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Zone ohne Rand

Osthessen und Westthüringen entwickeln sich sehr unterschiedlich

  • Chris Melzer, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall hat sich der Wartburgkreis in Thüringen spürbar entwickelt, während der Werra-Meißner-Kreis in Hessen von Berliner Bürokraten das wenig motivierende Etikett »Entleerungsgebiet« verpasst bekam.

Kassel/Eisenach. Wer von Kassel nach Eisenach fährt, kann die alte Grenze noch immer erkennen. Auf der einen Seite sieht es grau, verlassen und ein bisschen ärmlich aus, auf der anderen Seite wirkt es viel farbenfroher und belebter. Doch die bunte Seite ist der Osten, die Resignation scheint eher im Westen durch. Zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall hat sich der Wartburgkreis in Thüringen gut entwickelt, während der Werra-Meißner-Kreis in Hessen Zonenrand ohne Zone ist.

Krise in Frau-Holle-Land

»Es geht unserem Nachbarn im Osten inzwischen besser als uns«, bekennt Stefan Reuß. Der SPD-Politiker ist Landrat im Werra-Meißner-Kreis, Hessens nordöstlichster Ecke. Hier auf dem Hohen Meißner soll Frau Holle gewohnt haben, ansonsten war diese Ecke bis zum Jahr 1989 das östliche Ende.

Der Kreis lebte von Zonenrandförderung und Bundeswehr. Auf der anderen Seite war noch weniger los, lähmte die Grenze mit Minen, Stacheldraht und Selbstschussanlagen doch eine ganze Region. Bis sich im November 1989 auch dort auf einer zugigen Allee die Menschen die Hände reichten. »Wir haben danach viel Hilfe aus dem Werra-Meißner-Kreis erhalten«, sagt Reinhard Krebs (CDU), Landrat des Wartburgkreises. »Dafür sind wir noch heute dankbar.«

Speckgürtel um Eisenach

Doch der Hilfesuchende ist innerhalb weniger Jahre über den Helfenden hinausgewachsen. Während der Werra-Meißner-Kreis mit der demografischen Entwicklung kämpft und von Berliner Bürokraten das wenig motivierende Etikett »Entleerungsgebiet« verpasst bekam, gehört der Wartburgkreis mit einer relativ niedrigen Arbeitslosenquote zu den aufstrebenden Gebieten. Im Westen hingegen zählt der Werra-Meißner-Kreis zu den Schlusslichtern Hessens.

»Die Infrastruktur ist ein großes Problem. Mehr als ein Investor ist deshalb in den Nachbarkreis gegangen«, sagt Reuß. Während sein Werra-Meißner-Kreis seit Jahrzehnten auf die versprochene A44 quer durch die Region wartet, habe der Wartburgkreis die wichtige A4 nach Dresden. Zudem profitiere der Kreis vom »Speckgürtel« um Eisenach mit dem Großinvestor Opel. Vorteile, die auch Krebs einräumt: »Es kommt noch der ICE dazu. Das sind wichtige Standortfaktoren, mit denen wir Investoren zum Kommen und kluge Köpfe zum Bleiben überreden konnten.«

Doch das größte Problem war fast 20 Jahre ein anderes, sagt Reuß: »Die Zonenrandförderung wurde schlagartig gestrichen und dafür im Osten eine enorme Förderkulisse aufgebaut. Das war grundsätzlich zwar richtig, aber dadurch wurde ein Fördergefälle geschaffen, bei dem wir einfach nicht mithalten konnten.« Warum solle sich ein Investor bei Eschwege oder Wanfried ansiedeln, wenn er ein paar Kilometer weiter das Vielfache an Fördergeldern bekommt? »Dabei fehlt bei uns die Autobahn, bei uns hätte gefördert werden müssen.«

Zu dicht am Osten

Eine paradoxe Situation: Dem Werra-Meißner-Kreis geht es nicht gut, weil er zu dicht am Osten liegt und dem Wartburgkreis geht es gut, weil er dieser Osten ist. »Die Förderung hat enorm geholfen«, räumt auch der Thüringer Krebs ein. »Aber das wichtigste waren trotzdem Ideen. Wir haben sehr engagierte Unternehmer und einen gesunden Mittelstand. Das ist der eigentliche Motor.« Der CDU-Politiker ist für beide Kreise optimistisch: »Bei unserer Lage mitten in Deutschland müssen wir einfach eine gute Zukunft haben. Gemeinsam.«

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