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Zweiklassengesellschaft im Lehrerzimmer

Besoldungsrunde für den öffentlichen Dienst der Länder: Gewerkschaften fordern deutliche Gehaltssteigerungen

Am Montag beginnen die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern um einen neuen Tarifvertrag für die Länder im öffentlichen Dienst. Die Mehrheit dieser Beschäftigten ist im Schuldienst tätig und gerade hier zeigt sich, wie sehr sich durch die Einsparungen in den öffentlichen Haushalten die Gehaltsschere in den letzten Jahren immer weiter geöffnet hat.

Sollte Annett Varchmin in acht Jahren in den Ruhestand gehen, dann bekäme sie nach heutigem Stand rund 900 Euro Rente im Monat, teilte ihr ihre Rentenkasse vor geraumer Zeit mit. 1976 fing die heute 52-Jährige als Junglehrerin an jener Cottbuser Schule an, in der sie noch heute als Mittelstufenlehrerin arbeitet. Seit Anfang dieses Schuljahres unterrichtet sie nur noch 19,5 Stunden in der Woche – keine neue Erfahrung für die Lehrerin für Deutsch, Kunst und Gesellschaftskunde, die in den vergangenen Jahren immer wieder »auf Teilzeit gesetzt wurde«. In den nächsten Jahren muss sie mit der verkürzten Arbeitszeit leben, fürchtet Annett Varchmin. Schließlich seien Geburtenrückgang und sinkende Schülerzahlen erst jetzt so richtig in der Sekundarstufe I angekommen. »Dabei habe ich noch Glück gehabt«, sagt sie, »ich musste in den zurückliegenden 18 Jahren nicht durchgängig Teilzeit arbeiten«. Vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen sei es schlechter ergangen.

Rund 6000 angestellte Lehrkräfte gibt es in Brandenburg; sie machen damit etwa 28 Prozent der Lehrerschaft im Land aus. Die Mehrheit dieser Nichtverbeamteten unterrichtet wie Annett Varchmin bereits seit DDR-Zeiten, wie der GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs erklärt. Erst ab Mitte der 1990er Jahre stellte das Land seine Lehrer wieder als Beamte ein. Zwar hat sich Brandenburg nicht wie Berlin aus dem öffentlichen Arbeitgeberverband ausgeklinkt und damit aus den Angestelltenverträgen einen bunten Flickenteppich unterschiedlicher Entlohnungen gewebt, ungleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt es aber auch in Brandenburg sehr wohl. 500 bis 700 Euro netto mehr hat ein verbeamteter Lehrer pro Monat, schätzt Günther Fuchs, wobei noch die Beiträge zur privaten Krankenversicherung abgezogen werden müssen.

Die fehlende Perspektive auf Verbeamtung allein ist es allerdings nicht, durch die die Gehaltsunterschiede zwischen den Bundesländern in den zurückliegenden Jahren immer größer geworden sind. So sind Hessen und Berlin schon vor Jahren aus dem öffentlichen Arbeitgeberverband ausgetreten. Folgen hatte das nicht nur für die Lehrer, sondern auch für das restliche pädagogische Personal. In Berlin etwa muss die Berufsgruppe der Erzieherinnen und Sozialpädagogen seit 2003 mit dem sogenannten Absenkungstarifvertrag leben. Aus dem Behördendeutsch übersetzt heißt dies: Arbeitszeitverkürzung bei gleichzeitigem Lohnverzicht. Im Schnitt erhalten die Schulerzieherinnen zehn Prozent weniger als bei einer vollen Stelle. »Aber sie arbeiten keine zehn Prozent weniger«, sagt Holger Dehring von der Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Aber auch in anderen Ländern hat sich eine Art pädagogisches Personal herausgebildet. Beispiel Sachsen: Die Verdienstmöglichkeiten für die knapp 35 000 Lehrer im Freistaat sind – vorsichtig ausgedrückt – bescheiden. Uschi Kruse unterrichtet Deutsch und Geschichte an einem Kolleg in Leipzig. »In Teilzeit und nur mit Abschlägen auf ein vergleichbares Westgehalt«, wie sie betont, denn Vollzeitstellen gibt es in Sachsen kaum noch und das Land beschäftigt alle Lehrer ausnahmslos nur als Angestellte. »Die sächsische Landesregierung konnte diese Regelungen auch deshalb durchsetzen, weil hier angestellte Lehrer anders als ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen nach 15 Jahren keinen Kündigungsschutz genießen«, erklärt die stellvertretende sächsische GEW-Vorsitzende. »Als die Schülerzahlen im Freistaat wie anderswo im Osten zu Beginn der 1990er Jahre rasant sanken, setzte das Land den Gewerkschaften das Messer auf die Brust: Entweder Zustimmung zu Teilzeitarbeitsverträgen oder betriebsbedingte Kündigungen.« Im Schnitt arbeiten die Lehrkräfte in allen Schulformen nur 80 Prozent der laut Tarifvertrag der Länder (TV-L) vereinbarten Vollarbeitszeit.

Das macht den Schulstandort Sachsen für Lehrkräfte aus anderen Bundesländern alles andere als attraktiv. Sollte zum Beispiel eine verbeamtete Grundschullehrerin aus Berlin sich heftig in einen feschen Sachsen verlieben und mit einem Wohnort- und Arbeitsplatzwechsel liebäugeln, »dann müsste die Liebe schon sehr groß sein«, wie Uschi Kruse anmerkt. »Sie würde nicht nur ihren Beamtenstatus verlieren, sondern müsste auch mit weniger Gehalt auskommen. Hat sie zum Beispiel in Berlin einen Beamtensold von netto 3000 Euro im Monat erhalten, bekäme sie hier als angestellte Teilzeitlehrerin etwa die Hälfte.« Mehr hat auch die Mittelstufenlehrerin Annett Varchmin in Brandenburg nicht. Nicht viel nach 32 Jahren Schuldienst.

Acht Prozent Lohnerhöhung, mindestens aber 200 Euro mehr im Monat möchte die GEW für Annett Varchmin und ihre Kolleginnen und Kollegen durchsetzen. In Gewerkschaftskreisen ist man optimistisch; die Kampfbereitschaft unter den Mitgliedern sei hoch, heißt es. Der Erwartungshaltung der Mitglieder ist also groß. Dies gilt vor allem für die Jungpädagogen, die in den letzten Jahren mit heftigen Gehaltseinbußen in den Beruf gestartet sind – bis zu 27 Prozent weniger erhielten sie als ihre älteren Kollegen. Gleichzeitig stehen aber auch die Arbeitgeber unter Druck. Da bundesweit zur Zeit in fast allen Fächern Lehrermangel herrscht, werben manche Bundesländer mit Zuschlägen von bis zu 800 Euro im Monat den pädagogischen Nachwuchs aus anderen Ländern ab.

Von den 1,95 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder arbeiten rund 941 000 als Lehrer und sozialpädagogische Fachkräfte im Schuldienst. Rund ein Drittel der pädagogischen Fachkräfte arbeitet in einem Angestelltenverhältnis. Während im Westen der Republik die meisten angestellten Lehrer als Vollzeitkräfte eingestellt sind, sind im Osten Teilzeitverträge die Regel. ND

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