Geschichte – rekonstruiert oder dekonstruiert?

»Goldene Zeiten« im Münchner Haus der Kunst

  • Von Barbara Reitter-Welter
  • Lesedauer: 2 Min.
Diango Hernández: »We Can't Celebrate«, 2008
Diango Hernández: »We Can't Celebrate«, 2008

Mit den heroischen Epochen unserer Geschichtsschreibung hat diese Schau herzlich wenig zu tun. Sondern mit der kritischen Reflexion, wie groß der Wahrheitsgehalt historischer Überlieferung ist, wie stark sich persönliche Erinnerung und individuelle Wahrnehmung von offizieller Geschichte unterscheiden, wo Interpretation beginnt und Konstruktion aufhört. Das Haus der Kunst in München hat drei Künstler der mittleren Generation eingeladen, die, aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen kommend, sich dem Thema auf verschiedenste Weise konzeptuell annähern: der aus Kuba stammende Diango Hernàndez, der Engländer Steven Claydon und die in Genf lebende Asiatin Mai-Thu Perret sowie der Koreaner Sung Hwan Kim mit einer großen Video-Installation.

Hernàndez (40) hat seinen Raum durch ein riesiges verrostetes Gitter strukturiert, das aus den Zahlen von Fidel Castros Regierungszeit 1959-2008 besteht. Aus diesem Blickwinkel bekommen seine Objekte eine neue Bedeutung: Die Porträts John F. Kennedy, eingebettet in den Strahlenkranz alter Single-Schallplatten, lässt jedoch auch das Negativ-Bild aufscheinen: Invasion in der Schweinebucht, Handels-Embargo und schließlich Kubas Abhängigkeit von der Sowjetunion.

Die Geschichtserforschung des Claydons (40) bezieht sich auf eine Umbruchphase der Münchner Kultur: die Gründung der Sezession, die für kurze Zeit eine Erneuerung der zeitgenössischen Kunst versprach. Mit einem Sammelsurium merkwürdiger Artefakte zwischen ethnologischem und naturkundlichem Objekt, meist auf den Kopf gestellte Skulpturen, rekonstruiert er eine historische Epoche, indem er sie gleichzeitig dekonstruiert. Die filmischen Sequenzen von Mai-Thu Perret (33) zur Geschichte eines Bildhauer-Paars, das zur polnischen Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte, werden auf eine ins Riesenhafte vergrößerte konstruktivistische Skulptur projiziert.

Insgesamt ein intellektueller Diskurs, der theoretisches Hintergrundwissen erfordert.

(bis 11.4.)

www.hausderkunst.de

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