Gehirne scannen, Gedanken raten

Zur Seele: Erkundung mit Schmidbauer

Es ist eine verstörende Erfahrung, die uns plagt, sobald wir beginnen, andere Menschen wahrzunehmen: Wir hängen ab von ihrem Wohlwollen und wissen nicht, ob sie sich uns zuwenden oder uns ablehnen werden. Es bleibt im Dunkel, ob wir auf gute Behandlung hoffen können oder einen Kontakt lieber meiden sollten, in dem wir seelische, gar körperliche Blessuren davontragen. Vertrauen ist gefährlich, denn wir legen eine Rüstung ab, die uns schützen könnte, Misstrauen nicht minder, denn sicherer Abstand und stete Wehrhaftigkeit berauben uns der Nähe und Liebe.

Das mag ein Grund dafür sein, dass falsche und voreilige Aussagen über die menschliche Psyche so beliebt sind. Ein psychologischer Forscher, der offen zugibt, dass er von dem seelischen Geschehen nur Bruchteile erfassen kann, ist weit weniger beliebt als sein Rivale, der behauptet, er habe den Röntgenblick ins Innerste. Wie wenig wirksame Instrumente uns die (neuro)psychologische Forschung an die Hand gibt, können wir daraus ablesen, dass die Industrie längst nicht mehr nach raren kreativen Begabungen suchen würde, wenn Werbepsychologen das wirksame Werbemittel auf wissenschaftlicher Grundlage entwerfen könnten wie der Chemiker das wirksame Medikament. Hier wie in der Politik oder in der Kunst tapert die psychologische Wissenschaft hinterher: Nachträglich wird sie erklären, warum etwas gewirkt, etwas anderes nicht gewirkt hat.

So lässt sich die Geschichte der Psychologie als eine Geschichte von übertriebenen Erwartungen schreiben, welche die neue Wissenschaft an sich selbst richtet und in die Öffentlichkeit transportiert. Das gilt vor allem für die Psychotherapie. In den fünfziger Jahren war Hollywood von den immensen Mächten der Hypnose begeistert; es wurden Morde in Trance begangen und posthypnotische Aufträge erteilt, dämonische Blicke machten Frauen und Männer zu willenlosen Geschöpfen. Dann kamen die Psychoanalyse, der Lügendetektor, das Elektro-Enzephalogramm (EEG): jedes Mal das Versprechen, fern ab von jeder wissenschaftlich belegbaren Realität, jetzt seien wir endlich so weit, ein fremdes Ich so gut zu kennen als sei es das eigene.

Gegenwärtig soll es der Gehirnscan mit Hilfe des Kernspintomographen sein, der Gedankenlesen ermöglicht. Kritiker stellen demgegenüber fest, das Ganze sei ungefähr so aufschlussreich wie ein Versuch, die Prozesse in einem Computer durch das Anlegen von Wärmesensoren zu erkennen. Die Idee, im Kernspin könnten wir in naher Zukunft auch Gedanken lesen, ist absurd. Wo aber flackernde Bilder menschliche Urängste zu heilen versprechen, setzt anscheinend die Kritik aus.

Momentan wissen wir vom Innenleben und Funktionieren einer Ratte weit mehr als von dem des Gehirns. Wir können Prozesse grob erkennen und aus ihnen manchmal Schlüsse auf Inhalte ziehen, meist in simplen Alternativen – etwa ob jemand (vermutlich) lügt oder die Wahrheit sagt. (Lügen ist, wer hätte es nicht gedacht, für das Gehirn aufwändiger. Es werden mehr Areale aktiviert als beim Aussprechen der Wahrheit.)

Besonders bizarr ist die Begeisterung, mit der Wissenschaftsjournalisten unermüdlich bewundern, dass doch tatsächlich ein winziger Bruchteil der Ereignisse in einem erlebenden Ich auch von außen, durch eine millionenschwere Apparatur, wahrgenommen und gespiegelt werden kann. Wie die gesättigte Lösung an einem Staubkorn, so kondensiert sich an diesen banalen Fragmenten die uralte Sehnsucht, endlich Gewissheit zu haben über das, was sich in unseren Mitmenschen abspielt. Das Ganze erinnert an das neueste Spielzeug der Firma Mattel, die auch die Barbie-Welt geschaffen hat: Mindflex, eine Kappe, die laut Spielbeschreibung durch »Gehirnwellen« einen leichten Ball mit Hilfe eines Ventilators zum Schweben bringt. Keine Psychokinese – wenn man einer Schaufensterpuppe ein nasses Tuch auf den Kopf legt und ihr das Gerät aufsetzt, funktioniert es auch.

Kritiker des Gehirn-Booms sprechen von der unterschiedlichen Körnigkeit von Scanbild und erlebendem Ich. Die neuronalen Spiegelungen sind um Welten gröber als unsere Gedanken. Ein anderer Vergleich: Wenn wir herausfinden, ob ein Text mit Tinte oder Bleistift geschrieben ist, können wir noch keineswegs sagen, was da geschrieben wurde. Dazu müssten wir lesen können und die betreffende Sprache beherrschen. Weil stets ein erlebendes Ich auf die angeblichen Gedankenbilder blickt, wird gerne vergessen, wie wenig die Bilder sagen und wieviel das Ich des Betrachters aus seinen Erfahrungen hinzu gibt.

Das faszinierende Versprechen der Gehirnforschung ist die technische Kontrolle. Die Realität wird aber noch für lange Zeit sein, dass wir in einer Stunde Gespräch mehr über einen Menschen erfahren als durch tausend Stunden Scan samt Computerauswertung. Und mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir durch technische Zugriffe niemals erfahren, was Goethe (»An den Mond«) schilderte:

Selig wer sich vor der Welt/ Ohne Hass verschließt,/ Einen Freund am Busen hält,/ Und mit dem genießt,/ Was von Menschen nicht gewusst,/ Oder nicht bedacht,/ Durch das Labyrinth der Brust/ Wandelt in der Nacht.

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