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Bahngewerkschaften in der Grube

Von gewerkschaftlichem Co-Management und Vorschusslorbeeren für den neuen Bahnchef

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Führungs- und Vertrauenskrise bei der Deutschen Bahn (DB), die im vorzeitigen Abtritt des bisherigen Bahnchefs Hartmut Mehdorn ihren Höhepunkt fand, wurde zum Erstaunen vieler Beobachter reibungs- und lautloser überwunden als erwartet. Sein Nachfolger wird als »Glücksgriff« gepriesen.

Dass die Berufung des Daimler-Managers Rüdiger Grube, der Anfang der 1990er Jahre Büroleiter des damaligen Airbus-Chefs Mehdorn war, öffentlich als »gutes Omen« gefeiert wurde, ist vor allem den Bahngewerkschaften und dem von ihnen als »Mitbestimmungskultur« gepriesenen Co-Management zu verdanken.

Mehdorn, den der frühere TRANSNET-Vorsitzende und heutige DB-Manager Norbert Hansen jahrelang als Verfechter der Mitbestimmung gefeiert hatte, war zuletzt im Datenskandal über seine Versuche gestolpert, die Tragweite der Überwachung zu vertuschen. Sein Schicksal war besiegelt, als Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und kurz danach auch die TRANSNET-Führung sich öffentlich von ihm absetzten.

Allerdings hielt sich die Gewerkschaftsführung danach nicht mehr mit der Frage auf, ob und wie der Abtritt Mehdorns für eine grundlegende Neuausrichtung der Bahn und Verkehrspolitik genutzt werden könnte. Mehdorn stand für Börsengang und aggressive Expansion. Sein Nachfolger verkörpert in dieser Hinsicht Kontinuität: Grube sieht den Börsengang im Hinblick auf die Lage der Finanzmärkte »derzeit« als nicht realistisch an, will ihn aber nicht grundsätzlich ausschließen. Dass der neue Bahnchef bei DaimlerChrysler maßgeblich für die (gescheiterte) Einverleibung von Mitsubishi und Chrysler zuständig war und der DB mit ihren Töchtern in den USA und Großbritannien jetzt ähnliche Rückschläge drohen, scheint die Gewerkschaftsspitzen nicht zu beunruhigen. Dass die SPD-Führung in ihrem Entwurf eines Wahlprogramms für die Bundestagswahl auf den Börsengang verzichten will, hat die TRANSNET-Spitze trotz ihrer SPD-Nähe bisher nicht einmal gewürdigt.

Euphorisch feierte TRANSNET-Chef Alexander Kirchner den CDU-nahen Grube als Champion der Mitbestimmung. In einem Brief an TRANSNET-Funktionäre erklärte er, »dass es wohl einmalig in der Geschichte der deutschen Unternehmensmitbestimmung ist, dass sich ein möglicher Vorstandschef vor seiner Berufung den gewerkschaftlichen Beschlussgremien stellt«. Der Neue habe sich zum »integrierten Bahnkonzern« und zur »internationalen Ausrichtung« bekannt und stehe für eine »Kultur des Vertrauens«. Daher seien ihm die Stimmen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sicher.

Angepasst zeigte sich nach Grubes Berufung auch die Lokführergewerkschaft GDL. Zwar sprach sich GDL-Chef Claus Weselsky noch am 1. April gegen eine »Fortsetzung der Expansionspolitik« aus und bezweifelte, ob Grube als »ehemaliger Assistent« Mehdorns »Sachverstand im Eisenbahnwesen mit persönlicher Integrität und Unvoreingenommenheit« gewährleiste. Nur einen Tag später lenkte Weselsky nach einem »Gespräch in offener und vertrauensvoller Atmosphäre« ein: Mit Grube bestehe »die Chance für einen Neubeginn«. Der künftige DB-Chef sehe »auch eine gute Zukunft für die Schiene in Deutschland und Europa«, lobte Weselsky. Dies deutet darauf hin, dass die GDL-Spitze nach der Eiszeit mit Mehdorn nun Hoffnungen hegt, unter Grube gleichberechtigt in das Co-Management eingebunden zu sein.

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