Neue Störstreifen im Kriegsbild

Wikileaks sieht in US-Dokumenten »schlüssige Beweise« für Verbrechen beim Irak-Feldzug

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 3 Min.
Trotz Protesten und Drohungen der US-Regierung hat die Internetseite Wikileaks (www.wikileaks.org) am Wochenende fast 400 000 geheime Reports aus dem Irak-Krieg veröffentlicht. Sie liefern zahlreiche Beweise, die zu Verfahren wegen Kriegsverbrechen führen könnten.
Zeichnung: Harm Bengen
Zeichnung: Harm Bengen

Die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks hat jetzt ihren bisher größten Coup gelandet und 391 832 sogenannte Feldberichte aus Irak veröffentlicht. Sie stammen aus einer Datenbank des Pentagons aus der Zeit von Anfang 2004 bis Ende 2009. Bereits im Juli hatte Wikileaks 77 000 Geheimdokumente des US-amerikanischen Militärs zu Afghanistan ins Internet gestellt und damit Washington nachhaltig brüskiert.

Laut »New York Times« zeichnen die Geheimdokumente, die in dieser veröffentlichten Fülle ein historisches Novum in der Militärgeschichte des Landes darstellen, ein »drastisches Bild« des Krieges. Die Zeitung hatte neben dem deutschen »Spiegel«, dem britischen »Guardian« und der französischen »Le Monde« vom Wikileaks-Gründer Julian Assange im Voraus Zugriff auf die Papiere erhalten. Sie enthüllen, dass in Irak mindestens 15 000 Zivilisten mehr umgebracht worden sind als bisher bekannt beziehungsweise zugegeben wurde. Darunter finden sich viele Fälle, bei denen US-Soldaten aus der Luft oder an Kontrollposten unprovoziert abdrückten.

Zwischen Beginn der Besetzung 2003 und Ende 2009 seien etwa 109 000 Iraker getötet worden, so ein Armeebericht, 63 Prozent davon Zivilisten. Die meisten seien durch die Hand anderer Iraker zu Tode gekommen. Über die Zustände in US-amerikanischen Armeegefängnissen in dem Zweistromland würden die Dokumente wenig Informationen liefern, analysierte die »New York Times«. Doch gehe aus ihnen in vielen Fällen hervor, dass die US-Behörden Folterungen irakischer Sicherheitskräfte duldeten und Folter-Vorwürfen nicht nachgingen.

Der 39-jährige Assange, der in London kurz vor der Veröffentlichung eine Pressekonferenz abhielt, wandte sich nachdrücklich gegen Anschuldigungen des Pentagons, die nationale Sicherheit der USA sowie »das Leben unserer Soldaten, unserer Verbündeten und von Irakern und Afghanen« seien durch die Veröffentlichung gefährdet. Vielmehr würden die Feldberichte »schlüssige Beweise« für Kriegsverbrechen liefern. Außerdem seien sie redaktionell so bearbeitet, dass niemand aus der Region wegen Namensnennungen gefährdet werde.

Doch Washington legte umgehend nach. Aus dem Pentagon verlautbarte, es handele sich um Geheimakten, die »der Feind mit Sicherheit gegen uns benutzen wird«. Auch Außenministerin Hillary Clinton, NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und der ehemalige US-Oberkommandierende in Afghanistan Stanley McChrystal äußerten scharfe Kritik an Wikileaks und Assange. Der Australier versteckt sich der »New York Times« zufolge aus Furcht vor den Geheimdiensten und trete nur noch nach lückenloser Absicherung in der Öffentlichkeit auf.

Amnesty International forderte unterdessen, den Foltervorwürfen nachzugehen. Der Amnesty-Verantwortliche für den Nahen Osten, Malcolm Smart, äußerte den Verdacht, dass die US-Behörden »ernsthaft gegen internationales Recht verstoßen haben«. Was US-amerikanische Stellen über Folter und Misshandlungen von irakischen Gefangenen wussten, müsse aufgeklärt werden.

Ähnlich argumentierte die Organisation Human Rights Watch. Der Bürgerrechtsaktivist Daniel Ellsberg, der 1971 die geheimen »Pentagon-Papiere« lanciert hatte, lobte die Enthüllungsgpolitik von Wikileaks und Assange und wies die Kritik Washingtons mit den Worten zurück: »Sie schlagen Alarm, wie sie das immer tun.« zurück. Zahlreiche andere, weniger bekannte US-amerikanische »Whistleblower« (Insider und Enthüller) solidarisierten sich mit Wikileaks.

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