Nicht genug zum Leben

Vor allem Frauen und Ostdeutsche arbeiten unfreiwillig Teilzeit

Unfreiwillige Teilzeit ersetzt besonders im Osten Deutschlands immer mehr die reguläre Vollzeitstelle. Auch Minijobs sind lange nicht mehr nur eine arbeitsmarktpolitische Randerscheinung. Die Folgen für die Beschäftigten sind mitunter katastrophal, denn doppelt heißt es nun: »arm trotz Arbeit« und »arm im Alter«.
Sie würden gerne mehr arbeiten, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht, dürfen es aber nicht: Die Zahl der in unfreiwilliger Teilzeit Beschäftigten und der Minijobber steigt. Rund 1,6 Millionen Vollzeitstellen sind nach Angaben des DGB zwischen 2001 und 2006 weggefallen. Im gleichen Zeitraum entstanden 1,7 Millionen Teilzeitarbeitsplätze. Jüngste Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, mehr als 60 Prozent der Teilzeitbeschäftigten müssen von ihrem Einkommen leben. 4,9 Millionen Beschäftigte in Deutschland gingen nach DGB-Angaben im Jahr 2008 einer Teilzeitbeschäftigung mit 20 oder weniger Wochenarbeitsstunden nach. Die Kluft zwischen Ost und West ist dramatisch: Im Westen sind es 17 Prozent, die keine volle Stelle fanden, in Ostdeutschland dagegen rund 65 Prozent. Dort scheint das Modell »unfreiwillige Teilzeit« das Vollzeitarbeitsverhältnis mehr und mehr abzulösen.

Die Zahlen zeigen aber auch: Mehr als zwei Drittel der geringfügig Beschäftigten sind Frauen, viele von ihnen Niedriglöhnerinnen. Das hängt auch damit zusammen, dass Frauen überproportional in Branchen arbeiten, in denen geringfügige Beschäftigung und Teilzeit zunehmend die Regel werden. Dazu gehören der Einzelhandel, die Gastronomie oder der Pflegebereich. Die unfreiwillige Teilzeit entwickelt sich zur Sackgasse. Nicht nur im Alltag fehlt das Geld: Ausreichend für das Alter vorzusorgen, wird schlicht unmöglich.

Auf einer gemeinsamen Tagung von Hans-Böckler-Stiftung und DGB kamen diese Woche in Berlin Betroffene zu Wort. Heidrun Schuster, Betriebsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei der Gruppe Piepenbrock, die bundesweit Dienstleistungen im Bereich der Industrieinstandhaltung anbietet, beschrieb die Situation ihrer Kollegen im Osten. Minijobs gebe es dort nicht, »weil die Leute ja alle von ihrem Job leben müssen«. »Die meisten arbeiten bis zu 30 Stunden in der Woche und gehen mit 500 Euro nach Hause«, sagt Heidrun Schuster. »Die gehen alle noch zum Amt.« Dabei hätten die Beschäftigten lieber Vollzeitstellen, aber die Arbeit ist nicht da.

In der Diakonie Sozialstation Südstern in Berlin-Kreuzberg ist die Lage ähnlich katastrophal. Nur Teilzeit oder Minijobs, gibt die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung, Kerstin Myrus, einen kurzen Einblick. Weil die Beschäftigten auch dort von den sehr geringen Stundenlöhnen nicht leben können, habe es »drastisch« zugenommen, dass die Kollegen sich einen Nebenjob suchen oder Hartz IV beantragen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Arbeitsanforderungen, etwa in der häuslichen Pflege, zeitlich schlecht mit einem zweiten Job vereinbaren lassen. Die Beschäftigten arbeiteten von früh bis mittags und dann abends noch einmal für wenige Stunden, erläutert Kerstin Myrus. Als Alternative bleiben Wochenendjobs in der Gastronomie, manche sind im Nebenjob Hauswart.

DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki sieht damit einen »Irrglauben« widerlegt, nach dem sich die Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten mit ihrem Job lediglich ein »Zubrot« verdienen wollten. Im Gegenteil: Nur gut ein Viertel wird vom Partner oder der Partnerin unterstützt, ein Zehntel bezieht parallel Hartz IV, um über die Runden zu kommen. Es sind also weder überwiegend die verheirateten Mütter noch die Rentner oder Schüler, die in Teilzeit oder Minijobs arbeiten müssen. Unfreiwillige Teilzeitarbeit ist, wie DGB-Vizevorsitzende Ingrid Sehrbrock sagt, längst »kein arbeitsmarktpolitisches Randphänomen« mehr. Sehrbrock spricht von »parzellierter Vollzeitarbeit«, wenn jemand etwa mehrere Minijobs hat und damit genau so viel arbeitet wie jemand, der eine volle Stelle hat. Um die Ausbreitung von unfreiwilliger Teilzeit und gerinfügiger Beschäftigung einzudämmen, forderte die DGB-Vize bei der Tagung die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. »Als Sofortmaßnahme brauchen wir die Wiedereinführung der zeitlichen Obergrenze von 15 Stunden pro Woche bei Minijobs«, sagte Sehrbrock. Als allgemeine Absicherung nach unten setzt der DGB weiter auf den gesetzlichen Mindestlohn.


Derzeit verhindert der massive Gebrauch der Kurzarbeit noch einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Doch dieser »Puffer« gegen die Krise verliert allmählich seine Wirkung. Zwar sind die offiziell registrierten Arbeitslosenzahlen im Monat Mai gesunken, doch die »Frühjahrsbelebung« habe den Arbeitsmarkt in diesem Jahr verspätet erreicht, wie die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag meldete. Und für die nächste Zeit wird auch in Nürnberg eine kräftige Zunahme der Arbeitslosenzahlen erwartet. Da die Einkommen der Betroffenen sinken und der Konsum damit geschwächt wird, wirkt sich dies genauso krisenverschärfend aus wie der schon länger anhaltende Trend zu gering bezahlten und sozial nicht abgesicherte Beschäftigungsverhältnissen, wovon hauptsächlich Frauen betroffen sind. »Unfreiwillige Teilzeitarbeit« ist laut DGB vor allem in Ostdeutschland weit verbreitet.

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