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Beschriebene Blätter

In der Jugendstrafanstalt Ebrach wird Straftätern eine Schreibwerkstatt angeboten

  • Von Leonhard F. Seidl
  • Lesedauer: 9 Min.

Samstag Morgen, halb acht, Autobahn A 3 Nürnberg-Würzburg. Während andere noch die Freitagnacht in ihren Träumen ausklingen lassen oder sich von der Arbeitswoche erholen, brausen Hanne Mausfeld (58) und Wolfgang A. Senft (52) in den Knast. An der Anschlussstelle Geiselwind fahren sie von der Autobahn ab und gelangen durch Wälder und Dörfer, über Hügel, an Feldern vorbei in die fast 2000 Seelengemeinde Ebrach im Naturpark Steigerwald. Touristen aus der ganzen Welt kommen in Scharen, um die Klosterkirche mit der farbenprächtigen Fensterrosette zu bestaunen. In der prunkvollen Klosteranlage befindet sich seit 1958 auch die Jugendstrafanstalt Ebrach. Wo vormals Mönche beteten, später Zuchthäusler einsaßen, müssen nun junge Männer mit Höchststrafen, bereits vorbestrafte und ältere Jugendstrafgefangene ihre Strafe absitzen.

Ein Teil der über 300 Häftlinge ist im Hauptbau des ehemaligen Zisterzienserklosters untergebracht. Nur die Kontrollen der Beamten und das mächtige Tor erinnern einen beim Eintreten daran, wo man sich eigentlich befindet. Um zu den Zellen zu gelangen, muss man über einen Hof gehen, in dem sich zwei steinerne Löwen stoisch anglotzen; Stacheldraht auf den Dächern, Gitterstäbe an den Fenstern relativieren den frühgotischen Prunk. Aus den geöffneten Fenstern tönt Hip-Hop, der füllt das Knastklischee mit harten Bässen.

Vor jeder Sitzung holen die Leiter der Schreibwerkstatt, von den Teilnehmern Hanne und Wolfgang genannt, die jungen Männer aus ihren Zellen ab. Auch wenn dies ein Mehr an zeitlichem, ehrenamtlichem Aufwand bedeutet, kommt es so zu einer Begegnung mit der Lebenswelt der Jugendlichen, mit dem Ort, der von einem Großteil der Gesellschaft abgeschrieben ist.

Im Haupttrakt befinden sich die Gemeinschaftszellen. Hier sieht es immer noch nicht nach Knast aus, die hohen Decken sind mit prächtigem Stuck verziert. Doch erfüllen viele der jungen Männer auf dem Gang das typische Bild des Knackis. Sie haben gerade »Aufschluss«, gehen allein oder in Zweiergruppen den Gang auf und ab, unterhalten sich in Gruppen. Sie sind bekleidet mit weißen Unterhemden, blauen Hosen, manche mit grünen Hemden – vormals die Berufskleidung der Beamten –, auch Trainingsanzüge sind zu sehen. Finster dreinblickend tragen sie Tätowierungen und Muskeln zur Schau. Hier heißt Schwäche zeigen, angreifbar sein. Dies zeigt sich in alltäglichen Erpressungen, die einen schon mal den Tabak kosten können. Wie ein Angriff schlimmstenfalls enden kann, zeigte der »Fall« Martin Heibach in der Jugendvollzugsanstalt Siegburg im November 2006: Nach elf Stunden kollektiver Folter durch Mithäftlinge in einer Gemeinschaftszelle erwartete ihn am Ende der Strang. So bekam er auch für die Massenmedien und die breite Öffentlichkeit wieder ein Gesicht.

Damals schrien alle nach einer Verbesserung der Zustände in den Jugendgefängnissen. Die Nordrheinwestfälische Justizministerin Müller-Piepenkötter (CDU) räumte Pannen ein. Diese Rufe sind zwischenzeitlich verstummt, an ihre Stelle ist Populismus aus Hessen, Bayern und Berlin getreten. Die hohe Rückfallquote von bis zu 80 Profzent wird ignoriert, Repression heißt das Mittel der Wahl. Für das Oberlandesgericht Schleswig bleibt die Resozialisierung des Gefangenen »als utopischer Programmsatz realitätsfeindlich im luftleeren Raum stehen«. Daran würde auch eine Höchststrafe von 15 Jahren nichts ändern. Und der Kriminologe Pfeiffer weist nach, dass überall dort, wo die Integration von Jugendlichen in Schulen gelungen ist, die Kriminalität deutlich abnimmt. Pfeiffer fordert, mehr in Schulen statt in Gefängnisse zu investieren.

