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Die wollen nur spielen

Wie »die anderen Bands« die letzten Jahre der DDR erlebten

In Teil 15 unserer ND-Serie erzählen Mitglieder der einstigen Punkband »die anderen« vom Lebensgefühl junger Leute in den 80ern jenseits der sozialistischen Massenkultur.

Tiefe Wolken, strenger Wind. Berlin kann trist sein. Ende März, Frühlingsbeginn. Von schräg links peitscht der Regen. Die Kreuzberger Hausfassaden zeigen ihr Grau in allen Schattierungen. Wiener, Ecke Glogauer Straße: Ich bin am Ziel, an dem Ort, der mir in schillernden Farben beschrieben wurde. Einem Ort, der bei Lichte betrachtet eine schäbige Einfahrt zu einem schummrigen Hinterhof ist.

Knapp 20 Jahre zuvor: vor der schäbigen Einfahrt feiernde Massen. Es ist der Abend des 9. November 1989, der Abend, an dem drei Untergrundbands aus Berlin-Ost ein denkwürdiges Konzert im Kreuzberger PIKE-Klub geben werden – dank Dienstreisevisa. Es ist der Abend, an dem Olaf »Toster« Tost, Sänger und Kopf von »die anderen«, seine Band an Ort und Stelle auflösen wird. Aus dem Gefühl heraus, dass die Zeit seiner Musik abgelaufen ist, dass etwas Neues passieren muss, dass es nach diesem Auftritt nie wieder sein würde, wie es war.

Zur selben Zeit wusste ich noch nichts von Rock 'n' Roll und Dosenbier. Ich war erst acht Jahre alt.

* * *

Berlin-Prenzlauer Berg, März 2009. Ich bin mit Dafty in einer verrauchten Eckkneipe an der Immanuelkirche verabredet. Dafty heißt eigentlich Karsten Richter und war früher Gitarrist bei »die anderen«. Mitgebracht hat er »Toster« und Martin, den Bassisten der Band. Im Gespräch werden schnell lebendige Bilder unangepassten Lebens in den letzten Jahren der DDR wach. Bilder des Widerspruchs: Künstlerische Subkulturen, von der Stasi umfassend infiltriert und mit Argwohn betrachtet. Einerseits. Andererseits Bands des Untergrunds mit staatlicher Förderung und Auftrittsmöglichkeiten – einige gar mit dem Privileg der Reisefreiheit.

Mitte der 80er Jahre agieren auch »die anderen«, Namensgeber einer neuen Generation von Bands, die den schmalen Grat zwischen Anpassung und Widerstand nicht scheuten. Die abseits der FDJ kulturellen Freiraum fanden. Die dennoch durch pragmatischen Umgang mit der staatlichen Einstufungskommission die offizielle Spielerlaubnis erhielten, schlicht, um vor möglichst großem Publikum zu spielen.

»Die Einstufung war meist ein normales Konzert.« Toster zuckt mit den Schultern. »Da waren zusätzlich zum Publikum ein paar Leute da, eine Jury, analog zu ›Deutschland sucht den Superstar‹. Teils sehr wohlwollende Leute wie Rainer Börner, die einfach wollten, dass Bands, die nicht so klingen wie Puhdys oder Karat, normal auftreten können.« Die Alternative? »Sonst konnteste nur in 'ner Kirche spielen. Das wollten wir nicht – in 'ner Kirche ist der Sound scheiße.« Hinzu kam, dass auch in Kirchenkreisen agitiert wurde. »Die waren das ideologische Gegenteil der FDJ – teils anstrengende Typen.«

