Sprachwunder aus der Pfalz

Germersheim hat eine der weltgrößten Ausbildungsstätten für Dolmetscher

  • Von Andrea Löbbecke, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Mehr als 37 000 Dolmetscher arbeiten in Deutschland. Viele von ihnen haben in Germersheim studiert.

Germersheim. Rheinland-Pfalz heißt auf Englisch Rhineland-Palatinate, auf Französisch Rhénanie-Palatinat und auf Spanisch Renania-Palatinado. Vermutlich wissen das die sprachbegabten Abiturienten bereits, bevor sie ihr Studium in Germersheim aufnehmen. In der Pfalz ist der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaften der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz angesiedelt.

Die Schule zählt nach eigenen Angaben mit 2300 Studenten zu den weltweit größten Ausbildungsstätten für Dolmetschen und Übersetzen. Auf dem Campus der 21 000-Einwohner-Stadt leben neben deutschen Studenten auch rund 1000 Kommilitonen aus dem Ausland. Vertreten sind etwa 70 Nationalitäten, sagt die Leiterin des Studierendensekretariats, Angelika Hüttenberger. In den vergangenen Jahren habe besonders die Nachfrage von Studenten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion deutlich zugenommen.

Eine Besonderheit in Germersheim: Ausländer können auf Basis ihrer Muttersprache studieren, müssen dann Deutsch als erste Fremdsprache belegen. Insgesamt können die angehenden Übersetzer und Dolmetscher aus zwölf Sprachen und fünf Sachfächern wählen.

80 Prozent Frauen

Die Absolventen genössen in der Branche einen guten Ruf, sagt die Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (Berlin), Norma Keßler. Und gute Leute sind gefragt. Mit der Globalisierung seien nicht nur das Übersetzungsvolumen gestiegen, sondern auch die Anforderungen an den Beruf. Bei der schriftlichen Übersetzung müsse ein Dokument heutzutage oft in zahlreiche Sprachen gleichzeitig übersetzt werden – und das in immer kürzerer Zeit, heißt es beim Verband.

Das Studium in Germersheim beginnt mit einem Bachelor »Sprache, Kultur, Translation« – in der Regel mit zwei Fremdsprachen. Bei den darauf aufbauenden Masterstudiengängen müssen sich die Studierenden dann zwischen dem Schwerpunkt Übersetzungen, also dem Schwerpunkt im Schriftlichen, oder Konferenzdolmetschen entscheiden.

Sprachen sind eine Frauendomäne. Nach Zahlen des Bundesverbandes sind knapp 80 Prozent seiner 6435 Mitglieder weiblich. »Viele arbeiten später als Freiberufler«, berichtet Hüttenberger. Die wenigsten Firmen leisteten sich fest angestellte Dolmetscher, sondern buchten deren Hilfe tageweise für internationale Konferenzen oder Geschäftsbesprechungen. »Was zunimmt, ist eine Nachfrage nach Dolmetschern bei der Polizei, Behörden und in Krankenhäusern«, sagt die Diplom-Übersetzerin Yvonne Crnkovic. Aber auch für die Übersetzung von mehrsprachigen Internetseiten, internationaler Computersoftware oder für die Untertitelung von Filmen auf DVD seien die Dienste der Sprachmittler gefragt. »Es ist kunterbunt auf dem Campus, man hört überall verschiedene Sprachen«, sagt Therese Lugenheim, die im dritten Semester Englisch und Niederländisch studiert.

Stets im Hintergrund

Wenn sich auch viele über Englischschwächen von Politikern lustig machen – »für uns ist das gut«, sagt die Studentin. Dolmetscher sind wichtig – vor allem wenn es auf hoher politischer und wirtschaftlicher Ebene auf feine Nuancen in der Kommunikation ankommt. Allerdings stehen sie stets im Hintergrund und werden selten namentlich genannt. »Dolmetscher sind am besten, wenn man sie gar nicht bemerkt.«

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