Weihnachten in der Wüste

Chaim Noll

»Sehr herzlich, aus der immer noch sonnigen Wüste«, so hat Chaim Noll seinen Brief unterschrieben. Er lebt in Beer Sheva im südlichen Israel; der Name bedeutet übersetzt »Brunnen des Schwurs«. In der Bibel wird der Ort mehrfach im Zusammenhang mit den Patriarchen Abraham und Isaak erwähnt. Im 1. Buch Mose wird geschildert, wie Abraham einen Bund mit Abimelech schließt und dadurch einen von diesem gegrabenen Brunnen nutzen kann. Geschichtsträchtiger Boden: Ausgrabungen ergaben, dass hier ab 1100 v.u.Z. eine stark befestigte israelitische Stadt existierte. Auch in späteren Jahrhunderten war der Ort besiedelt. Die Makkabäer, die Römer und Byzantiner hatten hier Truppen stationiert. In Beer Sheva, am Rand der Wüste Negev, ist Schnee ein Jahrhundertereignis, und Regen fällt nur sporadisch. Bei seinem letzten Besuch in Berlin hatte mir Chaim Noll von den Mühen erzählt, den kleinen Garten beim Haus am Leben zu erhalten, und von der Freude, wenn dort, trotz allem, etwas wächst. Wie er davon sprach, erschien mir das symbolträchtig für das unablässige menschliche Bemühen, fast Unmögliches möglich zu machen. Pflanzen in der Wüste und Frieden stiften ... Daraus ist nun eine Geschichte geworden, die hier erstveröffentlicht wird. Chaim Noll, 1954 als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll in der Hauptstadt der DDR geboren, übersiedelte 1984 nach Westberlin und ist seit 1998 israelischer Staatsbürger. Er veröffentlichte zahlreiche Essaybände – zum Beispiel »Leben ohne Deutschland«, »Meine Sprache wohnt woanders« (mit Lea Fleischmann) – und vor allem Romane. Genannt seien »Der goldene Löffel«, »Der Kithara-Spieler« und jüngst »Feuer« (siehe ND vom 17.12. 2010) – eine spannende Geschichte, die nach einer Katastrophe handelt und dem Verhalten von Menschen in Extremsituationen gilt. (Irmtraud Gutschke)

Je mehr Steine liegen, umso weniger Sand weht durch die Luft ND-

In diesem Jahr haben wir einen sonnigen Dezember. Der Garten erholt sich von der Trockenheit des Sommers und beginnt wieder zu wachsen wie im Frühjahr. Die Mandelbäume treiben von neuem. Apfel und Aprikose weigern sich, ihre Blätter abzuwerfen. Auch der Granatapfel steht unverändert in seiner grünen Folie. An der Mauer nach Westen reifen die Passionsfrüchte. Ich pflücke sie und trinke ihren köstlichen Saft.

Am Ende der kleinen Straße beginnt die Wüste. An diesem warmen Nachmittag entschließe ich mich, ein paar Steine zu sammeln, Wüstensteine, hell und kompakt. Diese Steine legen wir zwischen die Pflanzen, um die Pflanzen herum. Sie halten die Feuchtigkeit in der Erde, verhindern das Austrocknen des Bodens, das Verdunsten des Wassers, das aus den Bewässerungsschläuchen tropft. Sie dämpfen die Wirkung der Sandstürme, die uns heimsuchen werden wie jeden Winter, kalte, böse Winde, die Unmengen von Sand ins Haus wehen und meine Frau zur Ver...


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