Rainer Börner treffe ich in einem Café in Berlin-Friedrichshain. Börner war bis 1989 Sekretär für Kultur in der FDJ-Bezirksleitung Berlin, damit verantwortlich für die Kulturarbeit in der Stadt. Er hat keine große Lust, über früher zu sprechen, also fachsimpeln wir zunächst über Fußball. Nach und nach nimmt das Gespräch Fahrt auf: »Die gestandenen Bands interessierten mich nie. Mich reizten die kleineren Bands, die nicht diesen typischen Ost-Sound spielten. Für die habe ich versucht, mich einzusetzen, Auftrittsmöglichkeiten in den Jugendklubs der FDJ oder eigene Konzerten zu verschaffen, habe mich auch in der Einstufungskommission für die stark gemacht, solange sie nicht offen und direkt gegen die DDR angesungen haben.« Probleme in seiner täglichen Arbeit? »Innerhalb der Berliner FDJ hatte ich große Freiräume. Problematisch wurde es manchmal mit der Kultursekretärin der Berliner SED, Ellen Brombacher. Die war ziemlich scharf Texten hinterher. Zum Glück hat sie der Rock-Bereich nicht so interessiert.«

Für »die anderen« bestand der Kern der Abgrenzung indes nicht in provokantem Liedgut: »Mucke machen war für uns mehr ein pubertärer Rebellenspaß.« Nicht die Welt verändern, sondern feiern. Spaß dominiert die Songtexte, die sich mal den offiziell verordneten Frohsinn in der DDR vornehmen, mal verschwurbelt Alltagsabsurditäten des kleinen Landes bloßstellen. Dazu eine tanzbare Mixtur aus Jazz und Pop, aus Punk und Ska. Eine Mischung, die die staatlichen Behörden humorlos kontern ließ: Knöllchen wegen »Erregung öffentlichen Ärgernisses«, kurzzeitige und willkürliche Verhaftungen – gewohnte Begleitumstände des unangepassten Musikerlebens. Dafty nippt am Bier und schmunzelt: »Wir wurden völlig blödsinnig behandelt, schon weil wir uns anders kleideten als der durchschnittliche DDR-Bürger. Die Stasi hat bei mir dadurch erst die Politisierung vollbracht. Durch die sinnlosen Repressionen fing ich erst an, wirklich nachzudenken.«

Für Toster »war es, zumindest ab Mitte der 80er Jahre, in der DDR viel einfacher, aus dem Mainstream auszusteigen, als heute im Westen. Man konnte praktisch machen, was man wollte – wenn man sich damit abgefunden hatte, dass man überwacht wird«. Für die jungen Musiker kamen noch andere, entscheidende Faktoren hinzu: Mangel an Konkurrenz. Und materielle Unbedarftheit. Heute kaum vorstellbar: Menschen pilgerten in Scharen zu Konzerten von Bands, die sie nicht kannten. Folgten Bands, die weder Plakate kleben ließen, noch Tonträger veröffentlichten, selbst in abgelegene, ranzige Dorfklubs. »Die Leute waren einfach dankbar – für alles.« Toster schildert paradiesische Zustände für Musiker in einer Mangelgesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht übersättigt waren: »Bei den Auftritten herrschte Euphorie. Ich wünsche heutigen Bands, dass sie wenigstens mal drei Wochen lang das Gefühl erleben, dass die Leute sich vor der Tür stapeln, obwohl keine Werbung gemacht wurde.«

Der Fall der Mauer sprengte die Szene der »anderen Bands«. Viele lösten sich auf, wenige feierten erfolgreiche Neugründungen – etwa Paul und Flake von »Feeling B«, die heute den international erfolgreichen Brachialrockern »Rammstein« angehören. Die vormals treuen Anhänger der schrägen Ost-Untergrundmusiker probierten die Westbands aus, »Ostbands konnteste auf ein Mal keinem mehr verkaufen«, erinnert sich Dafty. Für ihn wurde der 9. November '89 zum doppelten Kulturbruch: »Als an diesem Abend aus heiterem Himmel die Band krachen ging, war das ein extremer Schock.« Nach dem Schock folgte die Neuordnung. »Die anderen« gingen sich zunächst aus dem Weg. Dafty war mal arbeitslos, mal Theaterbeleuchter, Toster wurde Fernsehjournalist bei der »Deutschen Welle«, Saxofonist Ralf Lepsch kehrte in seinen Beruf als Lehrer zurück. Zum Jahrtausendwechsel die überraschende Wiedervereinigung: ein weinseliger Abend. Ein paar Instrumente. Spontanes Jammen. »Wolln wir's noch mal versuchen?« Sie versuchten es. Mit bescheidenem Erfolg. Die veränderten Bedingungen fasst Toster knapp zusammen: »Die Menschen heute werden vom Angebot erschlagen. Bands, Klubs – unzählig. Heutige Künstler haben es viel schwerer, Publikum zu erreichen. Die müssen ständig um Aufmerksamkeit buhlen.« 2002 lösten sich »die anderen« erneut auf – diesmal endgültig.

