Der Tod als »ein Stück Normalität«

Niedersachsen: Karsten Rubi ist einer der wenigen männlichen Hospizbegleiter

  • Birte March, epd
  • Lesedauer: 3 Min.
Rund 80 000 Ehrenamtliche engagieren sich in der Hospizbewegung. Nur etwa zehn Prozent sind Männer. Einer davon arbeitet in Barsinghausen.

Hannover. Karsten Rubi nimmt sich Zeit für etwas, das vielen Männern schwer fällt. Der ehrenamtliche Hospizbegleiter aus Barsinghausen bei Hannover spricht offen über Gefühle. Auf diese Weise hilft er Sterbenden und ihren Angehörigen dabei, Angst, Wut und Trauer zu bewältigen. Dass sich in der Hospizarbeit nur wenige Männer engagieren, liege wohl vor allem am emotionalen Gehalt seiner Arbeit, erzählt der 47-Jährige: »Viele sehen dadurch das traditionelle Bild vom starken Mann erschüttert.«

Acht von 60 sind Männer

Im ambulanten Hospizdienst »Aufgefangen« des evangelischen Kirchenkreises Ronnenberg, in dem sich Rubi seit 2004 engagiert, arbeiten 60 Ehrenamtliche. Acht davon sind Männer. »Es ist wichtig, dass ihr Anteil steigt«, sagt der gelernte Holz- und Betriebstechniker. Nicht nur, weil viele Männer am Lebensende gern von Männern betreut werden möchten. Es gehe auch um praktische Hilfe in den Familien. »Gelegentlich muss ich schon mal einen Schrank verschieben«, sagt Rubi.

Rund 80 000 Ehrenamtliche engagieren sich nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz deutschlandweit in der Hospizbewegung. Zu 90 Prozent sind es Frauen. Rubi ist in Barsinghausen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, betreut ein Projekt für trauernde Kinder und hat etwa fünfmal pro Jahr Kontakt zu Schwerkranken und Sterbenden. Der Mann, der mit seiner ruhigen Stimme ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt, erklärt: »Ich kann stark sein und Gefühle zeigen. Das hat jeder Mensch in sich.«

Stark sein musste Rubi, als seine Frau 1996 an Krebs stirbt. Der gemeinsame Sohn ist zu diesem Zeitpunkt noch kein Jahr alt: »Ich dachte damals, ich schaffe das alles schon irgendwie.« Die Arbeit, der Säugling, die kranke Partnerin – er kümmert sich um alles Notwendige. Unterstützung findet er innerhalb der Familie. Aber auf emotionaler Ebene habe er nicht für sich gesorgt, sagt er. »Ich habe auch nie daran gedacht, mir Hilfe von außen zu holen. Dabei ist das unglaublich wichtig.«

Angst und Isolation

Heute wisse er, dass viele Angehörige in ihrer Verzweiflung kaum an sich selbst denken. »Einige haben sogar Angst, das Haus zu verlassen und isolieren sich immer mehr.« Deshalb kümmere er sich, wie alle Hospizbegleiter, nicht nur um die Sterbenden, sondern auch um ihre Familien. Trauerarbeit ist in der Hospizbewegung ein wichtiges Thema. Hinter den rund 100 Fällen, die die Ehrenamtlichen des Dienstes »Aufgefangen« im vergangenen Jahr begleitet haben, verbergen sich mindestens doppelt so viele Menschen.

Als Rubi seine heutige Lebensgefährtin kennenlernt, beginnt er, sich intensiver mit der eigenen Trauer auseinanderzusetzen. Die Sozialpädagogin, die die Koordination von »Aufgefangen« übernommen hat, ermutigt ihn zur ehrenamtlichen Tätigkeit. An seine erste Begleitung erinnert sich der ehemalige Außendienstler noch genau: »Ich war sehr aufgeregt. Aber meine Nervosität verschwand schnell, als ich die Hand der Sterbenden nahm.« Er wolle in diesen Momenten nicht urteilen, sondern zuhören, sagt Rubi: »Der Sterbende hat ein Recht auf alles.« Da kämen auch mal Sachen zur Sprache, von denen die Familie nichts weiß. Das sei schon eine Art Dreiecksbeziehung, meint Rubi lachend. »Es gibt aber auch Situationen, da muss man nichts sagen, sondern einfach nur da sein.«

»Wir schenken den Menschen Zeit für einen Kaffee mit dem Nachbarn, aber auch Zeit für Gespräche über Zorn, Wut und Trauer.« Für viele Familien sei es schwer, mit der eigenen Verzweiflung umzugehen. Oft werde ihrer Trauer in der Gesellschaft zudem nicht genügend Raum gegeben. »Dadurch können Depressionen entstehen«, sagt Rubi. »Und das wollen wir verhindern«.

Für Rubi selbst ist der Tod längst zu einem Teil des Ganzen geworden, »ein Stück Normalität«. Er wolle nicht als Wanderprediger gesehen werden, stehe aber voll und ganz hinter seiner Arbeit, sagt er: »Ich bin dadurch auch stärker geworden. Weil ich heute mehr Gefühle zulasse.«

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