Israelisches Familienalbum

Das Centrum Judaicum zeigt Porträtfotografie von Aliza Auerbach

  • Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Bildteppich eines vitalen, vielgestaltigen Lebens
Bildteppich eines vitalen, vielgestaltigen Lebens

Schnee und Schienen. Zentralperspektive, der Fluchtpunkt außerhalb des Bildhorizonts. Die Fotografin Aliza Auerbach, 1940 in Haifa geboren, hat dieses universelle Bild der Shoa in sich getragen. Gefunden hat sie die Schienen, den blauen Schuppen, den kargen Ort in ihrer Heimatstadt Jerusalem. Dazu der Schnee. Selten dort. Die Kamera auspacken, ein Foto – schnell mag das gegangen sein mit den geübten Fingern, dem geschulten Auge der prominenten Fotografin. Aber die Melodie mit dem das real Poetische unterlegt ist, wurde in Jahrzehnten komponiert.

Das Bild »Terminal in the snow« (2008) eröffnet eine der schönsten Ausstellungen im Centrum Judaicum. Sie ist den Überlebenden des Holocaust und ihren Familien gewidmet und dokumentiert zugleich Gründungsgeschichte und Gegenwart des gelobten Landes, das mehr und reicher ist, als ein politisch so oder so agierender Staat Israel.

Großformatige ebenso behutsam wie seelentief ausgeleuchtete Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen die Gesichter der Urgroßväter und Urgroßmütter. Es sind Schicksalslandschaften im Halbprofil oder frontal. Etwa von Zev Birger oder von Joshua Tessler. Im Kontrast dazu wird die über zwei, drei Generationen angewachsene Familie in Farbfotografien präsentiert und so ein wahrhaft bunter Bildteppich eines vitalen, vielgestaltigen Lebens gezeigt.

Familienbilder sind ein traditionelles Genre. Fotoalltag. Fast jeder besitzt Alben mit Tanten, Onkeln, Kindern, Großeltern. Kontinuität ist für die meisten Menschen heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Für die europäischen Juden aber ein Schmerzglück, wie das eigene Überleben selbst.

Die Familie ist in den modernen Gesellschaften ein fragiler Wert. Allein deshalb schon hat sich auch die zeitgenössische Fotografie neben dem Porträt dem Familienbild zugewandt und es aus seiner Schnappschussrealität zur Kunstform erhoben. Die Familie wurde zum bildnerischen Forschungsgegenstand, um die psychologischen Feinströme zwischen den einzelnen Mitgliedern zu erfassen, wie es etwa Thomas Struth versucht hat. Oder sie sind in Zeiten der Globalisierung soziokulturell inspiriert, um kulturelle Identität und Differenz zu ergründen, zu zeigen wie sich in Kleidung, Wohnmilieu und Habitus Menschen unterscheiden.

Diese Aspekte sind auch in den Bildnissen von Aliza Auerbach zu finden, wenn man etwa das Nebeneinander von orthodoxen und säkularen Juden innerhalb einer Familie, das Nebeneinander der Generationen, die unbekümmerte Präsentation der Jugendlichen neben der geradlinigen Ernsthaftigkeit der Alten dokumentiert sieht.

Das Anliegen dieser thematischen Arbeit, zu der auch die Lebensberichte der aus den verschiedensten Ländern nach Israel eingewanderten Überlebenden, nebst einiger sorgsam behüteter Gegenstände, gehören, ist ein anderes. Wir sind da, wollen diese Bilder sagen. Die Familiengründung gilt im wahrsten Sinne als ein Lebenswerk, das mit Stolz gezeigt wird.

Nach den Erfahrungen von Verlust, Erniedrigung und Hunger, nach dem Überlebenskampf in den Lagern oder der Tode nächster Angehöriger, bleibt die feste Überzeugung, dass allein die Gründung einer eigenen – mitunter neuen – Familie die Antwort auf Hitlers Vernichtungsversuch sein kann.

Bis 27. Januar, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Str 28

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