Gestörte Idyllen, unterkühlte Akte

Der unterschätzte Felix Vallotton in der Hamburger Kunsthalle

  • Von Martina Jammers
  • Lesedauer: 4 Min.

Die soignierte Frau mit Hochfrisur und Stehkragen sitzt im feuerroten Sessel und wiegt melancholisch ihr Kinn. Ihr Mann vis-à-vis krampft die Hände an seinen Schreibtisch, schaut missmutig zu Boden. Ein Paar in bürgerlichem Interieur der Jahrhundertwende: geschmackvoll eingerichtet mit dekorativen Accessoires. Doch die scheinbare Bewegungslosigkeit täuscht: Wie ein Tier kriecht der Schatten des Mannes auf den Schoß der Frau. Hat das Paar sich gezankt oder ist es von gepflegter Langeweile durchdrungen? Der 1865 in Lausanne geborene Felix Vallotton (gestorben 1925 in Paris) liebt solch dramatisch zugespitzte Szenen, die unmittelbar vor der Entladung stehen. Unwillkürlich denkt der Betrachter an den von Lessing geforderten »fruchtbaren Augenblick« als Aufgabe der Malerei, räsonniert über das Davor und Danach. Vallotton fand den »knappsten Ausdruck für den größten Inhalt«, bemerkte bereits 1898 der Kritiker Julius Meier-Graefe in seiner Monographie über den Künstler.

Stets kultivierte er die Distanz zum Geschehen: »Lebenslang bin ich der gewesen, der hinter der Fensterscheibe steht und zuschaut, wie draußen gelebt wird, und nicht mit dabei ist.« Empathie ist seinen Bildern fremd: Seine Porträts sind umflort von einer kühlen Aura, die seltsam entleerten Landschaften zu Formen stilisiert. Seine Akte bannt er mit ungeschminkter Direktheit auf die Leinwand, ohne sich von einer naturnahen Malerei zu verabschieden. Beißender Sarkasmus und schwarzer Humor prägen vor allem sein graphisches Werk. Kühl und kontrolliert erscheint auf den ersten Blick Vallottons Kunst, deren hermetisch geschlossene Oberflächen hinwegtäuschen über die sich dahinter verbergenden Abgründe.

Es fällt schwer, sich diesen Bildern zu entziehen. Für den aktuellen Shootingstar Daniel Richter ist Vallotton nichts weniger als das »Idol meiner schlaflosen Nächte«. Nach dem Dänen Vilhelm Hammershøi und der Finnin Helene Schjerfbeck widmet sich die Hamburger Kunsthalle erneut einem der großen bekannt-unbekannten Künstler an der Wende zum 20. Jahrhundert, die zwar mannigfaltige Berührungspunkte mit der Avantgarde hatten, jedoch ihren eigenwilligen Weg gingen. Und fortan in keine kunsthistorische Schublade passen.

Als Siebzehnjähriger brach Vallotton nach Paris auf und studierte hier im Kreis der Künstlergruppe Nabis, die sich atmosphärischen Interieurs und der effektvollen Wiedergabe komplizierter Tapeten- und Teppichmuster widmeten. Davon hat der Schweizer durchaus profitiert, wenn er in seinen rund 240 druckgraphischen Arbeiten die scheinbare wohlgeordnete Binnenwelt der Bourgeoisie mit ihren sorgfältigen Streifen- und floralen Ornamenten abrupt kollidieren lässt mit ihren Ausbrüchen an Wut, Argwohn und Zwangsmechanismen. Mit der uralten Reproduktionstechnik des Holzschnitts, die er virtuos beherrscht, arbeitet er die Widersprüche markant heraus, vermag aber mit züngelnden Linien ebenso das Nervöse und munter Brodelnde zu erfassen. Als Ausländer und anfangs von finanziellen Sorgen getrieben, war Vallotton bewusst, dass sich mit dem Paris der Belle Époque nicht nur der Salon, die Weltausstellungen und die prachtvollen Boulevards verbanden. Intensiv registrierte er – wie Walter Benjamin in seinem »Passagenwerk« – den »Tanz auf dem Vulkan«. Zwischen 1892 und 1894 explodierten nicht nur im Parlament, sondern auch in Pariser Cafés zahlreiche Bomben. Ihren Höhepunkt erreichte die Anschlagserie, als der französische Staatspräsident Sadi Carnot am 24. Juni 1894 dem Attentat eines italienischen Anarchisten zum Opfer fiel.

Zwar spart Vallotton auch das geschäftige Treiben am Grabbeltisch des Kaufhaus »Le Bon Marché« oder die feierwütige Gesellschaft im Quartier Latin nicht aus, die euphorisch auf konzentrischen Wolken taumelnd geradezu psychedelisch daherkommt. Mehr noch als das Amüsement interessieren den Graphiker Vallotton die tumultartigen kleineren oder größeren Abweichungen von der Norm. Sein »Platzregen« (1894) mit den davonsprengenden Regenschirm- und Zylinderträgern ist deutlich vom japanischen Holzschnitt inspiriert. In »Die Schlägerei oder Szene im Café« ist eine Wirtshausrauferei in vollem Gange. Ein Bierglas droht auf dem Kopf einer verschüchterten Person zu zerschellen. Die Aufregung und das Durcheinander überträgt Vallotton direkt auf die Bildkomposition. Ganz anders die entspannte Darstellung der »Trägheit«, wo eine unbekleidete Dame bäuchlings aus ihrer buntgemusterten Kissenlandschaft herab den sich gleichfalls lasziv streckenden Stubentiger krault.

In seinen gemalten Akten unterläuft der Maler unsere Erwartungshaltung an eine sinnliche Figur, die harmonisch mit ihrer Umgebung verschmilzt. Vallotton dagegen zoomt und fragmentiert den Leib wie bei einer Fotografie. Tat er dies 1884 noch mit gnadenlosem Detailblick auf den cellulitisdurchwalkten Po seines Modells, so weicht dieser Naturalismus um 1910 einer distanzgebietenden Glätte, welche die Neue Sachlichkeit eines Christian Schad vorwegnimmt. Krasse Kontraste von Komplementärfarben wie Giftgrün und Rot pushen die ansonsten unterkühlte Erotik der Situation, während auf konventionelle oder gar kokette Posen verzichtet wird. Vallottons Modelle sind ins Patiencenlegen versunken. Selbst einem unprätenziösem Sujet wie jenen durch Baumstämme flutenden »Letzten Sonnenstrahlen« (1911) entlockt er eine ungewöhnliche Perspektive: Expressiv und scharf wie ein Scherenschnitt heben sich die feuerroten Stämme ab vom saftigen Grün der Laubkrone, wobei die züngelnden Kletterpflanzen das aggressive Moment forcieren. Kein Wunder, dass die Brücke-Maler Vallotton hochschätzten. Hier ist kein Idylliker am Werk, sondern ein zutiefst skeptischer wie ironischer Zeitgenosse, der uns ungemein modern anmutet.

»Felix Vallotton. Idylle am Abgrund« ist bis zum 18. Mai in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Der Doppelkatalog, der zum ersten Mal seit 1898 den grundlegenden Vallotton-Aufsatz von Julius Meier-Graefe vollständig abdruckt, ist für 35 € im Museum erhältlich.

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