Die Linken im Kloster

Kultur neu denken – Religion, Macht, Freiheit, Identität: eine Konferenz in Erfurt

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 7 Min.

Mit der Linken über Gott reden« – es hatte seitens der Bundestagsfraktion DIE LINKE direkte Einladungen zu dieser Konferenz in Erfurt gegeben, aber manch eine/einer war allein schon auf dieses Plakat hin gekommen. »Mit der Linken über Gott reden« – weiße Schrift auf rotem Grund. Mit der Linken reden darüber, wie diese Gesellschaft zu mehr sozialer Gerechtigkeit kommt, gut. Aber über Gott? Hat sich für dieses Thema nicht eher die CDU – wenigstens dem Namen nach – für zuständig erklärt? Wenn es nicht überhaupt eine Sache der Kirchen ist.

Folgerichtig traf man sich am Freitag und Samstag in sakralen Räumen: dem evangelischen Augustinerkloster, wo Luther einst Mönch war, in der Neuen Synagoge und in der katholischen Brunnenkirche, unter deren Grundmauern sich in vorchristlicher Zeit ein der heidnischen Göttin Silvia geweihter Brunnen befand. Das heißt, die Konferenz wurde indirekt auch von religiösen Institutionen mitgetragen, die darin miteinander im Einvernehmen waren.

Staunen konnte man immer wieder: Da saßen zum Beispiel am Samstagmorgen fünf Frauen und ein Mann – Politiker der LINKEN, der CDU und der Grünen – in der Brunnenkirche dort, wo gewöhnlich der Altar ist: hinter sich das Christuskreuz, getroffen von Lichtstrahlen aus den hohen Kirchenfenstern. Oder am Tag zuvor: Bodo Ramelow, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion DIE LINKE, trug eine Kipa, und Imam Mehdi Razvi saß lächeln vor dem siebenarmigen Leuchter. Prof. Walter Homolka, Rabbiner, zeigte Verständnis für Menschen, die sich für die DDR engagierten, und widersprach indirekt Prof. Eberhard Tiefensee, katholischer Theologe, der »Täter und Täterinnen« bei der Linkspartei verortete. »Religion gehört zum Leben« war Bodo Ramelows These, der das eine Eingangsreferat hielt, das andere, »…Doch nur ein Atheist ist ein autonomer Mensch«, kam von dem promovierten Theologen Paul Schulz, der bis 1979 Pfarrer war.

Ein einstiger DKP-Genosse berief sich auf Meister Eckhart, eine Religionslehrerin griff die Kirche an. So wurden in der Debatte immer wieder Rollenvorstellungen unterlaufen. Zumindest das konnte man von der Konferenz mit nach Hause nehmen: Einfache Zuordnungen in spirituellen Fragen gibt es nicht. Ob die 70 Prozent mehr oder weniger konfessionell gebundenen Menschen in Deutschland wirklich alle gläubig sind, ist ebenso ungewiss wie das, was die 30 Prozent Konfessionslosen insgeheim fühlen. Im übrigen, so Imam Mehdi Razvi verschmitzt, sei Atheismus ja auch ein Glaube, was die Frage nach dem Woher, Wohin, Wozu betrifft.

Dass die abrahamitischen Weltreligionen durch einen Gott verbunden sind, ist ein versöhnlicher Gedanke. Doch die Vorstellungen sind recht verschieden. Für den Imam ist Gott ein Pronomen, »supraontologische Realität«. Die kanonischen Bücher – Thora, Psalmen, Bibel, Koran – seien von Gott inspiriert. Für Rabbiner Homolka ist es nicht so wichtig, ob einer an Gott glaubt, Hauptsache er hält sich an bestimmte Regeln und ist ein anständiger Mensch. Im übrigen habe Gott dem Menschen die Autonomie gegeben, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Für Dr. Manfred Lütz, Arzt, Theologe und Mitglied des päpstlichen Laienrats, gibt es einen personifizierten Gott; Bodo Ramelows Gottesbegriff als Rückbindung an etwas Größeres ist ihm diffus »wie Cybersex«. Der evangelische Pfarrer und Dichter Christian Lehnert, Jahrgang 1969, sagt, dass alle Gottesvorstellungen nur Bilder sind, dass das Geheimnis Gottes sich entzieht. Glauben sei etwas Unverfügbares, »etwas, das mir geschieht«. Dagegen sei Religion etwas von außen Herangetragenes. Ihm gefiel, wie sein Altersgenosse Michael Triegel, Maler wunderbarer Altarbilder, bekannte, dass er noch nicht glauben könne. Mit Goethe gesprochen: »Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub’ ihn?« Carlos Manuel, Regisseur und dritter in der Runde junger Künstler, meint, dass Religion für ihn gar keine Rolle spielt, auch wenn er gerade Dostojewskis »Brüder Karamasow« inszeniert. Im übrigen lebten wir »in einer hochreligiösen Gesellschaft«, was den Fetischismus der Ware, die Inszenierung von Spektakeln und den Verdacht betrifft, dass sich dahinter eine Wahrheit verbirgt.