Einer, der es bis heute geschafft hat, erfolgreich auf der Bühne zu stehen, ist Egon Kenner. Auch er blickt nicht im Groll auf sein Wirken im musikalischen Untergrund der DDR zurück. Verklärt aber auch nicht. Egon ist Gitarrist von »Freygang« und beschreibt die Spielverbote, die sich seine Band durch ihr kompromissloses Auftreten eingehandelt hat, als Katz-und-Maus-Spiel. Auch er sieht die Gründe weniger in offensiven Texten: »Wir sind nicht mit plakativen Parolen rumgefahren, wie: Stürzt das Regime! Allein unser ausschweifender Lebensstil stellte eine optische Bedrohung im DDR-Alltag dar, der ja klar strukturiert sein sollte: Junges Paar lernt sich kennen, vögelt ein bisschen, richtet sich 'ne Wohnung ein, Kind, Ende. Das haben wir nicht gelebt. Wir strahlten was anderes aus, was die humorlosen Altvorderen im Staat gegen uns aufgebracht hat.«

Mit leiser Stimme berichtet Egon von zwei Konzerten, die sinnbildlich für die Widersprüchlichkeit der Lebensbedingungen unangepasster Künstler in den letzten Jahren der DDR stehen. Einerseits: »Ein Klub irgendwo in dörflicher Einöde. Der Saal rappelvoll. Die Stimmung kocht. Mitten im Song splittert der Bühnenboden – von unten kriechen Menschen durch das Loch. Die haben erst die Rückwand des Klubs eingerissen und sind dann unter die Bühne gekrochen, nur um noch in den Saal zu kommen. Unfassbar.« Andererseits: »Ein Haufen Dobermänner, entsprechend Polizei dazu, absurde Situation, in der ich mich fragte, schützt dieser Staat nun uns vor dem Publikum oder die Leute vor uns? Geht es ihm darum, rein optisch einen Keil zwischen uns und unser Publikum zu treiben? Da habe ich die Hoffnung verloren, dass sich was verändert.«

Der Humor, der Spaß, den Bands wie »die anderen« bei ihren Auftritten lebten, war ein scharfer Kontrast zur Stimmung im Lande Ende der 80er. Auch der Mut, mal einen schiefen Takt hinzulegen – identitätsstiftend für eine Subkultur, die so gar nicht in das gängige Vorurteil Grau-in-Grau-DDR-Alltag passt. Eine Subkultur, die letztlich dank weniger Engagierter und einem gewissen Gleichmut staatlichen Organen gegenüber ihre bunte Nische besetzen konnte. Oder wie es Egon treffend zusammenfasst: »Entweder du singst ellenlange langweilige schlecht gelaunte Protestlieder, dann hört keiner zu. Oder du bringst die Menschen zum Tanzen und Lachen. Das hat diese Generation Bands um ›die anderen‹ verstanden.«

* * *

9. November '89. Die Stimmung im PIKE-Klub ist am Kochen. »Die anderen« fallen erschöpft von der Bühne, ein letztes Mal. Die Tür springt auf – Menschen stürmen den Laden. Sie wedeln mit blauen Ausweisen. Toster und Dafty erkennen Freunde von »drüben«. »Was macht ihr denn hier?« – »Die Mauer is' weg.« – »Quatsch!«

Die ND-Serie »20 Jahre nach '89« erscheint das ganze Jahr über jeweils zu Wochenbeginn.

Nächsten Montag: Palast der Republik – der Kampf um eines der großen DDR-Symbole

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