin wird nach 70 Jahren wieder eine Synagoge bekommen

  • Von Jürgen Seidel, Schwerin
  • Lesedauer: 3 Min.
Schon im November 2008 wird in Schwerin wieder eine Synagoge stehen. Für 600 000 Euro aus Bundesmitteln soll bis zum 70. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 ein neues jüdisches Gotteshaus mit rund 100 Plätzen fertiggestellt sein.

Es ist ein ehrgeiziges Ziel. 70 Jahre nach der Zerstörung ihrer Vorgängerin soll in Schwerin eine neue Synagoge eingeweiht werden. Ein wichtiger Schritt wurde dazu am Montag mit der Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern, der Jüdischen Gemeinde Schwerin und der Landeshauptstadt getan. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in MV, Valeriy Bunimov – einer der drei Unterzeichner des historischen Dokuments – wünschte dazu Masseltow. Das bedeutet auf Hebräisch »viel Glück«. Ein Traum gehe in Erfüllung – der bisherige Gebetsraum im Gemeindezentrum sei viel zu klein geworden.

Der Neubau der Synagoge, die auf einer Grundfläche von 15 mal 12 Metern etwa 100 Menschen Platz bieten soll, wird aus historischen wie praktischen Gründen genau an dem Platz erfolgen, wo seit 1773 die erste Schweriner Synagoge gestanden hatte. 1819 war sie erweitert und erneuert worden. In der berüchtigten Pogromnacht vom 9. November 1938 war auch das Schweriner Gotteshaus zerstört worden.

Es gibt sogar Augenzeugenberichte, nach denen seinerzeit die Juden der damaligen Gauhauptstadt dazu gezwungen worden seien, ihre Synagoge eigenhändig bis auf die Grundmauern abzutragen oder zumindest abtragen zu lassen. Der Schweriner Historiker und Volkskundler Dr. Ralf Wendt, der sich intensiv mit Alltag und Kultur während der Zeit des Nationalsozialismus in Mecklenburg befasst hat, hält diese Berichte allerdings für noch nicht ganz geklärt. Um dies definitiv sagen zu können, seien noch weitere Forschungen notwendig, erklärte Wendt gegenüber ND. Aber auch er bestreitet nicht, dass die Schweriner von den Schikanen und Diskriminierungen gewusst und gleichwohl überwiegend geschwiegen hätten.

Die Finanzierung des Neubaus erfolgt laut Vereinbarung durch Zuwendungen des Bundes in Höhe von 600 000 Euro aus Mitteln des Mauergrundstücksfonds, die Mecklenburg-Vorpommern zweckgebunden zugewiesen werden. Planung und Durchführung des wegen der beengten örtlichen Verhältnisse und der sehr kurzen Bauzeit komplizierten Bauvorhabens übernimmt für die Jüdische Gemeinde der landeshauptstädtische Eigenbetrieb »Zentrales Gebäudemanagement«.

Der Neubau soll mit den bisherigen zwei Gemeindehäusern sowie mit einem weiteren, direkt angrenzenden Haus verbunden werden, das künftig ebenfalls durch die Jüdische Gemeinde genutzt werden wird. Eigentümer des Grundstücks ist die Jüdische Gemeinde Schwerins selbst. Den Jüdischen Gemeinden in Schwerin und Wismar gehören heute, auch durch eine starke Zuwanderung von Juden aus Osteuropa, wieder rund 1000 Mitglieder an.

Bildungsminister Henry Tesch (CDU), der die Vereinbarung für das Land unterschrieb, bezeichnete die jetzt nach der langjährigen Suche nach einen geeigneten Standort sowie schwierigen Konzept- und Finanzdiskussionen erzielte Einigung als »einen historischen Schritt«. Er sei zuversichtlich, dass »wir gemeinsam den Termin 9. November 2008 anstreben«. Auch Schwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) – der dritte Unterzeichner der Vereinbarung – zeigte sich erfreut, dass man nach über fünf Jahren zu einer fast idealen, finanzierbaren Lösung gekommen sei.

Auch im Schweriner Schloß gab es gestern ein Zeichen des neuen jüdischen Lebens in Mecklenburg-Vorpommern. Am Tag der Unterzeichnung des Synagogen-Neubaus wurde dem Rostocker jüdischen Theaterprojekt »Mechaje« im Landtagsgebäude der diesjährige Kulturpreis des Landes verliehen. Vielleicht und hoffentlich mehr als ein schöner Zufall.

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