Pröpstin Elfriede Begrich in einer wunderschönen, leidenschaftlichen Rede: Wir brauchen Religion, weil sie den Menschen erlöst aus der Falle des Horror Oeconomicus. Weil sie eine Aufforderung zur Liebe ist, dazu, die Würde zu achten, die dem Menschen verliehen wurde und also unverlierbar ist. Weil sie Mut zum Widerstand gibt gegen alle Verhältnisse, in denen der Mensch ein entwürdigtes, geknechtetes, verlassenes Wesen ist. Die Parteilichkeit für die Ausgegrenzten und Erniedrigten sei ein roter Faden in der Bibel. Daran knüpfte übrigens (in etwas anderer Tonlage) am nächsten Tag die CDU-Politikerin und Pfarrerin Christine Lieberknecht an: »Linke leben von Voraussetzungen, die ohne jüdisch-christliche Traditionen gar nicht denkbar sind.«

Dialektik von Einstellung und Erfahrung: Manfred Lütz sieht sich durch die Beschäftigung mit der Wissenschaft zum Glauben gekommen. Serap Çileli aus der Türkei ist einer Zwangsverheiratung entflohen und will den strafenden Gott Allah nicht mehr akzeptieren. Michel Friedman, Mitglied der CDU und unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden, bekennt, dass er angesichts dessen, dass 48 Mitglieder seiner Familie von den Nazis umgebracht wurden, an Gott nicht mehr glauben kann. Die stellvertetende Vorsitzende der Linksfraktion Katja Kipping, Jahrgang 1978, ist als Atheistin aufgewachsen, für sie wäre es Selbstbeschränkung, Autonomie an eine Instanz abzugeben, die nicht einmal erfassbar ist.

Dagegen Katrin Göring-Eckardt, für Bündnis 90/ Die Grünen Vizepräsidentin des Bundestags und Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags: »Meine Freiheit kommt aus dem Glauben, dass es etwas Größeres gibt als mich selbst.« So ähnlich äußerten sich auch Christine Lieberknecht und Bodo Ramelow, dass der Mensch durch Gott die Kraft gewänne, auf sich selbst zu hören, statt sich Autoritäten anzupassen. »Ich war ganz bei mir, also war ich bei Gott«, hat Friedrich Schrolemmer (SPD) einmal gesagt, den ich bei der Konferenz vermisste.

Sollten also »vor Gott« alle Parteienstreitigkeiten begraben sein? Nun, so einfach ist das nicht. »Auf dem Gebäude, in dem Sie sich als LINKE befinden, liegt eine sehr große Hypothek«, musste sich Bodo Ramelow von Eberhard Tiefensee sagen lassen. Und André Blechschmidt, einst Mitarbeiter für Kirchenfragen im Rat des Bezirkes Erfurt, heute Sprecher für Justiz, Medien und Sport der Thüringer Linksfraktion, wurde, in sanfterem Ton, von Katrin Göring-Eckardt an etwas erinnert, was er »repressive Maßnahmen« im Pfarrhaus von Ingersleben nannte. So ist die harmonische Stimmung immer wieder aufgebrochen. Wie ging die evangelische Kirche (im Westen) mit aufmüpfigen Pfarrern um? Wie kann man sich heute christlich nennen und eine neoliberale Politik unterstützen? Und wie wären wohl die Reaktionen in der CDU, so Michel Friedman, wenn sich in Deutschland eine islamisch-demokratische Union gründen würde?

Glaube, so die mehrheitliche Meinung, ist eine persönliche Angelegenheit. Der Staat hat lediglich Religionsfreiheit – für alle – zu gewähren. Vorsicht vor jeglichen Hegemoniebestrebungen. Das betrifft Kirchen, aber auch Parteien, die um Mehrheiten ringen. Plädoyer für die Gewissensentscheidung des einzelnen. »Kultur neu denken« beginnt mit einer Sprache, die vom persönlichen Bekenntnis ausgeht, den anderen respektiert und sehr vorsichtig mit Pauschalurteilen ist. Solches auch politisch anzustreben, ist freilich leichter für eine Partei, die erst einmal nur »mitmachen« will, ohne Machtpositionen verteidigen zu müssen.

Wie würden wir uns verhalten, wenn wir die Mehrheit hätten?

Insofern war die Konferenz nicht nur ein Signal nach außen, dass man mit der LINKEN über alles reden kann, auch über Gott, sondern ebenso an die eigene Adresse. Ungefragte Fragen in der Partei aufzuwerfen, so Bodo Ramelow, sei Anliegen gewesen. Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, und Birgit Klaubert, Vizepräsidentin des Thüringer Landtags, die die Konferenz vorbereiteten und zwei Tage lang klug und warmherzig moderierten, haben Großes geleistet. Eberhard Tiefensee rügte, die LINKE würde sehr leichtfüßig mit einem enorm schwierigen Thema umgehen. Aber anders als unverkrampft, leichtfüßig, war eine solche Konferenz nicht zu machen.

Für alle, die dabei waren, ist es eine Grenzüberschreitung gewesen. »Du stellst meine Füße auf weiten Raum«, wurde Psalm 31 zitiert. Es geht um kulturelle Werte in dieser Gesellschaft, »gegen die Unkultur des Achselzuckens«, wie Luc Jochimsen sagte. Das Gespräch soll fortgesetzt werden. Dabei wäre es schon viel, wenn die Konferenz »nur« ein Stück Erfahrung erbracht hätte, das weiterwirkt, in individuelle Entscheidungen hinein. Man kann es nicht wissen, aber glauben, dass daraus etwas Gutes erwächst.

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