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Neue CD von David Bowie »Heathen«

  • Von Carloff Wiltner
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.
In der Pop-Welt gibt es immer wieder Ausnahmeerscheinungen, die ihren eigenen Kopf durchsetzen und trotzdem Hits machen, und das liegt nicht daran, dass sie gewöhnlich wären. David Bowie ist ohne Zweifel solch eine Erscheinung. 1967 ging der Beat in den Rock über, und die Zeit für Bowies Mischung aus Glamour und musikalischer Brillanz sollte erst noch kommen. Damit war er Avantgarde, und diesem Anspruch konnte er auch weiterhin ohne angestrengte Künstlichkeit gerecht werden. Er spielte mit Stilrichtungen, und sein Publikum stand vor dem Problem, ihn einzuordnen. Entweder mischte er als »Ziggy Stardust« seinen frühen Revue-Stil mit Rock-Elementen, gab als Clown verkleidet mit »Ashes to Ashes« dem kommerzialisierten New Wave ein experimentelles Gesicht, oder er brachte mit »Lets Dance« einen eigentümlichen Tanz-Hit heraus, dessen schleppende, heiße Atmosphäre in Kontrast zur längst unterkühlt wirkenden Figur Bowie stand. Bowie ist in erster Linie ein kalkulierender Künstler. Er ist konzeptionell, er hat ein Thema. Dieses Thema ist »Entwicklung« in allen Schattierungen: musikalisch, persönlich und metaphysisch. »Changes« war einer seiner frühen Hits, und Wandlungen sind die einzelnen Stufen seiner Entwicklungsleiter. Er wird mit den Jahren nicht nostalgisch, sondern reifer. Seine letzte Entwicklungsstufe heißt »Heathen«, auf deutsch Heide,Barbar. Positiv ausgedrückt spielt sein neues Album mit der Überwindung des Glaubens, mit dem Traum der restlosen Erklärbarkeit. Im Booklet zeigt ein Foto die Rücken der Bücher Einsteins »Allgemeine Relativitätstheorie«, Freuds »Traumdeutung« und Nietzsches »Fröhliche Wissenschaft«. Exemplarisch ist das eine gute Auswahl, auch wenn er sich damit auf - rund gerechnet - hundert bis hundertfünfzig Jahre alte Theorien bezieht. Aber mit »Heathen« wird auch nicht der Anspruch erhoben, der Weisheit letzten Schluss produziert zu haben. »Classic David Bowie, Circa 2002« steht auf der Vorderseite als Information für kommende Generationen: auch »Heathen« wird einst überholt sein; so geht das mit der Entwicklung. Für das Ohr eines heute lebenden Menschen stellt es musikalisch keine Revolution dar. Es ist ein Album mit gut geschriebenen und, trotz der Fülle der Möglichkeiten, vorsichtig arrangierten Songs. Die Möglichkeiten ergeben sich aus der nahezu unerschöpflichen Anzahl der Instrumente, die hier zu hören sind: elektrische Gitarren (u.a. Ex-»Who« Pete Townshend), akustische Gitarren, ein Streichquartett (The Scorchio Quartet), ein Bläsersatz (The Borneo Horns), Perkussion und, neben der üblichen Pop-Besetzung, selbstverständlich allerhand elektronischer Zauber. Über dem Ganzen liegt Bowies Stimme, aber sie ist nicht allein der Grund dafür, dass das Album typisch ist. Die Art und Weise wie die Songs geschrieben sind machen aus dem Album etwas Eigenständiges. Dass trotz modernster musikalischer Mittel weder die Tanzbarkeit noch die Untermalungsqualitäten im Vordergrund stehen, dass die Songs im Gegenteil sogar dazu anhalten, ihnen zuzuhören, das mutet sogar etwas unmodern an. Vielleicht ist aber das der entscheidende Entwicklungsschritt, den Bowie hier wagt. Der Schritt in eine vergessene Richtung: klassisch Bowie! Ob wirkliche Hits aus der Platte hervorgehen, kann man nur rat...

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