Krank durch Artensterben

Schwindende Biodiversität fördert Ausbreitung von Parasiten

  • Martin Koch
  • Lesedauer: 3 Min.
Eigentlich sollte man erwarten, dass mit dem Schwund des Artenreichtums auch die Zahl der Krankheitserreger zurückgeht. Doch dem ist nicht so. Wie US-Forscher jetzt nachgewiesen haben, gefährdet ein Verlust an Biodiversität langfristig die Gesundheit vieler Menschen.

Biologen schätzen, dass durch wirtschaftliche Aktivitäten derzeit über tausendmal mehr Tier- und Pflanzenarten aussterben als auf natürlichem Weg. Zwar sind viele Menschen bemüht, dieser Entwicklung im Rahmen des Umweltschutzes entgegenzuwirken. Daneben ist jedoch die Vorstellung verbreitet, dass die enorme Artenvielfalt so etwas wie eine Laune der Natur und der Mensch mithin berechtigt sei, vor allem das zu bewahren, was ihm nützlich erscheint.

Doch was ist nützlich? Wie schwer sich diese Frage beantworten lässt, zeigt eine neue Übersichtsstudie, die ein Forscherteam um Felicia Keesing vom Bard College in Annandale (US-Bundesstaat New York) jetzt im Fachblatt »Nature« (Bd. 468, S. 647) veröffentlicht hat. Untersucht wird darin der Zusammenhang zwischen der schwindenden Biodiversität und der Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass hier eine direkte Proportionalität vorliegt. Das heißt: Wenn die Zahl der Arten rückläufig ist, sinkt automatisch auch die Zahl der Wirte für verschiedene Krankheitserreger und somit deren Zahl selbst. In der Natur nehme dieser Prozess jedoch häufig einen anderen Verlauf, sagt Keesing und verweist auf den Parasiten »Schistosoma mansoni«, der bei Menschen die oft tödlich endende Tropenkrankheit Bilharziose auslöst. Zuvor benötigt der Parasit für die Entwicklung seiner Larven eine Süßwasserschnecke als Zwischenwirt. Untersuchungen haben nun ergeben, dass bei einer großen Vielfalt an Wasserschneckenarten das menschliche Infektionsrisiko deutlich abnimmt. Denn ein Großteil der Larven landet auf Schnecken, die als Wirt nicht taugen. Allgemein gilt, dass in einer artenreichen Umgebung die Gefahr durch Krankheitserreger gemildert wird, da diese sich statistisch gesehen öfter für den »falschen« Wirt entscheiden.

Wie aus anderen Studien hervorgeht, sind die robusten Tiere in der Natur zumeist auch die größten Krankheitsverbreiter. Als Beispiel sei hier die Weißfußmaus genannt, die sich wegen des Rückgangs der Zahl ihrer natürlichen Konkurrenten namentlich in den Wäldern Nordamerikas seit Jahren rasant vermehrt. Parallel dazu wurden in den USA und Kanada mehr Fälle von Lyme-Borreliose registriert, einer Erkrankung, die unbehandelt zu Gelenkbeschwerden, aber auch zu Herz- und Nervenschäden führen kann. Denn die Weißfußmaus ist der bevorzugte Wirt der Borreliose-Bakterien. Von hier aus gelangen die Erreger in nicht minder robuste Zecken, die zuletzt den Menschen infizieren.

Noch können die Forscher nicht sagen, warum vom Rückgang der Biodiversität gerade jene Arten profitieren, die Krankheiten besonders effektiv übertragen. Doch zumindest empirisch sei dieser Effekt belegt, meint Keesings Kollege Andrew Dobson und warnt: »Wenn die biologische Vielfalt weiter sinkt und der Kontakt von Menschen und Tieren zunimmt, dann sind neue Ausbrüche von Infektionskrankheiten künftig kaum zu vermeiden.«

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