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Der Fuchs als Hosenrolle

Das Ming Hwa Yuan Ensemble bringt die Taiwanoper nach Europa

Traditionell übernehmen Frauen fast alle Rollen.
Traditionell übernehmen Frauen fast alle Rollen.

Vor langer, langer Zeit, da lebten auf einer fernen Insel ein Schneefuchs und ein Pfirsichbaum. Eines Tages beschlossen die beiden, sich mal wieder in der Stadt zu amüsieren. Um nicht aufzufallen, gehen sie als Menschen verkleidet. Auf der Reise kommt es zu allerlei Kämpfen und Abenteuern, aber zu guter letzt gewinnt der Schneefuchs die Gunst der schönen Offizierstochter. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Die alte buddhistische »Legende vom Schneefuchs« kommt nun in Form einer Taiwanoper nach Berlin. Aus Taipeh reist das vor 80 Jahren gegründete Ming Hwa Yuan Ensemble an, das zu den führenden Theatergruppen Taiwans gehört. Dem Veranstalter Hans Reimann zufolge handelt es sich um die ersten Taiwanopernaufführungen auf europäischem Boden. Im nächsten Jahr will das Ensemble dann eine große Europa-Tournee auf die Beine stellen.

Wobei der Begriff »Oper« ein wenig in die Irre führt. Vergleichbar mit dem Zirkus oder dem Varieté vereint die Taiwanoper ganz verschiedene Künste unter einem dramaturgischen Bogen. Das temporeiche, farbenprächtige Theaterspektakel besteht aus Schauspiel, Musik, Gesang, Tanz, Kampfkunst, Schattentheater und Akrobatik.

Die Taiwanoper entstand vor etwa vierhundert Jahren aus der Folklore und den Tempelritualen der Bauerndörfer. Von Anfang an war sie ein billiges, leicht zugängliches Vergnügen für jedermann – ganz anders als die artifizielle, festen Abläufen und Darstellungsformen unterworfene Pekingoper. Lediglich die Sujets, Bühnenbilder und Requisiten übernahmen die Taiwaner von der Pekingoper.

Elitär ist die Taiwanoper wirklich nicht. Heute werden die Aufführungen sogar erfolgreich im Fernsehen übertragen. Kein Wunder, haben doch auch die funkelnden und glitzernden Bühneneffekte der Popkultur Einzug erhalten. Ob Laser-Show oder Videoclip, Feuerwerk und Wasserspiele – all das findet heute seinen Platz in der Taiwanoper, die auch mal als riesige Freiluftveranstaltung vor tausenden von Besuchern zelebriert wird. Ein atemberaubendes Spektakel, dem aber auch eine politische Dimension innewohnt: Für die Taiwaner, denen China nach wie vor die Unabhängigkeit verweigert, ist ihre Oper eine Möglichkeit, die eigene Kultur und Sprache zu feiern.

Der unbedarfte Europäer wird vielleicht nicht alles verstehen, was das Ensemble so alles auf die Bühne stellt. Langeweile dürfte aber trotzdem nicht aufkommen. Zumal die Musik auch ungeschulten Ohren angenehm und harmonisch erscheint, wird doch hier mit natürlicher Stimme gesungen – nicht im künstlichen Falsett wie in der Peking-Oper. Ein Orchester aus Mandolinen und Bambusflöten sowie Perkussion-instrumenten wie Gongs, Trommeln, Becken, Glocken und Klanghölzern begleitet das Geschehen auf der Bühne.

Ein ganz besonderes Phänomen der Taiwanoper ist es, dass alle wichtigen Rollen – auch die männlichen – von Frauen gespielt werden. Gleichsam seitenverkehrt zur europäischen Theatergeschichte also, in der – ob im antiken Griechenland, den Kompanien der Shakespeare-Zeit oder den barocken Kastratenopern – weibliche Rollen lange Zeit von Männern übernommen wurden.

In ihren Anfängen war auch die Taiwanoper fest in männlicher Hand. Aber mit den japanischen Kolonialherren kamen im frühen 20. Jahrhundert die musisch gebildeten Geishas auf die Insel. Dass man den Frauen die Bühne überließ, war anfangs schlicht eine Anpassung an die Kultur der neuen Herrscher. Außerdem konnte man nun die Zuschauerinnen ohne männliche Begleitung ins Theater lassen, schien doch die Gefahr amouröser Zwischenfälle mit den Darstellern gebannt. Diese Rechnung ging allerdings nicht auf, da die weiblichen Fans sich einfach in die Sängerinnen verliebten. Heute ist Sun Tsui-Feng in Taiwan die berühmteste Darstellerin männlicher Rollen, ein großer Star mit einer Heerschar von Anhängerinnen. Sie wird in Berlin den »Schneefuchs« spielen.

12./13. Oktober, 19:30 Admiralspalast, Tickets: 678 01 11, Infos unter: www.admiralspalast.de

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