Wolfgang, der Initiator der Schreibwerkstatt, sieht sich nicht als Lehrer, und die Schreibwerkstatt soll auch keine Schule sein. Auch die »Beschriebenen Blätter«, wie sich die Schreibwerkstattmitglieder nennen, sehen die zweiwöchentlichen Treffen nicht als Pflichtbesuche an. Im Knast haben die Dinge einen anderen Wert als »draußen«, was sich beispielsweise am Schwarzmarktwert eines Handys von über 200 Euro€ zeigt. Genauso verhält es sich mit Freizeit- und Bildungsangeboten.

Ein erklärtes Ziel der Schreibwerkstatt ist vielmehr, das Schreibvergnügen zu fördern. Dass dies nicht nur ein hehres Ziel ist, bestätigen die Werkstattleiter: Alle Teilnehmer haben mehr Freude am Schreiben und schreiben mehrmals wöchentlich. Ein Nebeneffekt ist die Stärkung des schriftlichen Ausdrucks. Die Insassen, bei denen es sich größtenteils um Hauptschüler oder Förderschüler handelt, lernen so außerdem, sich verbal besser zu artikulieren, im Idealfall, Konflikte in Zukunft auf diesem Wege zu lösen.

Träume sind das Thema der heutigen Sitzung, an der sechs junge Männer teilnehmen. Sie sitzen im ehemaligen Refektorium um einen Tisch, den der Seelsorger Lyer liebevoll geschmückt hat. Kerzen brennen, es gibt Kaffee und Süßkram; Weihnachtsüberbleibsel. An der Wand hängt eine PACE-Fahne.

Ohne Lyer, der fast immer ein schelmisches Lächeln auf den Lippen hat, gäbe es viele Projekte nicht. Wenn die Gefangenen ihn begrüßen, treffen Fäuste aufeinander, die dann zum Herz geführt werden: Begrüßung wie auf der Straße. Um auch noch Einzelgespräche führen zu können, lässt er die Ehrenamtlichen selbstständig walten, ist aber immer zur Stelle, falls es Probleme gibt.

Zu Beginn liest Murat einen Text. Er ist einer von drei Türken in der Gruppe und einer der wenigen Gymnasiasten in der JVA. Murat leitet den Text mit den Worten ein, dass ihn das Thema zur Zeit sehr beschäftige. Die Geschichte handelt von einem vorbildlichen Häftling namens Jonas, der das erste Mal im Knast ist, »weil er Diebstähle begangen hat, genauso wie die meisten Jugendlichen andere Straftaten machen.« Seine Eltern sind in Deutschland geboren und zur Schule gegangen, aber der Staat möchte ihn abschieben, weil er eine Strafe von drei Jahren bekommen hat. »Jetzt sind Sie schockiert, oder? Er ist doch hier zu Haus«, heißt es in dem Text, »Jonas heißt in Wahrheit Ali und hat einen deutschen Pass.« Die Jugendlichen klatschen, Hanne greift einen besonders gelungen Satz heraus und bespricht ihn mit der Gruppe. Auch wenn es für sie vor allem darauf ankommt, »beim Schreiben eine eigene Sprache zu finden und sich dabei schreibend selbst zu erfahren.«

Ein anderer Häftling hat den Traum, wieder ein Kind zu sein, von vorne anfangen zu können. Worauf eine heftige, emotionsgeladene Diskussion folgt. David wirft ein, dass er doch von vorn anfangen könne, was der »Träumer« vehement abstreitet. Er könne einen Punkt machen, aber die Zeit sei verloren. Umgehend erhält er Zustimmung aus der Gruppe. Zuvor hat er einen Traum vorgelesen, in dem er eine Familie hatte. Aber sein Kind ist in dem Traum gestorben ...

Für die Schreibgruppenleiterin Hanne fördert die Diskussion ein Thema zutage, das auch in den Texten immer wiederkehrt. »Ein Problem, das alle Knasties haben, die ihre Tat bereuen, das alle wirklich bewegt. Wie geht es weiter, wenn sie rauskommen? Sie wollen neu anfangen, alles gut machen, sich integrieren. Eine Ausbildung beginnen, eine Familie gründen; Harmonie, das ist es, was sie sich wünschen.«

Diskussionen sind für den Sozialpädagogen Wolfgang ein wichtiger Bestandteil der Treffen. Dennoch sieht der hauptberuflich seit 16 Jahren im Bereich der Resozialisierung Tätige »seine Möglichkeiten innerhalb dieses geschlossenen Systems realistisch«, erwartet keine Wunder. Er will die Teilnehmer aber »weiterhin mit positiven Träumen infizieren«. Nach seiner Meinung ist es eine Auszeichnung für das Projekt, wenn sich die Jugendlichen »trauen, über ihre Gefühle zu sprechen, ihre Schwächen zu äußern. Wenn Lernschwache in die Gruppe kommen, um zu lernen, Liebesbriefe zu schreiben, auch damit die Zensurbeamten nicht mehr über ihre Rechtschreibfehler lachen können. Wenn Gewalttätige, Diebe, Junkies konzentriert und freiwillig über vier Stunden ihr Sprachvermögen trainieren.«

