Verwischte Spuren bloßgelegt

Rolf-Dieter Müller zeichnet den Weg zum 22. Juni 1941 nach

Einer aus der Avantgarde der deutschen Militärhistoriker hat sich nunmehr erneut auf die historische Spur gesetzt, die zum 22. Juni 1941 führt. Diese ist zum einen deshalb undeutlich, weil nicht jeder Schritt zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion scharfe Trittsiegel hinterlassen hat, also unzweifelhaft dokumentiert ist. Denn von den Erwägungen Hitlers und den Begegnungen und Besprechungen, die zwischen ihm und den deutschen Militärs ab dem 2. Februar 1933 darüber stattfanden, existieren meist nur stichwortartige und arg verkürzte Aufzeichnungen einzelner Teilnehmer, die mitunter eine erhebliche Interpretationsbreite zulassen. Mehr Auskunft geben da die nach solchen Treffen ergangenen Weisungen und Befehle und insbesondere die sich daran anschließenden Aktivitäten im Heeresgeneralstab.

Die Aufgabe einer exakten Rekonstruktion der historischen Spur kompliziert sich auch noch dadurch, weil diese später absichtsvoll gelöscht oder verwischt worden ist. Zuerst von jenen Militärs, die ein Interesse daran besaßen, nicht »dabei gewesen« zu sein. Und dann von Historikern, die den Lügnern Glauben schenkten. Wer nach dem Krieg der faulen Ausrede widersprach, Hitler allein sei es gewesen, auf den stürzte sich eine Meute – am Anfang gar von Juristen. Dies erlebte schon Friedrich Paulus, als er als Zeuge im Gerichtssaal von Nürnberg 1946 über die Rolle des Heeresgeneralstabs bei der Vorbereitung des unter dem Tarnnamen »Barbarossa« unternommenen Feldzugs sprach, darunter auch über seine eigene.

Rolf-Dieter Müller, wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, zeigt nun, dass es so etwas wie einen fixen Stufenplan für den Krieg, der Deutschland ein riesiges Kolonialreich und eine sichere Einflusszone schaffen sollte, nicht gab. Die Vorstellungen darüber, wann mit wem und auf welche Weise dieser Eroberungskrieg begonnen werden sollte, wandelten sich. Diesem Wandel geht der Autor Schritt für Schritt nach. Er erörtert für die Jahre von 1934 bis in das Frühjahr 1939 insbesondere die auf Polen gerichteten Initiativen, beginnend mit dem im Januar 1934 geschlossenen deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag. Dass Müller diesem ähnlich große Bedeutung zumisst wie dem fünfeinhalb Jahre später geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag, mag dem auch in der Geschichtsliteratur um sich greifenden Hang zuzuschreiben sein, stets mit neuen Sichten aufzuwarten.

Müller weist überzeugend nach, dass Polen zu den von Deutschland umworbenen Staaten Osteuropas gehörte, die als politischer, besser noch als militärischer Verbündeter für die Beseitigung der Sowjetmacht und die Zerstückelung des europäischen Russland gedacht waren. Ebenso akribisch werden die Gründe von Warschaus schließlichem Verzicht auf diese Rolle dargelegt. Es gab keine Rückversicherung dagegen, von dem mächtigeren Komplizen am Ende so oder so – vulgo – übers Ohr gehauen zu werden. Nicht die Zurückweisung der deutschen Offerte war der Fehler, wohl aber die Illusion, wie man sich dann gegen den abgewiesenen Werber würde behaupten können, mit dem man sich bei der Zerstückelung der Tschechoslowakei noch sehr wohl einließ.

Gegenstand mehr oder weniger vager Planungen war in der deutschen Führung, wie man sich auf einen Kriegszug nach Osten begeben könne, dabei um Polen einen Bogen schlagend, also über das Baltikum im Norden und die Slowakei und Ungarn im Süden. Dies wurde zugunsten der Entscheidung verworfen, am 1. September 1939 das östliche Nachbarland zu überfallen, womit nicht allein ein deutsch-polnischer Krieg beginnen, sondern der unwiderrufliche erste Schritt in den Zweiten Weltkrieg getan werden würde. Wie es danach weitergehen soll, blieb für einen Moment an der Spitze des deutschen Regimes unbeantwortet. Doch trauten sich die deutschen Militärführer durchaus zu, von Polen aus rasch in die Sowjetunion vorzudringen, von der sie die Vorstellung eines Kartenhauses besaßen.

Es gehört zu den unter Historikern ungeliebten kontrafaktischen Fragen, ob auf Polens Unterwerfung der Einfall in die UdSSR gleich oder erst nach einer Pause gefolgt wäre, hätten Großbritannien und Frankreich – wie eben noch im Falle der zerschlagenen Tschechoslowakei – wieder still gehalten. Würde Hitler den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 bereits zwei Monate nach dessen Abschluss gebrochen haben, wie er es 22 Monate danach tat? Die Kriegserklärungen aus London und Paris, die am 3. September 1939 als Antwort auf den deutschen Einmarsch in Polen in Berlin eingingen, haben ihm diese Entscheidung abgenommen. Der Krieg gegen die UdSSR war damit nicht abgesagt, er war nur aufgeschoben.

Als Frankreich kapitulierte, wurden die auf Eis gelegten früheren Aggressionsplanungen gegen die Sowjetunion wieder aufgenommen. Deren Geschichte bildet den Hauptteil von Müllers Werk. Dessen großes Verdienst ist es, mit der Legende aufgeräumt zu haben, dass ideologischer, antibolschewistischer Wahn den Antrieb zu diesem Eroberungszug geliefert habe. Er unterscheidet klar zwischen den realen Zielen – sowohl im Hinblick auf die Weiterführung des Krieges »nach Barbarossa« wie im Blick auf die imperialistischen Ziele nach dem »Endsieg« – und der sie verkleidenden propagandistischen Kostümierung. Diese Differenzierung freilich wird in der marxistischen Literatur (die man im einschlägigen Verzeichnis vergeblich sucht) seit Langem vorgenommen.

Den Abschluss des Bandes bilden die zu definitiven Befehlen verdichteten Planungen, die Haupt- und Nebenrichtungen der Operationen und strategische Ziele bestimmten. Da zeigt sich eine Generalität mit einem bornierten Bild von »Russland«, dem Regime, dem Land und den Leuten sowie der Roten Armee. Deutlich wird, wie feige oder einflussarm ihre Befehlshaber waren, um dem tödlichen und verbrecherischen Abenteuer zu widersprechen. »›Barbarossa‹ zeugt nicht nur vom moralischen, sondern auch vom professionellen Versagen einer vergangenen Militärelite«, so Müller. Das Wort »vergangen« sollte nicht beruhigend gelesen werden. Geschichte wiederholt sich mitunter, wenn auch nicht auf die gleiche Weise.

Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939. Ch. Links-Verlag, Berlin. 294 S., geb., 29,90 €.

Buchpremiere mit dem Autor am 22. Juni 2011 im Deutschen Historischen Museum, Zeughauskino (18 Uhr)

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