Für Chris ist Schreiben vor allem befreiend. Derzeit arbeitet er an einem Dialog für ein Schultheaterstück im typischen »Knastslang«, versucht ihn selber aber zu vermeiden, was ihm nicht immer gelingt. Draußen ist er Freiberufler, kann seine Kunden schlecht »Alter« nennen. Hier gibt er die Zeitung »Insider« mit heraus, die einmal jährlich erscheint. Da ihm das zu selten ist, arbeitet er aktuell an einem »Service-Heft«, wie er es nennt. Das soll jeder Gefangene bei seiner Ankunft erhalten, als Akt der Solidarität im Knast.

Der dunkelhäutige David schreibt über eine weiße Weihnacht. Bei einem Spaziergang mit seiner Freundin nannte sie ihn einen Engel. Daraufhin legte er sich in den Schnee, bewegte Arme und Beine, worauf ein Engel entstand, um den er ein großes Herz malte. In der Schule hänselten ihn die anderen Kinder mit dem Wort Nigger. »Ich musste mich wehren und habe ihnen eine Wunde zugefügt, doch dadurch bekam ich einen Verweis.« Für ihn ist ein Traum etwas, »für das man sich anstrengt und es am Schluss auch erreichen kann, wie beispielsweise ein Schulabschluss.« Von seinem Vater, der seine Mutter und ihn immer geschlagen hat, kann er die Worte nicht haben. Mit ihm rechnet er in Form eines Raps ab. »Die Zeiten für mich waren nicht leicht, ich hatte keinen, der mir was zeigt. Ich wurde zu einem Teil der Straße, der auf dieses Leben scheißt.« Die anderen nicken bei seinem Vortrag mit dem Kopf, als käme der dazugehörige Beat aus der Box.

Wenn die Jugendlichen zu einem Teil der Straße werden, kann aus dem Ausrutscher, der ein »normales« Jugend-Phänomen darstellt, eine kriminelle Karriere werden. Der Kontakt zu delinquenten Gleichaltrigen ist hierbei von großer Bedeutung und im Knast intensiver als anderswo, der Prozess der »Prisonisierung« kann sich vollziehen. Der Jugendliche verliert seine »eigene Stimme«. Und eine eigene Identität, für deren Ausbildung die Zeit der Adoleszenz von großer Bedeutung ist, kann sich nur schwer entwickeln. Dem soll das Verfassen von Geschichten und Gedichten entgegenwirken, persönliche Stärken und positive Lebensereignisse sollen bewusst gemacht werden.

Auf den ersten Blick gelingt dies nicht immer. »An die Vergänglichkeit möchte ich glauben. Doch selbst die nahe Zukunft scheint mir eine Illusion zu sein«, philosophiert Alperen, der zweite Gymnasiast in der Gruppe. »Wie traurig kann das Ende der Jugend sein?«, will er wissen, um am Schluss des Textes »blutige Tränen durchbohrter Herzen« fließen zu lassen. Chris ist begeistert von Alperens Worten und will den Text in der »Insider« veröffentlichen.

Für Alperen ist es ein bedrückendes Gefühl, wenn er nach den Stunden in der Schreibwerkstatt, in denen er sich als Mensch gefühlt hat, wieder zurück »auf Zelle« muss. Denn schreiben heißt für ihn auch, »die Gegenwart zu vergessen.«

CDU und CSU denken derweil an die Zukunft und vergessen die Vergangenheit. Auch Bayern reicht es nicht aus, dass zum Jahresanfang ein verschärftes Gesetz in Kraft getreten ist. Neben der sozialen Eingliederung heißt es nun, dass die Jugendstrafe dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten dienen soll. Wohlfahrtsverbände sehen darin einen Widerspruch. Denn der Schutzpflicht würde dadurch nachgekommen, dass die Rückfälligkeit reduziert und die Resozialisierung gefördert wird. Schon mal an Schreibwerkstätten gedacht, liebe Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer?

Wer mehr von den »Beschriebenen Blättern« lesen will, kann dies in der Anthologie »Stumme Schreie« (Engelsdorfer Verlag) tun. Wer sie direkt bei wa_senft@gmx.de bestellt, unterstützt damit die Schreibwerkstatt.

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